Andalusien (7): Reconquista

Im 8. Jahrhundert hatten Muslime innerhalb von sieben Jahren fast die ganze iberische Halbinsel militärisch erobert. Den Norden schafften sie nicht, wollten es vielleicht auch gar nicht. Sie begnügten sich mit einzelnen Raubzügen. Es wundert mich nicht, dass manche heutigen Muslime von einer Wiederholung dieser Demonstration der Stärke träumen. Dank gegenwärtiger Migration gibt es ja wieder eine wachsende muslimische Minderheit, die ihre in der EU garantierten Rechte einfordern. In der Öffentlichkeit fallen vor allem die verschleierten Frauen auf. Moderne Moscheen sehe ich aber nicht. Die erste wurde 1982 in Pedro Abad (Provinz Córdoba)  eingeweiht. Sie gehört der Ahmadiyya und  heißt ausgerechnet „Gute Nachricht“, auf Urdu „Bascharat“. Heute gibt es in Spanien über 1400 Moscheen. Der reichste Geldgeber von Moscheen in Spanien ist Saudi-Arabien. 1985 eröffnete das Königreich Saudi-Arabien mit ausschließlich eigenem Geld das Islamische Kulturzentrum in Madrid, der größten Moschee Europas, gefolgt vom Islamischen Zentrum Málaga, das die Saudis mit 22 Millionen Euro finanzierten. Angeblich kaufen arabische Investoren bewusst ehemalige muslimische Zentren auf.

So erstaunt es nicht, dass viele Spanier Gegenmaßnahmen fordern und von einer neuen Reconquista träumen. Historisch zog sich die „Rückeroberung“ über mehrere Jahrhunderte hin. Ein geeintes Spanien gab es ja nicht. Die verschiedenen Königreiche folgten eigenen Interessen, was gelegentliche Koalitionen mit muslimischen Herrschern nicht ausschloss.

Ein gutes Beispiel dafür ist der spanische Nationalheld „El Cid“ (eigentlich Rodrigo Díaz de Vivar †1099 in Valencia),  dessen Geschichten immer wieder erzählt werden, heute auch durch Comics, Festspiele und Filme. Seine Verherrlichung begann schon gegen 1140 in dem Epos „El cantar de mio Cid“. Der unbekannte Dichter verschweigt nicht, dass die Beute für diesen Ritter, der von seinem König aus dem Land gewiesen wurde, überaus wichtig ist, weil er und die Seinen von ihr leben müssen. So wechselt er mehrmals die Fronten.

„Dass es die Kampfgrenze gibt mit Burgen  und Kleinstädten, die der Cid den Muslimen streitig machen und abnehmen kann, ist ein Glück für den von seinem Herren und König Geächteten und seiner angestammten Lehen Beraubten, denn diese Grenze verschafft ihm den Freiraum, in dem er sich bewähren und am Ende sein eigenes Königreich, jenes von Valencia, erobern kann. Die Kampfgrenze erlaubt ihm, als Ritter zu leben, obgleich er aus seinem ursprünglichen Lebensverhältnis ausgeschieden ist und damit die bisherige Grundlage seines Rittertums verloren hat. Dank seiner außerordentlichen Fähigkeiten als Kämpe und Kriegsherr vermag er sich sogar ein neues, nun eigenes und unabhängiges Herrschaftsgebiet zu schaffen. Dies ist der historische Kern des Heldenliedes.“ Arnold Hottinger: Die Mauren, Arabische Kultur in Spanien,  Zürich 1995, S. 380.

Die Legenden sind natürlich bis heute viel wirksamer, nicht zuletzt der Hollywood-Film „El Cid“ (mit Charlton Heston und Sophia Loren) von 1961, der mich als Jungen begeisterte. Mit der historischen Wahrheit hat er nicht viel zu tun, obwohl der Historiker Menéndez Pidal als Berater mitwirkte. Immerhin gibt er ein Bild von der Grausamkeit, mit der auf allen Seiten gekämpft wurde. Ich habe ihn mir extra vor der Reise als DVD besorgt.

In der Umgebung von Cádiz, unserem Standquartier, haben viele Dorf- und Städtenamen den Zusatz „de la Frontera“, ein Hinweis auf die lange umkämpfte Grenze. Überall findet man mehr  oder weniger erhaltene Burgen wie beispielsweise in Arcos de la Frontera. Das „castillo“ ist noch immer Privatbesitz der Herzöge und darf nicht betreten werden. Auf andere Burgen steige ich, um den wunderbaren Rundblick zu genießen, da sie natürlich auf die Berge gebaut wurden.

Erst mit dem Fall Toledos 1085 richtete sich die Reconquista gegen Kerngebiete des  Herrschaftsbereiches  der Muslime, weshalb  diese die Berberdynastie der Almoraviden ins Land riefen. Sie proklamierten den Dschihad zur Verteidigung des Islam. Die europäischen Herrscher riefen daraufhin zum Kreuzzug auf. 1212 besiegten sie die Almohaden, eine weitere fundamentalistische Berberdynastie unter Kalif Muhammed an-Nasir. Dadurch kam die Wende. Es blieb schließlich noch das Emirat Granada.

Als schönstes Dorf, das maurische Architektur bewahrt hat, gilt Vejer de la Frontera. Mittlerweile wird es vom Massentourismus überrollt. Eine Besonderheit sieht man nur noch auf den Postkarten: Cobijos, eine auf islamische Traditionen zurückgehende Tracht mit Gesichtsschleier. Dieser Tschador wurde 1931 von der regierenden Volksfront verboten, da reaktionäre Kräfte darin unerkannt Waffen für terroristische Anschläge transportierten. An der Fassade der Klosterkirche Iglesia Merced zeigt ein Halbrelief das Porträt einer verschleierten Cobijada. Offensichtlich haben auch Christinnen sich lange so gekleidet.

Der Wirt eines Hotels gleichen Namens preist sein Haus an: El Cobijo ist Frieden und riecht nach Jasmin. http://www.elcobijo.com/el_entorno_historia. Na denn!

Im Januar 1492 kapitulierte der letzte arabische Herrscher in Andalusien. Da blickten die „katholischen Könige“ schon in die Neue Welt. Ein weitere „conquista“ sollte beginnen.

 

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