Andalusien (14): Literatur

Siesta ist Lesezeit. Mehr mag man in der Hitze nicht tun.  „Literarische Reisebilder aus dem maurischen Spanien“ bietet der Band „Andalusien“ von Ralf Neuhaus und Jesús Serrano (Klett-Cotta Stuttgart 2001, 219 S.). Das unterhaltsame Buch bietet 77 kürzere und längere Zitate von Abd al Rahman I. bis Antonio de Zayas Beaumont, also aus allen Epochen. Doch will ich mich nicht  die ganze Zeit geistig im Mittelalter bewegen. Wie sieht die zeitgenössische Literatur aus?

H.-J. Fründt empfiehlt in seinem „Reise Know-How“ „Costa de la Luz“ den Roman von Almudena Grandes „Die wechselnden Winde“ (Rowohlt Verlag 2003, 637 S.). Der Titel gefällt mir, der Inhalt weniger. Denn über die Menschen in Cádiz erfahre ich fast  nichts.

Tatsächlich pfeifen durch unsere Straße in Cádiz immer wieder scharfe Winde: Da ist der warme Levante, der oft dem Mistral folgt. Das Gegenstück ist der Poniente aus westlicher Richtung. Er fegt über den Atlantik und ist deswegen kühler. Den Scirocco erleben wir zum Glück nicht. Dieser heiße Wind aus der Sahara kann ein tropischer Wirbelsturm werden. Morgens stelle ich mich gern auf den kleinen Balkon, schaue auf’s Meer hinaus und beobachte die Schwalben, die pfeilschnell die Winde nutzen, um mich herumwirbeln, wohl Insekten fangen und dann flink wieder abdrehen. Wenn es wärmer wird, verschwinden sie, um am Abend den gleichen Tanz aufzuführen.

Wie die wechselnden Winde erscheinen die Wechselfälle des Lebens, die uns die in Spanien bekannte Autorin vorstellt. Almudena Grandes schreibt:
„In Madrid, wo ich lebe, haben die Winde keine solche Bedeutung haben, es gibt Wind, aber er hat keine Bedeutung. Anders in Andalusien, wo der Wind vieles entscheidet. Als ich in Cadiz ankam, wunderte ich mich, wie viele Winde es hier gibt; die Menschen kennen sie alle, und ihr Einfluss auf die Realität ist groß. Cadiz verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantik, von beiden Meeren wehen die Winde an die Küsten, und die Menschen haben augenscheinlich eine ähnliche Beziehung zu den Winden wie die alten Griechen zu den Göttern; bei bestimmten Winden gehen sie nicht aus dem Haus. das faszinierte mich, und es reizte mich, über die Winde und ihren Einfluss das Leben der Menschen zu schreiben.“

Das Motiv des Windes dient Almudena Grandes als Klammer, verschiedene Lebensläufe miteinander zu verbinden, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben.

Das könnte interessant sein, wenn die Autorin nicht in der Machart einen Illustriertenromans ungeheuer ausladend die Dramen ihrer Hauptfiguren vorführt: das Leben von Sara Gomez Morales und dem Arzt Juan Olmedo, zufällige Nachbarn in einer Wohnanlage bei Cádiz am Strand.

Hier hoffen sie beide, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sara, „die auf alles verzichtet hat, um niemanden mehr zu brauchen“, führt das elegante Leben einer Reichen, während Juan für sich, seine 10jährige Nichte Tamara und seinen behinderten Bruder Alfonso ein neues Zuhause findet. Hinzu kommt das gemeinsame Dienstmädchen Maribel mit ihrem Sohn. „Natürlich“ beginnt der Arzt alsbald ein Liebesverhältnis mit Maribel, um seine Vergangenheit zu vergessen. Er hatte nämlich ein ehebrecherisches Verhältnis mit seiner Schwägerin, die bei einem Verkehrsunfall stirbt. Deren Tochter Tamara ist in Wirklichkeit auch die seine, die ihn aber für ihren Onkel hält. Sein Bruder Damian stürzt bei einem Streit zwischen den Brüdern von  der Treppe und bricht sich das Genick. Unklar bleibt, ob Juan ihn gestoßen hat. Ein Polizist vermutet Mord und verfolgt ihn. In immer neuen Rückblenden erfahren wir weitere unangenehme Wahrheiten. Dies gilt auch für Sara die sich nach einer schweren Kindheit und Liebesenttäuschungen schließlich Geld von ihrer Pflegemutter erschleicht.

Maribel, die dritte Erwachsene der ungewöhnlichen Nachbarschaft (der behinderte Alfonso steht eher auf Seiten der Kinder), hat es nicht leicht. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, als junge Frau auf einen schönen Hallodri hereingefallen, der sich prompt wieder an sie heranmacht, nachdem sie durch einen Tombolagewinn zu Geld gekommen ist. Als sie auf seine Forderungen nicht eingeht, sticht er sie auf offener Straße nieder. Juan rettet sie. Der  Sohn Andrés muss verkraften, dass sein Vater ein verhinderter Mörder ist. Übrigens erfahren wir selten, wie denn „die Kinder“ die „Spiele der Erwachsenen“ finden. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie sich keine Gedanken machen, wenn sie immer mal wieder an den Strand geschickt werden.

Es passiert also eine Menge, glaubhaft ist nicht alles. Soll das ein Sittenbild des modernen Spanien, der wohlhabenden Aufsteiger sein? Wer nicht den Überblick verliert angesichts der vielen Beischlafszenen, kann etwas erfahren über die Folgen des Bürgerkriegs und der Franko-Diktatur. Man begreift, dass auch in Spanien  die Familienrealität nicht unbedingt der katholischen Moraltheologie entspricht. Aber ich weigere mich doch anzunehmen, dass spanische Männer immer nur eins im Kopf haben.

Der Rowohlt-Verlag behauptet: „Ein Roman über eine Liebe, wie sie sein muss. In einem Leben wie es ist.“ Sicherlich nicht! Und er zitiert aus „Cosmopolitan“: „Ein andalusisches Vom Winde verweht“. Ein völlig abwegiger Vergleich!

 

 

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