Jesus liebt Trans*

Noch sitzt mir eine lange Wanderung um Zavelstein herum in den Knochen, da bin ich schon wieder im Schwarzwald. Ich besuche Pfarrer Klaus-Peter Lüdke in Altensteig, der ein Buch über „Transidentität in Familie und Kirchengemeinde“ geschrieben hat. Er teilt sich die Pfarrstelle mit seiner Frau, sodass er mit seinem 50%-Auftrag Zeit für andere Aufgaben hat. Wer hier als Theologe tätig ist, muss ganz schön fromm sein. Denn in diesem idyllischen Ort tummeln sich neben den landeskirchlichen Pietisten auch noch vierzehn weitere Freikirchen und Sekten. Und die finden es gar nicht gut, dass sich ein Pfarrer mit Genderfragen beschäftigt und nun sogar im Vorstand von „Trans-Kinder-Netz“ tätig ist. (https://www.trans-kinder-netz.de).

In der eigenen Gemeinde hat sich allerdings das Pfarrerehepaar seit sechs Jahren einen guten Ruf erarbeitet, sodass die meisten der 2000 Gemeindeglieder es akzeptiert  haben, als die jüngste Tochter der Familie vor Beginn des Konfirmandenunterrichts öffentlich machte, dass sie fortan ihre wahre männliche Identität leben wolle und künftig als Junge mit einem neuen Namen angesprochen werden möchte. Lüdke beschreibt in seinem Buch den Lernprozess der Familie, die sich plötzlich  auf einen Sohn einstellen musste. Darüber hinaus musste sich die Familie mit Schule, Gemeinde und Kirche auseinandersetzen. Er beschreibt diese Prozesse in seinem Büchlein und hofft, dass er  damit zu einer liebevolleren Kirche beitragen kann. Man lernt viel über Menschen, die gar nicht so selten unter uns leben. Bei 4300 Gemeindegliedern kann man von zehn transidenten Menschen ausgehen.

Als Theologe stellt er sich auch grundsätzliche anthropologische und ethische Fragen. Die ganze Schöpfungstheologie wird wieder aktuell. (Dazu hat er jüngst im gleichen Verlag ein Andachtsbuch herausgebracht „Mehr Schöpfer wagen, Ökologische Spiritualität für jeden Tag“)

Lüdke weiß: „Viele transidente Kinder und Jugendliche erhalten kaum Unterstützung aus der eigenen Familie, stoßen auf wenig Verständnis in der Schule, wo sie schutzlos gemobbt werden. Ahnungsloses Gesundheitspersonal kann ihnen nicht weiterhelfen. Sie erleben Ausgrenzung aus der Kirchengemeinde und leiden unter populistischer Hetze gegen Transidente im Wahlkampf. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Transidentität und dem damit verbundenen Anderssein als die meisten macht ihnen viel zu schaffen. Aber in solch einem Umfeld sind Selbstverletzungen, Suizidversuche, Depressionen oder Angststörungen bei transidenten Kindern und Jugendlichen verständlich. Erwachsene bekommen bei der Berufswahl und bei der Suche nach einem neuen Job Steine in den Weg gelegt und finden im Verein oder in der Kirchengemeinde keinen Platz, weil dort bereits die nächste Unterschriftenliste gegen Gendervielfalt kursiert und in der Kirche ausliegt, oder sie werden aktiv aus den Kreisen, der Abendmahlsgemeinschaft oder gar dem Gottesdienst ausgestoßen. “
Er setzt dagegen:  „Jesus dagegen liebt transidente Menschen voraussetzungs- und bedingungslos. Und wir sollten es auch tun, ob in der Familie, Kirche oder Gesellschaft. Als Elternteil eines transidenten Jungen kann ich für die Familie sprechen. Als Pfarrer und Diplom-Theologe richte ich meinen Blick aber auch auf die Chance, unsere Kirchen und Kirchengemeinden in menschenfreundliche und angstfreie Orte zu verwandeln, an denen Liebe und Annahme keine leeren Phrasen bleiben. Denn Jesus liebt Trans*.“

Klaus-Peter Lüdke, Jesus liebt Trans*, Manuela Kinzel Verlag 2018, 80 S.

Man sollte meinen, dass die Pfarrkollegen dieses Büchlein lesen. Man braucht nur einen Abend dafür. Aber viele scheuen das. Sie ärgern sich eher, wenn Menschen eine Namensänderung in den Kirchenbüchern und Taufurkunden verlangen. Evangelikale Propaganda, vor allem aus Amerika, hat sie gegen diese Fragen immunisiert. Stattdessen interessieren sich jetzt die Medien dafür. Das Kirchenfernsehen kommt und  „chrismon“ macht ein Interview. Da muss ich mich sputen, wenn mein Beitrag für die „anstöße“ der OFFENEN KIRCHE noch aktuell sein soll. Immerhin wird schon die 2. Auflage vorbereitet.

 

 

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