25.Todestag Helmut Gollwitzer

Dank  Deutschlandfunk wurde ich erinnert, dass einer meiner  wichtigsten theologischen Lehrer am 17. Oktober vor 25 Jahren verstorben ist.

https://www.deutschlandfunk.de/25-todestag-des-theologen-helmut-gollwitzer-jeder-obrigkeit.886.de.html?dram%3Aarticle_id=423846&fbclid=IwAR04_e-WGQrqf-xbjJGZtEz-ymcs-p6XZOjCZN8cqoDpYw6oki8XgajGkjQ

Einmal mehr kritisiere ich, dass unser Pfarrerkalender zwar an den Todestag des Ignatius (110) erinnert, aber die Daten neuerer beispielhafter Christen nicht vermerkt. Da wäre doch mal eine Aufgabe für Kirchenhistoriker!

Ich studierte 1966-1968 in Berlin bei Professor Gollwitzer. Allerdings muss ich zugeben, dass in jenen aufregenden Zeiten das klassische Theologiestudium etwas kurz kam. Immerhin erinnere ich zwei wichtige Seminare an der Freien Universität über den Galaterbrief und die damals neu erschienene Biografie von Eberhard Bethge über Dietrich Bonhoeffer. Aufsehen erregte ein sozialethisches Seminar  zur Ehe, an dem teilweise Gretchen und Rudi Dutschke teilnahmen. In diesem Rahmen wurde der damals umstrittene Film „Es“ (Regie: Ulrich Schamoni) gezeigt, der das Problem Abtreibung thematisiert. Ansonsten war ich als Sozialreferent des AStA sehr mit politischen Fragen (teach-ins, Demonstrationen etc.) beschäftigt.

Allerdings habe ich fleißig seine Gottesdienste in der Studentengemeinde oder in Dahlem besucht und diverse Reden bei öffentlichen Gelegenheiten gehört. Gollwitzer ist wohl der einzige Theologieprofessor, der sowohl einen Bundespräsidenten als auch eine Terroristin beerdigt hat. Unvergessen auch sein kindliches Gebet bei dem Geleit des riesigen Trauerzugs für Benno Ohnesorg an der Westberliner Grenze zur DDR.

Von Gollwitzer hatte ich schon als Schüler sein Buch „Und führen, wohin du nicht willst…“ (1951) gelesen, das ich im elterlichen Bücherschrank fand. Seine Verarbeitung von Krieg und Gefangenschaft hatte mich schwer beeindruckt, weshalb ich 1965 nach Köln zum Kirchentag trampte, um seine Vorträge („Forderungen der Freiheit“) zu hören.

In einer Predigt in Berlin-Dahlem zur Bergpredigt sagte er im Februar 1967: „Der bequeme Weg hat viele Vorteile und nur einen Nachteil: Er ist nicht der Weg Jesu. Hinter Ihm kann ich auf diesem Weg nicht nachfolgen. Immer wieder stehen wir am Kreuzweg von Entscheidungen, oft kleinen, unauffälligen, oft solchen, die gar nichts mit Glauben und Gott zu tun zu haben scheinen, oft auch solchen, die uns in schwerste Bedrängnis bringen können. Immer wieder sehen wir dann viele, die zur Gemeinde Christi gehören, abbiegen und den Weg der Bequemlichkeit, der großen Masse, des faulen Kompromisses wählen, wie es in der Geschichte der Kirche oft geschehen ist. Jesu Stimme wird uns in solchen Stunden nicht unhörbar bleiben, wenn wir sie nur nicht gewaltsam überhören. Alles, was er in der Bergpredigt sagt, will uns Mut machen, Ihm nachzugehen auf seinem gefährlichen Wege. Er schickt uns ja nicht voran, wie ein Generalstab die Soldaten, selber weit hinten in Deckung; Er ist selbst der Erste, den alle Bedrängnis trifft, und der uns das Schwerste abnimmt.“

In der Öffentlichkeit wurde vor allem der politische Theologe wahrgenommen. Dabei war ihm theologisch wichtig: „Ein Zentralwort des Christseins, überhaupt des Menschseins, ist der Dank, dass wir fröhliche, dankbare Menschen sein dürfen, das verdanke ich dem Evangelium, und das möchte ich weitergeben in diese unfrohe Kirche und in diese unfrohe Menschengesellschaft hinein.“

Diese fröhliche Menschenfreundlichkeit hat alle beeindruckt, die persönlichen Kontakt zu „Golli“ (und seiner Frau „Golla“) hatten. Als Professor war er nicht nur ein dialogbereiter Wissenschaftler, sondern auch ein den Studenten zugewandter Lehrer. Ich bewahre noch immer einen mehrseitigen Brief, den er mir zur Korrektur einer ziemlich mittelmäßigen Seminararbeit zu Luthers Theologie geschrieben hatte.

Ich frage mich heute, warum ich eigentlich Berlin nach drei Semestern verlassen habe. Es war wohl nicht nur der Insel-Charakter Westberlins und die kulturellen Verlockungen der Großstadt, sondern auch manche Exzesse der Studentenbewegung, die ein vernünftiges Studium schwierig machten. Gollwitzer hatte zum SDS eine weit größere Toleranz als ich als  Mitglied im Sozialdemokratischen Hochschulbund SHB.

Gegen Gewalt hat er sich allerdings immer ausgesprochen. Mit der stalinistischen SED wollte er nichts zu tun haben, obwohl „Sozialismus“ für ihn ein politisches Ziel war. Seine Auseinandersetzungen mit dem Marxismus gingen tiefer als Journalisten wahrnehmen wollten. Seine Solidarität mit Israel stand nie in Frage, auch wenn er dessen aktuelle Politik kritisieren konnte und immer auch die Lage der Palästinenser im Blick hatte. Schließlich hatte er den Dialog mit jüdischen Gelehrten immer gepflegt und den tiefsitzenden Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft bekämpft.

Es gab aber auch später berührende Begegnungen für mich. Als Studentenpfarrer konnte ich Gollwitzer auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung nach Tübingen holen, wo er noch einmal  alle Säle (und die Stiftskirche) füllte. Bei der Beerdigung einer älteren Friedensfreundin erlebte ich einmal mehr seine seelsorgerlichen Fähigkeiten.

Nun bleiben mir neben der Erinnerung seine Bücher und über 1000 anderen Veröffentlichungen. Von Fall zu Fall nehme ich sie mir vor und lerne weiter.

 

 

 

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