Postwachstum

Selten habe ich die Rottenburger Zehntscheuer bei einer politischen Veranstaltung so voll, ja überfüllt gesehen wie gestern  abend  beim Vortrag von Professor Niko Paech zum Thema „Das Wachstum-Dogma hat sich überlebt“. Veranstalter war das „Aktionsbündnis Rottenburg/Kiebingen: Kein Gewerbegebiet Galgenfeld.“ Siehe: www.galgenfeld.info. Ein regelrechter „Wahlkampf“ hat begonnen bis zum Bürgerentscheid am 21 Oktober.

Niko Paech war mir im November 2011 in der Evangelischen Akademie Bad Boll aufgefallen, als er auf der Tagung „Ökologisierung Deutschlands“ für mich erstmals über Postwachstum sprach. Die Tagung wurde vom Freundeskreis Erhard Eppler unterstützt, der ja schon Anfang der siebziger Jahre das Wachstumsdogma in Frage stellte, allerdings damit bei  den Landtagswahlen 1976 und 1980 als Spitzenkandidat der SPD krachende Niederlagen einfuhr. Ich fürchte, das Rottenburg/Kiebinger Aktionsbündnis wird dieselbe Erfahrung machen. Denn unsere Kommunalpolitiker  – und übrigens auch die meisten Ökonomen – vertrauen in der Mehrheit immer noch auf weiteres Wachstum um jeden Preis. Der Zwischenruf des Rottenburger Baubürgermeisters war dafür typisch. Er brachte allerdings das Publikum gegen sich auf, weil er dem Aktionsbündnis das St. Floriansprinzip unterstellte. Als seien die Leute nur gegen weitere Gewerbegebiete, wenn sie vor der Haustür geplant werden.

Wie gefährlich und kurzsichtig das ist, führte Professor Niko Paech ausführlich mit vielen Schaubildern aus. Da ist zunächst schon der Klimawandel und Flächenverbrauch als Preis des Wohlstands beschrieben. Unversiegelte Flächen werden also wichtiger denn je. Skeptisch sieht er das „grüne Wachstum“, das er nicht für nachhaltig hält. Nachhaltig seien nicht Technologien, sondern Lebensstile. In unserm Land sei ein Zustand erreicht, den er als „Konsumverstopfung“ bezeichnet. Der Ressourcenverbrauch ist nicht nur schädlich, sondern überfordere den Menschen auch psychisch. Dazu führte er Erkenntnisse der Glücksforschung vor. Der erste Kauf kann befriedigen, der xte verursacht nur noch Stress. Die Zunahme von „burnout“ und Antidepressiva zeige die Grenzen der Konsumgesellschaft mit ihren falschen Versprechungen.

Genügsamkeit und Begrenzung möchte er attraktiv machen durch kleine Netzwerke, die neue Befriedigung schaffen. So ist er nicht nur für industriellen Rückbau, sondern auch für den Aufbau kleiner handwerklicher Produktionsstätten und Reparaturbetriebe. Regionaler Produktion wird  dabei der Vorzug gegeben, was schädliche Verkehrsströme minimiert.

Er selbst geht mit gutem Beispiel voran: Er fliegt nicht, benutzt öffentliche Verkehrsmittel statt eigenes Auto, trägt geflickte Kleidung und repariert oder lässt  seine Industrieprodukte reparieren. Dabei fordert er Reduzierung von Arbeitszeit, um mit der restlichen Zeit ehrenamtlich oder genossenschaftlich sozial wertvolle Arbeit leisten zu können. Dazu zählen auch seine vielen Vorträge überall im Land, die seiner Universitätskarriere eher geschadet haben. Einen ähnlichen Vortrag von ihm kann man im Internet hören: https://www.youtube.com/watch?v=Pd7KAph6qj8.

Wenn Paech auch in seiner Zunft der Ökonomen abgelehnt wird, so bekommt er um so mehr Anerkennung in der Zivilgesellschaft. So verleiht ihm am 21. Oktober die Evangelische Akademie Baden den Bad Herrenalber Akademiepreis 2018 für seine Beiträge zu einer Ökonomie der Genügsamkeit.

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