Pfarrertag in Tübingen

„Was ist Kirche? Auf der Suche nach einer Gestalt von Kirche im 21. Jahrhundert  ist das Thema des diesjährigen „Tag der Pfarrerinnen und Pfarrer in Württemberg“ am 8. Oktober. Der Festsaal der Universität Tübingen ist gut gefüllt – vor allem mit Ruheständlern. Man bekommt einen sichtbaren Eindruck von der Pensionslast unserer Landeskirche. Die aktiven Pfarrerinnen und Pfarrer haben wohl Wichtigeres zu tun. Oder genießen ihren freien Montag bei dem herrlichen herbstlichen Sommerwetter.

Bei den unvermeidlichen Grußworten fällt einmal mehr Oberbürgermeister Boris Palmer positiv auf. Ohne Manuskript wirbt er nicht nur für seine Stadt, sondern informiert über neue Tübinger Wissenschaftsprojekte zur künstlichen Intelligenz. Dazu fordert er die Theologen auf, sich mit den ethischen Fragen solcher Zukunftswissenschaften auseinanderzusetzen. Und gibt gleich einen Buchtipp: „Homo Deus“. In diesem Buch beschäftigt sich der Autor Yuval Noah Harari mit einer Zukunft, in der neue Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen. „In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Unsterblichkeit könnten wir uns so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.“

Die Theologen blicken in ihren Vorträgen allerdings erst einmal in die Vergangenheit. Prof. Dr. Volker Leppin (‚Martin Luthers Kirchenverständnis – Hindernis oder Chance für die Ökumene im 21. Jahrhundert?‘), Prof. Dr. Gerald Kretzschmar (‚Kirchenwirklichkeit als Krisenwirklichkeit? Wahrnehmungs- und Gestaltungsperspektiven für das kirchliche Leben‘) sowie Prof. Dr. Birgit Weyel (‚Was wird aus der Kirche? Formen religiöser Vergemeinschaftung und die Rolle der Organisation‘). Neues erfahre ich eigentlich nicht von „unserer“ Fakultät.

Irgendwann werden diese Vorträge irgendwo zu lesen sein. Gruppenarbeit oder Diskussion ist leider nicht vorgesehen. Man eilt in die Mensa und freut sich auf ein Wiedersehen mit manchen Kollegen.

Bei der Abendmahlsfeier in der Stiftskirche mit Totenehrung wird einem bewusst, dass unsere Zeit begrenzt ist. Um so mehr freut man sich auf den Abend der Begegnung mit festlichem Abendessen.

Bei meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema greife ich zu einem Buch, das ich eigentlich schon dem Altpapier überlassen wollte: Eberhard Stammler, Kirche am Ende unsres Jahrhunderts, Radius Verlag Stuttgart 1974. Es ist noch immer lesenswert! Damals arbeitete ich an württembergischen Beispielen zur Kirchenreform im mittlerweile eingesparten „Institut für Praktische Theologie“. Vieles von den damaligen Versuchen gehört heute zur alltäglichen Praxis einer Kirchengemeinde. Anderes wird gegenwärtig aus finanziellen Gründen wieder abgebaut.

Der Publizist Stammler analysierte seinerzeit schon die Krise der Volkskirche und fragte, ob es Kirche in der herkömmlichen Form im Jahr 2000 (!) überhaupt noch geben könne: „Damit kommen auf die künftige Pfarrergeneration ohne Zweifel harte Belastungen zu, die sie oft genug zur Resignation oder auch zur Kapitulation verführen können. Vielleicht entscheidet sich vornehmlich in dieser Schicht der Amtsträger die Zukunft der Kirche: ob sie den Glauben verlieren oder ob sie dann erst recht aus ihm heraus leben, wagen und wirken. …

Wenn die Kirche sich schon nicht um ihrer selbst willen zu dem Übergang in das Neuland entschließen möchte, dann müßte es doch der Blick auf die Welt, auf die Zeichen der Zeit, sein, der sie dazu herausfordert. Sie kann sich nicht mehr in eine Apartheid des Glaubens zurückflüchten, sondern sie ist und bleibt in der Partnerschaft der Welt – auf Gedeih und Verderb. Weil das Verderben aus vielen Gründen so nahe liegt, hat sie „auf Gedeih“ zu setzen, und die Welt hat das Recht, von ihr als der „Stadt auf dem Berge“ diesen Beitrag der Mitverantwortung zu erwarten.“ S.138f.

Was Stammler in seinen „Witterungen“ gar nicht vor Augen hatte, war die revolutionärste Neuerung der sechziger Jahre: Die Frauenordination. Nichts hat unsere Kirche stärker positiv verändert als diese Kulturrevolution. Gab es in meinem Vikariat 1975 eine einzige Frau, so sind nun im Theologiestudium die Frauen in der Mehrheit. Und es ist ein schöner Anblick, wenn die jüngsten Pfarrerinnen mit ihren Babys im Arm an der heutigen Begegnung teilnehmen.

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