„Ich bereue nichts“?

Hin und wieder halte ich evangelische Beerdigungen. Eigentlich ist dafür eine von der Synode meiner Kirche beschlossene Agende vorgeschrieben. Immer öfter werden allerdings Pfarrer mit Sonderwünschen konfrontiert. „Keine Choräle, kein Vaterunser, keine Bibel, einige Dias vielleicht? o.ä.“ Heutige Friedhofshallen ermöglichen alle denkbaren technischen Einspielungen.

Dass ich allerdings beim Trauergespräch einen kompletten Ablauf vorgelegt bekomme mit dem Chanson „Non, je ne regrette rien“  von Édith Piaf vorweg  und einem Samba zum Schluss, habe ich noch  nicht erlebt. Ich bin durchaus bereit, das spirituelle Testament der Verstorbenen zu achten. Wenn ich denn an irgendeiner Stelle das Evangelium verkünden darf.

Also hört die Trauerversammlung die unverwechselbare Stimme der Piaf mit dem dunklen und trotzigen Intro, das sich steigert, um dem Lied ein jubelndes und triumphierendes Ende zu bereiten und die Haltung gegenüber der Vergangenheit aufzugeben.

„Nein, gar nichts / Nein ich bedauere nichts / Nicht das Gute das mir widerfahren ist / Nicht das Schlechte, all das ist mir egal / Nein gar nichts…/ Nein ich bedauere nichts…/ Ich habe bezahlt, weggefegt, vergessen / Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen! / Mit meinen Erinnerungen habe ich verbrannt meine Sorgen meine Freuden. Ich brauche sie nicht mehr. / Weggefegt meine Liebschaften und all ihr Gejammer /weggefegt für immer. / Ich beginne bei Null. / Nein gar nichts…./ denn mein Leben, mein Glück beginnt heute mit dir.“

Ein Liebeslied finde ich durchaus passend, heißt es doch in der Bibel: „Stark wie der Tod ist die Liebe, mächtig die Leidenschaft wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Gluten Gottes ihre Flammen Flammen aus Gott.“ (Hoheslied 8, 6)

Aber ist es denn ehrlich – oder doch nur Show? Es stammt ja gar nicht von Édith Piaf.

Das Lied wurde bereits 1956 komponiert, blieb jedoch bis 1960 unveröffentlicht. Am Nachmittag des 5. Oktober 1960 stellten der Texter Michel Vaucaire (1904–1980) und der Komponist Charles Dumont (* 1929) der bereits todkranken Edith Piaf das Lied  am Piano bei ihr zu Hause vor. Ihr Biograf Jens Rosteck meint, sie haben jetzt den richtigen Zeitpunkt erwischt für diese schnoddrig-unbekümmerte Grundhaltung, hinter  der so viele Verletzungen und Selbstzweifel stehen. In jenem Jahr hing ihre Karriere an einem seidenen Faden. Das Lied wird zum großen Triumpf für die letzten dreißig Monate ihres Lebens.

Krankheiten belasten sie ja ein Leben lang. Schon als kleines Kind  1919 erkrankte sie an einer Entzündung der Augenhornhaut und erblindete. Zwei Jahre später machte ihre Großmutter mit ihr eine Wallfahrt zur Heiligen Therese nach Lisieux. Édith schrieb ihre anschließende Heilung dieser Wallfahrt zu. Deshalb verehrte sie die Heilige Therese ihr Leben lang und besuchte deren Grab als Erwachsene inkognito alljährlich. Ihr Bild trug sie oft bei sich, betete abends knieend und bekannte: „Mein Glaube an etwas Größeres, Stärkeres, Reineres als alles, was es hier auf  Erde gibt,  ist grenzenlos.“ Zwar kümmerte sie sich  wenig um die traditionelle katholische Sexualmoral, weshalb der Vatikan höchstselbst ihr die Totenmesse verweigerte, aber gleichwohl war sie empfänglich für „Zeichen vom Jenseits“. Kein Auftritt ohne vorheriges Ritual: „Zuerst bekreuzige ich mich, dann küsse ich die geweihte Medaille,  die ich immer bei mir trage. Ich bücke mich und berühre mit beiden Händen den Boden. Danach strecke ich den Zeigefinger und den kleinen Finger aus, um imaginäre Dämonen abzuschrecken. Erst nachdem ich alle Freunde abgeküsst habe,… wage ich ins Scheinwerferlicht zu treten.“

Sie, die kaum eine normale Schule besuchen konnte und sich unter widrigsten Umständen durchschlagen musste, beschäftigt  sich plötzlich mit Philosophie und Literatur. Sie weigert sich hinzunehmen, dass nach dem Ableben eines Menschen nichts als Staub von ihm zurückbleibe.

Ob man ihre Lieder mag oder nicht,  ob man ihre Eskapaden akzeptiert oder nicht, den Respekt vor ihrer Lebensleistung kann ich ihr nicht versagen.

Doch wirklich keine Reue? Im Jahr ihres Todes 1963, vollgepumpt mit Drogen und Medikamenten,  schwankte sie zwischen Verzweiflung und Euphorie. Jeden Tag, so ihre Pflegerin, zog sie Bilanz. Sie listete ihre Fehler und Versäumnisse auf, sprach von dem hohen Preis, den sie für ihre Dummheiten zahlen müsse. „Alles, was Édith jetzt, unter vier Augen, noch von sich gab, war das genaue Gegenteil von dem, was sie in „Non, je ne regrette rien“ so triumphierend behauptet hatte. Piaf bereute viel. Sehr viel sogar.“ S.385

(Alle Zitate aus Jens Rosteck: Édith Piaf, Hymne an das Leben. Propyläen Verlag 2013)

Darüber habe ich natürlich bei der Beerdigung nicht gesprochen. Das Chanson ist immer gut für Abschiede aller Art, die bitteren, die unrühmlichen, die stolzen und auch die unbekümmerten. Zwar muss man über Tote nicht nur Gutes sagen, aber alles in guter Weise – wie schon die Römer wussten: „De mortuis nil nisi bene.“

Gleichwohl denke ich, dass es einen tiefen Sinn hat, dass die Liturgie eines christlichen Gottesdienstes mit einem Schuldbekenntnis beginnt. So toll sind wir nämlich alle nicht.

 

 

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