Die Brücke u.a.

Ein Besucher aus Australien, mit dem ich über die Chemnitzer Ereignisse spreche, fragt mich, wie ich zu meiner friedenspolitischen und Nazi-kritischen Einstellung gekommen bin. Es war nicht die Schule! Im Gegenteil: Die Lehrer unserer norddeutschen Kleinstadt waren selbst überwiegend in der Nazi-Zeit sozialisiert. Der Geschichtsunterricht reichte immer nur bis 1914. Im Deutschunterricht wurde nach dem Mauerbau 1961 Bert Brecht nicht mehr behandelt. Nein, es war die Evangelische Jugend, wo wir pazifistische Filme wie „Die Brücke“ oder antifaschistische wie „Unsere Ehre heißt Treue“ sehen konnten. Später kam  die Lektüre von Eugen Kogons „SS-Staat“ und andere Bücher hinzu.

Ein „Augenöffner“ war aber die zufällige Entdeckung eines lokalen historischen Skandals, der uns verschwiegen wurde. Am 16. September 1935 jagten SA und SS-Leute in Stade den Pastor Johann Gerhard Behrens durch die Straßen der Stadt. Ihre nach Nazigrößen bezeichneten Namen ließen mich schlagartig erkennen, dass die Nazis nicht irgendwo auf dem Mars, sondern in unserer Stadt ihr Unwesen trieben. Und die mussten doch noch irgendwo sein? Es herrschte aber in meiner Schulzeit bis 1966 eisernes Schweigen.

Bei einer Predigt verurteilte Pastor Behrens die rassistischen Nazi-Gesetze. Rasse und Volkstum dürfe nicht an die  Stelle Gottes gesetzt werden. Glaube sei Sache der Kirche und nicht des Staates. Als er im Konfirmandenunterricht lehrt, dass Christen nach der Bergpredigt Jesu auch seine Feinde lieben solle, wollen die Nazis dem Pastor einen Denkzettel verpassen und prügeln ihn durch die Stadt. Um seinen Hals hängen sie ein Plakat mit der Inschrift „Ich bin ein Judenknecht“. Er wird mit Wasser (oder Jauche?) übergossen und soll ins KZ.  Er wird danach vom Landesbischof aus dem Verkehr gezogen und überlebt den Krieg. Er kehrt nicht mehr nach Stade zurück. Auch  in der Kirche wird er nicht mehr  erwähnt. Dabei wäre er auch sonst eine aufregende Persönlichkeit, beispielsweise als Astronom,  gewesen. Mittlerweile  ist ein Gemeindehaus nach ihm benannt.  Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gerhard_Behrens.

Diese Entdeckung bringt mir in  der Schule aber Ärger ein. Bei einer Tagung der Evangelischen Schülerarbeit beschäftigen wir uns mit Bert Brecht.

Im Epilog seines Theaterstücks „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ schreibt er:

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert / Und handelt, statt zu reden noch und noch. /
So was hätt‘ einmal fast die Welt regiert! / Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert – / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Wirklich erschüttert hat mich (wohl 1964) der wichtigste westdeutsche Antikriegs-Film „Die Brücke“, weil die Jugendlichen, die da bei der sinnlosen Verteidigung einer Brücke umkommen, etwa in unserm Alter waren. Er läuft heute abend bei „3 sat“.

https://www.3sat.de/page/?source=/ard/197921/index.html

 

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