Abel

Am Sonntag soll ich über die Geschichte von „Kain und Abel“ predigen. Jeder kennt sie.  Was soll ich sagen? Die Geschichte wirft mehr Fragen auf. Das Evangelium, die Gute Botschaft des Tages ist  nicht: Ach, wie schlimm sind die Bösen in der Welt, sondern: Gott gibt auch den Bösen Zukunft! Er will, dass sie leben und sich ändern können. Das Evangelium ist nicht: Ach, wie tief beherrscht die Sünde uns, sondern: „Du aber herrsche über sie.“ Das Evangelium heißt nicht: „Verdammt in alle Ewigkeit“, sondern: „Das ist der Liebe freundlich Amt, dass sie zurechtbringt, nicht verdammt.“ EG 648

Als ich in friedlicheren Zeiten durch Syrien reiste, zeigten die lokalen Führer in der Nähe von Damaskus den Berg Jabal Arbain, wo Kain den Abel erschlagen haben soll. Am Ort befindet sich eine kleine Moschee, weil diese Geschichte auch im Koran (Sure 5) erzählt wird, allerdings etwas verändert und ohne Namensnennung. Die wichtigste Änderung ist, dass Kain kein Schutzzeichen bekommt, sondern auf ihn das Höllenfeuer wartet. „Denn das ist der Lohn der Frevler.“ Immerhin findet sich anschließend die schöne Erkenntnis, aus dem Judentum übernommen in 5,32: „Und deshalb schrieben wir den Kindern Israel dies vor: Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ist’s, als töte er die Menschen allesamt. Wenn aber jemand einem Menschen das Leben bewahrt, so ist’s, als  würde er das Leben aller Menschen bewahren.“ (Übersetzung Hartmut Bobzin) Wenn sich nur alle Menschen daran halten würden!

Muslime verstehen diese Geschichte wörtlich und historisch, so wie auch die Christen jahrhundertelang und viele „Bibeltreue“ bis heute. In der Evangelischen Kirche verstehen wir die Erzählung  heute als „Urgeschichte“, die sich nicht zu einem bestimmten Datum und Ort so abgespielt hat. Wir wollen sie beim Wort nehmen, aber nicht wörtlich. Wir erkennen darin eine grundlegende Wahrheit über den Menschen, wir erkennen uns. Wir müssen das Böse nicht auf die Andern projizieren, sondern erforschen uns selber: Wie steht es mit unserem Hass? Unserem Neid? Unserer Rivalität? Unserer Brüderlichkeit?

Das Kainszeichen kann man sich vielleicht als eine Tätowierung vorstellen. Es dient dem Schutz, ist – modern gesprochen – eine positive Diskriminierung. Dass dies eine Zumutung für das Rechtsbewusstsein ist, zeigt sich daran, dass die meisten Leute bis heute glauben, dass das Kainszeichen ein Schandzeichen ist.

Diese Geschichte ist ein großartiges Beispiel für die alttestamentliche Humanität, die leider nicht immer durchgehalten wurde. Man kann das am Beispiel Todesstrafe sehen. Bis in die jüngste Vergangenheit entsprach die Todesstrafe dem „gesunden Volksempfinden“ nach Rache und Vergeltung. Bei vielen konservativen evangelikalen und orthodoxen Christen ist das bis heute so, nicht nur in den USA. Vom Islam gar nicht  zu reden. Erst nach der Nazizeit und ihrem Justizterror setzte in der Evangelischen Theologie ein Umdenken ein. Der Papst hat erst in diesem Jahr für die katholische Kirche die Todesstrafe grundsätzlich verurteilt.

Von den ersten Christen wurde Abels Ermordung als Urgeschehen aller Vergehen an Unschuldigen begriffen. Manche sahen darin ein Vor-Bild der Kreuzigung Jesu.

Die Frage „Wo ist dein Bruder?“ gilt auch uns. Sie lenkt unseren Blick auf die Abels unserer Zeit. Aus ihrer Perspektive betrachten wir das Leben. Wenn auch das Paradies Eden verloren ist, so müssen wir unser Leben nicht  zur Hölle machen.

Der gelehrte Jurist und Religionswissenschaftler Minister Viktor Friedrich von Strauß und Torney, später Abgeordneter der Nationalversammlung in Frankfurt, dichtete 1843 darum das Gebet: „Du willst den  Tod des Sünders nicht, / du gehst mit uns nicht ins Gericht; / wie dürften wir denn richten? / Laß immer mild / des Nächsten Bild / durch  unser Wort sich lichten.“ Evangelisches Gesangbuch 648, 2.

Wer war übrigens dieser Dichter? Er übertrug 1870 als Erster das Tao Te King aus dem Chinesischen ins Deutsche. Seine Übersetzung ist bis heute gebräuchlich, sie wurde 1959 neu aufgelegt und erschien 2004 in der 11. Auflage. Seine Übersetzung des  Shijing (Buch der Lieder) von 1880 war die erste Gesamtübersetzung dieser ältesten chinesischen Gedichtsammlung aus dem Chinesischen ins Deutsche. Christen konnten schon damals einen weiten Horizont haben!

 

 

 

 

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