Andalusien (5): Kirchen

Die vielen spanischen Kirchengebäude demonstrieren noch immer den Sieg der Rückeroberung unter den „katholischen Königen“. Viele können ihre Vergangenheit als Moschee nicht verleugnen, andere wie die neue Kathedrale von Cádiz stammen aus späterer Zeit. 116 Jahre hat man seit 1722 an ihr gebaut, was einen schönen Stilmix ergibt. Eine Renovierung wäre nicht schlecht, denn die Decke bröckelt schon. Ich kriege trotz der Auffangnetze plötzlich ein paar Splitter auf den Kopf.

Das anfänglich barocke Gotteshaus wurde im klassizistischen Stil vollendet. Im Innern sind mehrere Skulpturen aus der alten Kathedrale zu sehen. Zuletzt wurden im 19. Jahrhundert die Türme und die Sakristei errichtet. Besonders hervorzuheben sind die Gewölbe des Altarraums und das Chorgestühl, das jedoch ursprünglich nicht für die Kathedrale angefertigt wurde. Die barocken Heiligenfiguren sind von großer Schönheit. Die Kirche überwölbt eine eindrucksvolle, mit golden glasierten Dachziegeln gedeckte Kuppel. In der Krypta ist der berühmte Komponist Manuel de Falla begraben.
Seit 2003 kann der Westturm, der Torre de Poniente, bestiegen werden. Über die Rampe gelangt man in den Glockenturm, mit dessen Bau im 18. Jahrhundert, der Blütezeit von Cádiz, begonnen wurde. Von dem Turm aus bieten sich wunderschöne Blicke auf die umliegende Stadt.

Zur Zeit stellt man in ihr besondere Schätze aus unter dem Leitwort „Translatio Sedis“, weil die Diözese vor 750 Jahren gegründet wurde. Wie bei vielen Kathedralen muss man Eintritt bezahlen und bekommt dafür einen Audioguide, der einem auf Deutsch die wichtigsten Kunstwerke erklärt, vor allem die unendliche Schar der Heiligen. Unverdrossen kämpft Santiago (Hl. Jakobus), der Maurentöter, noch immer gegen die Muslime und setzt seinen Fuß auf ihren Kopf. Die vielen Madonnen sind so allerliebste Himmelsköniginnen, dass Mann sich glatt vergucken könnte. Die beiläufig eingestreute massive katholische Propaganda muss  man in Kauf nehmen.

Die römisch-katholische Kirche kämpft nämlich um ihren Einfluss. In den ausliegenden Schriften betonen die Autoren besonders den Wert ihrer Schulen und sozialen Projekte. Unsere eher linken Freunde sind dennoch skeptisch: Die jahrhundertelange Kungelei mit den Mächtigen und zuletzt mit dem Franco-Regime hat der Kirche massiv und auf Dauer geschadet. In Andalusien sollen nur 1 % der Bevölkerung an der Messe teilnehmen. Gleichwohl spielen die Bischöfe traditionell eine wichtige Rolle, nicht zuletzt durch die Politiker der konservativen Partei. http://www.catedraldecadiz.com.

Direkt bei der Neuen steht noch die ältere Kathedrale Santa Cruz, die im 13. Jahrhundert auf den Fundamenten einer Moschee errichtet wurde. Sie war ursprünglich als Ruhestätte für Alfons X. vorgesehen, der Cádiz 1262 von den Mauren befreite. Ihm begegnen wir in Spanien allerorten.

Als Enkel des Königs Philipp von Schwaben können wir ihn fast als Landsmann verstehen. Tatsächlich strebte er mit diesem Erbe die deutsche Kaiserkrone an. Letztlich reichte aber sein Geld dafür nicht. Als er deswegen den Wert der Münzen manipulierte und die Preissteigerungen durch eine Steuer ausgleichen wollte, schädigte er die Wirtschaft. Wenn auch finanzpolitisch kein „Käpsele“, so verdiente er den Titel „der Weise“ durch seine Gesetzgebung und ein chemisches sowie philosophisches Werk, das er neben bedeutenden Gedichten verfasste. In der Astronomie lernte er von den Mauren und verbesserte die Ptolemäischen Planetentafeln. Darum ist der Krater Alphonsus auf dem Mond nach ihm benannt. In Toledo gründete er eine wichtige  Übersetzerschule aus Juden, Muslimen und Christen, die arabisches und jüdisches Wissen ins christliche Europa vermittelten.

Als er nach seinem Kreuzzug gegen die Mauren sich mit den Herrschern von Marokko verbünden wollte,  denunzierten ihn  der eigene Sohn und die Adeligen als Feind des christlichen Glaubens. Er wurde 1282 entmachtet und starb zwei Jahre später vereinsamt in Sevilla.

Zur stillen Einkehr ziehe ich  die unbekannten Gotteshäuser mit ihrer Kühle und Stille vor. Glücklicherweise gibt es Bänke, auf denen man ausruhen kann. In unserer Nachbarschaft ist beispielsweise die Kirche St. José, die also dem Hl. Josef geweiht  ist. Auf einem Altar ist  er in seltener Pose mit dem Jesusbaby zu sehen, andernorts allenfalls mit dem größeren Kind Jesus an der Hand. Jeden Abend kommen Leute zur Messe, die ein junger Priester zelebriert.

Dass die Leute von Cádiz ihren Glauben in eigenartiger Weise leben, sehe ich in der Markthalle. Drei lange Reihen sind von Fischhändlern belegt, die oft ein Jesus- oder Marienbild hinter sich aufgehängt haben. Es ist gewöhnungsbedüftig, wenn man ihnen zuschaut, wie sie vor diesen Bildern mit großen Messern die Fische zerlegen, portionieren oder entgräten. Aber schließlich waren ja die ersten Jünger Jesu Fischer.

 

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