Andalusien (8):  Die „Neue Welt“

170 Aussichtstürme auf Dächern der Altstadt von Cádiz verraten, dass einst sehnsuchtsvoll nach Schiffen aus Amerika Ausschau gehalten wurde, die sagenhafte Schätze aus der „Neuen Welt“ bringen würden. Im  Oktober 1492 – so die klassische Auffassung  – entdeckte der Genuese  Kolumbus im Auftrag der kastilischen Könige Amerika. Die drei Schiffe seiner ersten Expedition starteten von Palos de la Frontera zu den Bahamas, Kuba und Hispaniola. Drei weitere Fahrten von andalusischen Häfen schlossen sich an. Von Cádiz aus fuhr Kolumbus 1493-1496 zu den Kleinen Antillen, nach Puerto Rico und Jamaica, 1502-1504 segelte er nach Honduras und Panama. Bis zu seinem Tod 1506 hatte er nicht bemerkt, dass er einen neuen Kontinent betreten hatte. Er suchte ja den Seeweg nach Indien. Sein Grab kann man in der Kathedrale von Sevilla bewundern. In dieser Hafenstadt wurde schon 1503 eine Art Monopolbehörde eingerichtet, wo alle Schiffe aus Amerika ihre Schätze abliefern mussten. Als der Zugang zum Meer versandete, bekam Cádiz den Übersee-Handel in die Stadt. Im 17. Und 18. Jahrhundert brachte der enormen Reichtum und ermöglichte die noch heute sichtbare einmalige Architektur.

Allerdings lockte dieser Reichtum jede Menge Piraten an. Die aus Algier im 16. Jahrhundert konnten noch abgewehrt werden, aber die Engländer unter Francis Drake zerstörten 1587 die im Hafen befindliche spanische Flotte. 1596 plünderten sie unter Charles Howard und Walter Raleigh die Stadt erneut und zogen mit großer Beute ab. 1625 allerdings scheiterten sie im Englisch-Spanischen Krieg beim Versuch, die Stadt zu erobern.

Wenn man zu den Befestigungsanlagen wie Castillo de Santa Catalina der Castillo de San Sebastián geht, fragt man sich, wie man überhaupt mit den damaligen vergleichsweise winzigen Segel-Kriegsschiffen eine Stadt  erfolgreich angreifen konnte.

Als 1717 die für den Amerika-Handel verantwortliche „Casa de la Contratación de las Indias“ nach Cádiz verlegt wurde, erlebte die Stadt ökonomisch ihre Blütezeit. In diesem Jahr kreierte die Stadt ihren eigenen Meridian – Längengrad 0 – als Leitfaden für die Schifffahrt. Bis 1850 werden die meisten spanischen Seekarten und Logbücher auf diesen Meridian eingestellt. Am Hafen finde ich ein Plakat, das die Bedeutung erklärt und im  Pflaster einen langgezogenen Strich, der die Erinnerung wach hält. Man kann ja zu den Eroberungen kritisch eingestellt sein, aber die nautischen Leistungen der damaligen Seefahrer muss man einfach bewundern.

In der schier unendlichen Reihe der Kriege wurde die Stadt 1800 erneut bombardiert, diesmal unter dem Kommando von Admiral Nelson. Während der Besetzung Spaniens durch französische Truppen unter Bonaparte 1808-1814 blieb Cádiz als einzige Region unabhängig.  In der belagerten Stadt wurde am 19. März 1812 die  erste liberale Verfassung Spaniens verkündet, genannt „La Pepa“ nach dem Tagesheiligen. Das „Museo de las Cortes de Cádiz“ informiert darüber. Für die Cortes steht ein riesiges Denkmal auf der Plaza de Espana. Ich gehe aber lieber in das schöne Café, in dem die Abgeordneten die Grundsätze dieser Verfassung debattiert hatten.

Man fragt sich mitunter, wo die riesigen Schätze aus der Neuen Welt geblieben sind. Andalusien blieb ja bis zum Aufkommen des Tourismus ziemlich arm. Wenn sie nicht auf dem Meeresgrund landeten oder von Piraten gekapert wurden, wurde vieles in prunkvolle Kirchen und Paläste verbaut, aber auch an ausländische Geldgeber weitergeleitet. Das fing schon bei Karl V. an, der bekanntlich bei den Fuggern hochverschuldet war und 65% der Einnahmen abliefern musste. Zwischen 1503 und 1660 gelangten 185000 kg Gold und 16 Millionen kg Silber in den Hafen. Es wurde im Flottenbau („Armada“) und Landkriegen verpulvert. Genua und andere italienische Städte machten als Kreditgeber ihren Profit. Schließlich musste auch noch eine Heer adliger Müßiggänger unterhalten werden. Arbeit schickte sich schließlich nicht für einen stolzen „hidalgo“. Die „Neue Welt“ erlebte allerdings die alten Übel.

 

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