Andalusien (4): Eroberer

Ich blicke von der Burg „Castillo de Guzmánel Bueno“ in Tarifa hinüber nach Marokko. Von dort sind sie also 710 gekommen, die muslimischen Eroberer. Gerade mal 14 km sind es von der südlichsten Stadt Europas bis nach Afrika. Der Dschebel Musa, einer der „Säulen des Herkules“ ist gut zu erkennen. Wie viele werden wohl von drüben sehnsuchtsvoll herblicken und  trotz Todesgefahr irgendwann mit wenig seetüchtigen Booten die Überfahrt wagen? Erst kürzlich sind wieder Tote hier angeschwemmt worden. Damit müssen wir uns auf der ganzen Reise immer wieder konfrontieren. In den Jahren von 1997 bis 2001 wurden gemäß einer Zählung der marokkanischen „Vereinigung der Freunde und Familien von Opfern der illegalen Einwanderung“ (Association des amis et familles des victimes de l’immigration clandestine, AFVIC) an den marokkanischen und spanischen Küstenstreifen der Straße von Gibraltar insgesamt 3.286 Tote gefunden. Wie viele aufs Meer abgetrieben und nie gefunden wurden, ist unbekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl etwa dreimal so hoch wie jene der an die Strände geschwemmten ist – also fast 2.000 Tote pro Jahr. Genaue aktuelle Zahlen gibt es nicht.

In der Burg ist eine gut gemachte historische Ausstellung, die auch die islamische Epoche würdigt. Das hat Seltenheitswert. Man muss diese oft mühsam unter den späteren Überbauten aufspüren. Die Steine sprechen ja erst, wenn man nicht nur die Geschichte, sondern auch die Geschichten kennt, die sich hier abgespielt haben. Mir hilft dabei die „Islamische Geschichte Spaniens“, dargestellt von Wilhelm Hoenerbach auf Grund der A’mal al-A’lam und ergänzender Schriften in der „Bibliothek des Morgenlandes“ im Artemis Verlag Zürich 1970.

Im  Juli 710 führte der Berber Tarif abu Zura gerade mal 500 Leute zur Erkundung her. Wahrscheinlich war –  wie später gegen Nordspanien – nur an Beutezüge gedacht. Aber ein Jahr später folgte die Eroberung von „Al Andalus“ durch Tarik Ibn-Sijad mit immerhin 7000 Mann. Er besiegte das durch Streitereien geschwächte westgotische Heer unter Roderich in der siebentägigen Schlacht in Jerez de la Frontera im Juli 711. Wir haben die Stadt viermal besucht, aber das Schlachtfeld nicht mehr gefunden. Es gab ja dann in den achthundertjährigen islamischen Herrschaften in Spanien viele davon. Ich schreibe im Plural, weil man von Anfang an sehen kann, dass die Muslime  sich nie einig waren und – wie die Christen auch – sich öfter gegenseitig abschlachteten oder sogar sich mit den „Kafiren“ („Ungläubigen“) verbündeten. . Die Berber, vor allem als Almoraviden und Almohaden waren immer wieder besonders brutal gegen ihre Glaubensgenossen. Deren Fanatismus erinnert an die Taliban oder IS heutzutage. Von Anfang an waren die eindringenden Muslime noch einmal als Nord- und Südaraber (Syrer bzw. Jemeniten) verfeindet. Die viel gerühmte Toleranz war eine kurze  Ausnahme, die „umma“ (arabisch أمة ) eine Illusion.

Vielleicht war dafür die beste Zeit die im 10. Jahrhundert unter Abd ar-Rahman III., der die Burg bauen ließ, auf der ich stehe. Bezeichnenderweise als Schutz gegen Überfälle der Fatimiden, die später Kairo gründeten. „Islam heißt Frieden“? Ganz gewiss nicht in der Geschichte Andalusiens. Dieser Machthaber ernennt sich 929 zum Kalifen, eine ungeheure Provokation. Denn in Bagdad sitzt der rechtmäßige Nachfolger des Propheten.

Ihren Namen hat die Burg in Tarifa vom christlichen Kommandanten der Rückeroberung 1292 Alonso Pérez de Guzmán. Der opferte lieber seinen Sohn als zu kapitulieren, wofür ihm König Sancho IV. den Ehrentitel „El Bueno“ (der Gute) verlieh und mit Ländereien belohnte. Später wurde er zum Herzog von Medina Sidonia ernannt und begründete eines der mächtigsten Adelsgeschlechter Spaniens. Seine Nachkommen gehören noch immer zu  den größten Großgrundbesitzern Andalusiens.

Ich schaue auf den Hafen, wo Fähren nach Tanger auslaufen. Eine Gruppe Marokkanerinnen wartet dort mit allerlei Ware, die sie wohl zuhause weiterverkaufen werden. Anders als die Männer sind sie noch traditionell gekleidet.

Als ich 1969 mit meinem R 4 durch Marokko bis in die Sahara fuhr, trugen noch alle Männer den Wollmantel, die Dschellaba (arabisch جلابة). Ich „tarnte“ mich auch damit um nicht gleich als Tourist aufzufallen. Die Armut war damals weit schlimmer als heute, aber es gab keine Bootsflüchtlinge. Man kannte es ja nicht anders. Meine Reisekasse als Student war mager, sodass ich mich oft über die große Gastfreundschaft freute.

Jetzt schauen wir uns noch ein wenig in der Altstadt um, die mit ihren engen Gassen den maurischen Charakter behalten hat und zum geschützten Kulturgut erklärt wurde. Etwas abseits am Strand fallen die Wind- und Kite-Surfer auf, die die starken Winde nutzen: locos por el viento genannt, „die nach dem Wind Verrückten“.

Der Tourismus hat den Vorteil, dass es heute eine gute Infrastruktur gibt. Die wichtigen Straßen sind mittlerweile erstklassig, wenn auch die Autobahnen teilweise Maut kosten. 1969 kam ich auf den schmalen Landstraßen oft an  den Lastwagen nicht vorbei. Das ist heute dank der EU besser. Überall gibt es reichlich Informationsmaterial und gute Stadtpläne. Dazu natürlich das Internet: https://tarifa.de.

Auf dem Rückweg nach Cadiz kommen wir am Kap Trafalgar vorbei. Zu sehen ist nicht viel, aber der Name genügt, um die Phantasie über die Seeschlacht von 1805 anzuheizen. Anfang diesen Jahres erst wurden etliche „Devotionalien“ des englischen Seehelden (und Pastorensohns!)  Lord Nelson versteigert.

https://www.welt.de/geschichte/article172276554/Schlacht-von-Trafalgar-Mit-diesem-Trick-schlug-Nelson-die-Flotte-Napoleons.html

Ein Anlass für Demut: Bis in die jüngste Vergangenheit haben sich nicht nur in Spanien die Christen gegenseitig umgebracht. Und das nach der vielgerühmten „Aufklärung“.

 

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