Digitalisierung und Kirche

„Verheißung oder Verhängnis? Globale ethische Herausforderungen der Digitalisierung“ hieß der Vortrag, den der EKD-Ratsvorsitzende Professor Heinrich Bedford-Strohm am 21. Oktober in Tübingens Universität hielt. Diese positioniert sich immer stärker als deutsches Forschungszentrum für „Künstliche Intelligenz“. Deren Wissenschaftler hatten aber nicht eingeladen, traten auch in keiner Diskussion auf, denn Veranstalter dieser 13.Weltethosrede war die gleichnamige Stiftung. Diese wurde von Hans Küng gegründet, der als Ehrengast zugegen war.

Wer die kirchliche Debatte zur Digitalisierung verfolgt hat, erfuhr leider wenig, was nicht bereits veröffentlicht ist. Ich hätte Bedford-Strohms Ausführungen gern diskutiert, aber das lässt dieses monologische Format nicht zu.

https://www.ekd.de/kirche-und-digitalisierung-33392.htm

Wie in seiner Rede zum Johannisempfang der EKD in Berlin begann Bedford-Strohm mit der Frage: „Wer kennt mich am besten? Wenn er mir Gutes will, ist es wunderbar, dass er mich kennt. Denn er versteht mich und kann mir beistehen. Wenn er mir böse will, kann er meine Schwächen und Verletzlichkeiten ausnutzen. Ich muss nicht lange zögern mit meiner Antwort: meine Frau kennt mich am besten…“

Dann aber: „Eine Studie, die Facebook kürzlich durchgeführt hat, scheint Stoff dazu herzugeben, meine Gewissheit in dieser Hinsicht etwas zu bremsen. Diese Studie hat nämlich ergeben, dass der Algorithmus, also die mechanisch programmierte Datenauswertung, von Facebook schon heute die Persönlichkeit von Menschen besser einschätzt als deren Freunde, Eltern und Partner. Immerhin 86220 Freiwillige haben bei der Studie mitgemacht, indem sie einen umfangreichen Fragebogen zu ihrer Persönlichkeit ausfüllten. Auch ihre Arbeitskollegen, Freunde, Familienangehörigen und Partner wurden befragt. Das Erstaunliche war, dass der Algorithmus nur zehn Facebook-Likes benötigte, um die Vorhersagen der Arbeitskollegen zu übertreffen. 70 Likes brauchte er, um die Einschätzungen der Freunde zu toppen. 150, um besser zu sein als die Familienangehörigen. Und 300 Likes, um die Vorhersagen der Ehepartner zu übertreffen.

Es gibt gute Gründe, darüber zu erschrecken, welche Einsicht und so auch Macht diejenigen über uns haben, die über Daten von Milliarden Menschen verfügen. Und dieses Erschrecken bezieht sich ja nur auf jene Datenströme, die wir Nutzer kennen können. Hinter unserem Rücken, ungefragt und unsichtbar, werden wir analysiert und kategorisiert und dann spezifischer Werbung oder gezielter politischer Agitation ausgesetzt, ohne es zu ahnen.

Diese Mächte zu kontrollieren, ihre Macht zu begrenzen, uns wieder mehr Souveränität über unsere eigenen Daten zu geben, dies wird eine entscheidende politische Aufgabe der Zukunft sein. Diese und andere Aufgaben, die über die Zukunft unseres Landes und unseres Lebens entscheiden, setzen handlungsfähige Politik, insbesondere auch handlungsfähige Parteien voraus. An dieser Handlungsfähigkeit kann man in diesen Tagen ernsthafte Zweifel haben.“

Dann beschrieb er seinen Mittelweg zwischen Heilsverheißung und Untergangsszenario:

„Die einen erwarten glückserfüllt eine Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI), die nicht nur selbstlernende Systeme umfasst, sondern irgendwann auch den Umschlag in ein Bewusstsein, das dann dem Menschen über kurz oder lang überlegen sein wird. Die anderen stellen die sorgenvolle Frage, bis wohin die Reise der KI-Entwicklung eigentlich gehen mag und ob wir auf eine neue Dataismus-Religion mit erweitertem Bewusstsein zugehen (Harari) und unser klassisches Bild vom Menschen dem Untergang geweiht ist.

Da tun die Stimmen wohl, die die kategorialen Grenzen zwischen Mensch und Maschine einschärfen, die auch in Zukunft trotz aller rasanten Entwicklung der KI niemals überwunden werden, weil der Mensch ein Mensch ist, „weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, und weil er lacht und weil er lebt“, wie Herbert Grönemeyers Hymne an den Menschen formuliert. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass maschinelles Lernen jemals ein Verständnis von seinem Objekt und von einem eigenen Anfang und Ende gewinnen kann.

Es ist für mich erstaunlich, wie ungebrochen mit der Digitalisierung eine Wiederbelebung des Fortschrittsparadigmas einhergeht. Wobei wir alle wissen: Fortschrittseuphorie nennt in aller Regel nicht den Preis, den andere zu zahlen haben und sie spricht auch nicht davon, wie klein, die Zahl derjenigen oft ist, die davon profitieren. Und: Das, was kommen wird, kommt nicht einfach wie ein Schicksal aus dem nichts Es wird vielmehr gesteuert.

Mitunter wird das Stichwort Digitalisierung mit quasi religiösen Erwartungen verbunden; der neue Himmel und die neue Erde der Bibel sind ein Klacks dagegen. Aber wenn Yuval Noah Harari in seinem Bestseller „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ die Welt im 21. Jh. auf drei Themen konzentriert sieht, nämlich auf Glück, Unsterblichkeit und Gottähnlichkeit, dann muss man kein Theologieprofessor sein, um zu erkennen, dass das schon die Verheißung der Schlange beim Sündenfall war: Ihr werdet sein wie Gott. (Gen 3). Wie wir in der Zukunft leben wollen, entscheiden wir, wobei wir in diesen Tagen erleben, wie zerbrechlich das “Wir” ist. Dazu braucht es die Kräfte der Zivilgesellschaft und der Politik.“

Als solche Kraft sieht  Bedford-Strohm das „christliche Menschenbild“, das er vor allem am Psalm 8 beschrieb: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitest hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, das du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“

„Der Mensch ist „wenig niedriger als Gott, aber eben doch niedriger“. Darin spiegelt sich einerseits das Staunen des Menschen darüber, dass Gott ihn zum Herrn gemacht hat „über Gottes Hände Werk“, über seine Schöpfung, einschließlich aller Schafe und Rinder, aller wilden Tiere und Vögel und Fische. Andererseits wird dieser Mensch zugleich in und trotz dieser Herrschaft über die geschaffene Welt daran erinnert, dass er niedriger als Gott ist, dass er eben kein homo deus ist, sondern ein homo sapiens. Wenn er wirklich sapiens ist, dann darin, dass er sich zu unterscheiden weiß von und bezogen weiß auf Gott, obwohl ihm so viel Macht und Herrschaft in der Schöpfung Gottes gegeben ist.“

Sodann warb er für Nüchternheit angesichts einer Zeit, die nicht einmal die wirtschaftlichen Herausforderungen der Globalisierung bewältigt. Da fordert er internationale Kooperationen und Kontrollen. Als Beispiel nennt er das deutsche Modell eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Hier sei ein wichtiger Teil der Medien eben nicht von Werbeeinnahmen abhängig.

„Anders in den digitalen Kommunikationswelten: die Kommunikation von Milliarden Menschen wird von einigen wenigen mächtigen Firmen kontrolliert. Jede Änderung des Algorithmus von Facebook hat Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten von Milliarden Menschen weltweit. Es fehlt derzeit noch an wirkungsvollen international abgestimmten Transparenz- und Regulierungsvorgaben, um diese gewaltige globale Marktmacht zu begrenzen. Das muss sich ändern. Das Handlungsspektrum reicht hier von Vorschlägen zur Zerschlagung großer Konzerne der Netzwirtschaft, neuer Verantwortlichkeiten der Konzerne auch für die online zur Verfügung gestellten Inhalte bis hin zur Durchsetzung von werbefreien Bezahlmodellen innerhalb etablierter Plattformen (Jaron Lanier). Alle Optionen sollten weiterhin intensiv und hartnäckig verfolgt werden.“

Unbefriedigend beantwortet blieb die Frage des Präsidenten der Stiftung Weltethos Eberhard Stilz in dem den Talkshows nachgeahmten Interview nach den Möglichkeiten der Ökumene. Da brachte auch die vielfältige Amerika-Erfahrung des Bischofs nichts Erhellendes. Immerhin meinte  er:

„ Indem wir als Kirchen Teil einer weltweiten Zivilgesellschaft sind, behalten wir immer auch die Folgen unseres Tuns an anderen Stellen dieser Erde im Blick und erinnern an die globale Dimension des europäischen Handelns. Unter welchen Bedingungen werden eigentlich wo die Rohstoffe unserer mobilen Endgeräte gefördert? Und wohin exportieren die reichen Länder dieser Erde gewaltige Mengen von Elektronik-Schrott?“

Zum guten Schluss noch einmal der Theologe: „Es ist nicht Google, sondern Gott, zu dem wir mit Psalm 139 sagen dürfen: „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von Ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege!“ (Psalm 139, 2f.). Denn trotz aller Digitalisierung, trotz aller Algorithmen und Künstlicher Intelligenz – Gott kennt mich besser als ich mich selbst kenne, weil das am Ende nicht an einer Datenmenge hängt, die jemand über mich aufbieten kann, sondern an der Tiefe der Beziehung, die durch Liebe wächst und mir mein Geheimnis, meine Besonderheit, meine Einzigartigkeit lässt.“

So wurde aus der Rede fast noch eine Predigt. Schließlich ist ja Sonntag (abend). Anders als in der Kirche klatschten die 700 Zuhörer, darunter die Spitzen der Uni und der Landeskirche,  ihren langen  Beifall.

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