Evangelische in Syrien

Als ich in friedlichen  Zeiten Studienreisen nach Syrien organisieren konnte, war ich überrascht über die vielfältigen christlichen Kirchen in diesem mehrheitlich islamischen Land: ihre blühende Gemeindearbeit und vor allem die Qualität ihrer Schulen. Allerdings vermisste ich oft ökumenische Zusammenarbeit und wunderte mich über die milde Beurteilung der Diktatur.

Darum war ich gespannt auf den Vortrag, den der presbyteranische  Pfarrer Mofid Karajili aus Homs gestern im Stuttgarter Hospitalhof hielt. In seiner Präsentation zeigte er das wieder erstandene Leben in dieser total zerstörte Stadt. Die Gemeinde ist ziemlich stabil geblieben, obwohl sie unter der Auswanderung vor allem von jungen Leuten leidet. Darum bemüht man sich vor allem um die Kinder und Jugendlichen.

22 aktive junge Erwachsene versuchen einen Ort der Hoffnung vorzuleben in den Räumen der Kirchengemeinde: „Space for Hope“ – so heißt das Programm, das Mofid Karajili sich ausgedacht hat.  Kinder sollen die Möglichkeit haben, Kinder zu sein. Barrieren zwischen sunnitischen, alawitischen und christlichen Kindern sollen durch Spiel und Spaß überwunden werden, in der Hoffnung, dass die nächste Generation einen Weg finden wird, um miteinander auszukommen und in Frieden leben zu können. Viele der Kinder, mit denen sie arbeiten, haben nur Krieg erlebt. Sogar die 8- und 9-jährigen Kinder haben den Großteil ihres Lebens unter dem Bürgerkrieg gelitten. Alle haben im Bürgerkrieg Familienmitglieder und Freunde verloren. „In den Gesichtern und der Körpersprache der Kinder spürt man die Traumata des Krieges,“ sagt Mofid Karajili. „Aber die Kinder sollen wie alle Kinder auf der ganzen Welt Kinder sein dürfen.“ Die schwierige ökonomische Lage gefährdet allerdings die Aktivitäten. Schuld seien nicht zuletzt die Sanktionen der EU und der USA. „Die sollen die Regierung treffen, treffen aber die arme Bevölkerung“. Er dankte den deutschen Unterstützern und appellierte an die Versammlung, nicht nur den Migranten in  Europa zu helfen, sondern vor allem auch denen, die im Land durchgehalten haben. Ohne Arbeitsplätze für junge Leute sehe er sonst keine Zukunft für sein Land.

Über solche politischen Behauptungen hätte ich gern diskutiert. Aber Pfarrer Karajili machte gleich eingangs klar, dass er  sich nicht politisch äußern wolle. Das könnte ihn und die ganze Arbeit gefährden. Man weiß, dass alle Kirchen mit regimekritischen Meinungen sich zurückhalten. Sie fürchten, dass jede Alternative für sie noch schlimmer werden würde. Und der Verlauf des Krieges mit seinen diversen fanatisch-islamischen „Rebellenmilizen“ gibt ihnen da wohl recht.

Gefreut habe ich mich, dass offenbar die ökumenische Zusammenarbeit vorangekommen ist. So leitet eine katholische Nonne ein evangelisches Altersheim. Überhaupt sind die diakonischen Einsätze der gesamten Kirche erstaunlich. Man trauert aber auch gemeinsam über die christlichen Märtyrer wie Pater Frans van der Lugt, der in unmittelbarer Nachbarschaft in seinem jesuitischen Konvent von Islamisten erschossen wurde.

Dass dabei das Gustav-Adolf-Werk (GAW) kräftig hilft, musste der Geschäftsführer Pfarrer Enno Haaks als Dolmetscher ständig hinzufügen.  Vgl. https://www.gustav-adolf-werk.de.

Über den zahlreichen Besuch an diesem Feiertag freute sich auch die Präsidentin Prälatin Gabriele Wulz. Die Vertreterversammlung des ältesten evangelischen Hilfswerks hatte ja erst kürzlich beschlossen, zwei evangelische Kirchen aus Syrien als 50. Und 51. Partnerkirche des GAW offiziell aufzunehmen: Die „Evangelische Kirche in Syrien und im Libanon“ und die „Union Armenisch-Evangelischer Gemeinden in Syrien“. Letztere hatte ich früher einmal in Aleppo besucht.

Schon damals war ich beeindruckt vom Gottvertrauen der syrischen Christen und von der Heiterkeit, die sie trotz allem ausstrahlen.

Nach der Informationsveranstaltung war  Zeit für Begegnung mit etlichen Syrern, die ebenfalls gekommen waren.

Im GAW-Verlag ist ein Themenheft zu Syrien erschienen: „Hilf mir vor meinen Verfolgern! – An der Seite bedrohter evangelischer Christen in Syrien“

Das Heft (A4-Format) nimmt die Entstehung und die aktuelle Situation evangelischer Gemeinden in Syrien in den Blick und verleiht diesen Christen eine Stimme. Weitere Beiträge stellen den Kontext zu historischen Zusammenhängen her, der notwendig ist, um aktuelle Verwerfungen in der Region besser zu verstehen.

Mit Beiträgen von Martin Tamcke, Karin Leukefeld, Haroutune Selimian, Najla Kassab, Joseph Kassab, Uta Zeuge-Buberl, Katja Dorothea Buck u.a.

54 Seiten, 5,00 €  ISBN: 978-3-87593-130-3    Bestellung: verlag@gustav-adolf-werk.de

 

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