Suchet der Stadt Bestes

Am Sonntag darf ich über einen Brief des Propheten Jeremia predigen. Jeremiabuch Kapitel 29, Verse 1.4-7.10-14. Da habe ich mal wieder mehr Fragen als Antworten.

Wie kann man nach einem Propheten noch selber den Mund aufmachen? Zu Leuten, die vermutlich nur einen Wunsch haben, dass sich nichts ändern möge. In einer Kirche, die auf Harmonie gestimmt ist? In einer Gemeinde, die oft schon die eingängige Parole gehört hat im schönsten Luther-Deutsch: „Suchet der Stadt Bestes.“? Ich gestehe: Ich habe auch schon oft diesen Vers aus dem Zusammenhang gerissen und gern bei kommunalen Anlässen verharmlosend vorgetragen: Bei Stadtfesten oder Einweihung von Plätzen. Das kommt immer gut an.

Doch Jeremia schreibt seinen Brief – einen der berühmtesten der Literaturgeschichte – nicht an Wohlstandsbürger, sondern an verzweifelte Leute im Exil. Er riskiert Hochverrat und zieht den Zorn der falschen Propheten und Nationalisten auf sich.

Als junger Mann gegen seinen Willen berufen, musste er gegen die Gleichgültigkeit seines Volkes predigen, dass er schier verrückt wurde. Er musste gegen andere Theologen streiten, womit er sich Gefängnis und Redeverbot einhandelte. Er stritt gegen den falschen Frieden und die verkehrte Bündnispolitik seines Königs. Erfolglos! Er kündigte das Gericht Gottes an, als sich die Mächtigen in  Sicherheit wiegten. So schlimm wird es schon nicht kommen, meinten die falschen Propheten seiner Zeit. Religion soll beruhigen, sonst taugt sie nichts für eine Regierung. Doch es kam, wie Jeremia vorausgesehen hatte: Der Krieg gegen Babylon ging 597 v. Chr. verloren und die Oberschicht, Priester und Handwerker wurden ins ferne Zweistromland, das wir heute Irak nennen, verschleppt. Da lebten sie  nun fern der Heimat im Exil und hatten nur einen Wunsch: So schnell wie möglich zurück. Und wieder treten Priester und Weissager auf, die das Volk darin bestätigen: Gott ist mit uns. Es wird ein Wunder geschehen. Manche lassen sich zu Rachegesängen hinreißen, andere versinken in Trauer: „An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten…Unsere Harfen hängten wir an die Weiden, … wie sollten wir des Herrn Lied singen in fremden Landen?“

In dieser Situation schreibt der im Land  verbliebene Jeremia an die Vertriebenen. Dieser Trostbrief hat wütenden Protest hervorgerufen. Aber er hat Wirkung gezeigt. Die meisten Verschleppten haben dieses Schreiben mehr als ernst genommen und sind für immer dort geblieben. Dort ist später der Babylonische Talmud entstanden – etwa 500 vor Christus – als Produkt einer blühenden jüdischen Gelehrsamkeit. Denn die Juden haben dank Jeremia nie ihre Hoffnung aufgegeben. Da der Jerusalemer Tempel verloren war,  gründeten sie Religionsschulen, die Synagogen, in denen die Überlieferung gepflegt und Gottesdienste gefeiert  werden konnten. Die wichtigsten Teile der Hebräischen Bibel, unser Altes Testament, sind im Exil entstanden. Mit der Heiligen Schrift im Herzen konnten sie alle Höllen überstehen und immer wieder Böses durch Gutes überwinden.

Babel/ Babylon ist in der Bibel zum Symbol für das Böse schlechthin geworden. Noch im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung Johannes, ist die „Hure Babylon“ ein Deckname für das alte Rom, eine Stadt der Christenverfolgung und Korruption.

Martin Luther nimmt diesen Begriff auf und zielt auf die damalige Römische Kirche. Die „babylonische Gefangenschaft der Kirche“ ist ein Zustand, in dem die Kirche ihren Auftrag verfehlt und selber ausbeutet statt zu dienen, selber dem Bösen verfallen ist statt es durch Gutes zu überwinden.

So gibt es immer wieder Zeiten, in denen Menschen an Gott und der Welt verzweifeln und resignieren, weil ja doch alle Anstrengung umsonst scheint. Doch diesen müden Tendenzen entgegen hören wir die Botschaft: „Baut auf, pflanzt und esst, verliebt euch und vermehrt das Leben.“ „Suchet der Stadt Bestes“ – genauer übersetzt: „Bemüht euch um den Shalom des Landes“ – , also das Heilsein der Gemeinschaft mit Gott und im Miteinander der Menschen. Sucht den Frieden, bei dem Gott, Mensch und Welt recht beieinander sind als das wirklich Beste. Das ist ein politischer Auftrag, den wir in einer Demokratie weit besser wahrnehmen können als in einer Königsdiktatur zu Jeremias Zeiten.

Erstaunlicherweise erwähnt Jeremia als zweites die Fürbitte. Als Glieder des Gottesvolkes sollen sie für ein heidnisches Weltreich beten. Welche Zumutung! Für ihre Feinde und Unterdrücker! Natürlich, damit sie sich wandeln und ihren eigenen Shalom nicht verfehlen. Das ist wahrhaft revolutionär in der Weltgeschichte: Im Gebet beginnt die Überwindung des Bösen durch Gutes. Deshalb ist auch heute der öffentliche Gottesdienst so wichtig. Wo sonst werden die Verantwortlichen und Mächtigen ins Gebet genommen?

Viele Menschen leben heute im eigenen Land wie in einem Exil. Ich würde mir da keinen Rat anmaßen. Aber sie haben ihre eigenen „Propheten“. Pfarrer Haroutune Selimian beispielsweise ist in Aleppo geblieben, obwohl über die Hälfte der in Syrien lebenden Christen das Land verlassen haben. Er sagt: „Das ist es doch, was die Terroristen wollen, dass wir Christen aus Syrien verschwinden… Jesus hat uns aufgefordert, Frieden und Versöhnung in die Welt zu tragen.“  Mit seiner Gemeinde hilft er Menschen, die geblieben sind. Ein anderer ist Pfarrer in Homs. Mofid Karajili sagt: „Wir sind im Krieg eine bessere Kirche geworden. Wir haben gelernt, was Treue im Glauben wirklich heißt. Es heißt, treu an der Seite  derer zu stehen, die uns brauchen – unabhängig von ihrer Konfession oder Religion.“ Er hat mit seiner Gemeinde das Projekt „Space for Hope“ ins Leben gerufen. Dort spielen, lernen und lachen Kinder aus unterschiedlichsten Familien zusammen: „Unsere Kinder müssen nach diesem Krieg einen Weg finden, im Frieden miteinander zu leben.“

(Weitere Informationen in “Schneller-Magazin 3/2008, hrsg. Evangelischer Verein für die Schneller-Schulen (EVS) in der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS).)

Pfarrer Mofid Karajili  kommt am 1. November nach Stuttgart (Bildungszentrum Hospitalhof, Büchsenstraße 33). Er informiert (18-20 Uhr) aus erster Hand über das Leben in Homs und über die aktuelle politische, wirtschaftliche und kirchliche Situation in Syrien. Das wäre doch ein gutes Ziel für einen Gemeindeausflug.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s