Andalusien (3): Westgoten

Ein Interesse unserer Andalusienreise ist ein besseres Verständnis zu gewinnen für den Islam in Spanien. Vor der islamischen Herrschaft spielten die Westgoten eine besondere Rolle. Manche sagen, sie seien verantwortlich, dass  die muslimischen Eroberer leichtes Spiel hatten.

Seit dem 2. Jahrhundert ist in Spanien das Christentum nachweisbar. In Kirchen wird gern auf die angeblichen Besuche durch den Apostel Paulus hingewiesen. Der schreibt zwar in seinem Brief an die Römer, dass er noch nach Hispania reisen möchte, aber dazu kam es sicherlich nicht. Flächendeckende christliche Präsenz beweist aber  das Konzil von Elvira (bei Granada) um 300, an dem 19 Bischöfe und 24 Presbyter teilnahmen. Bischof Hosius von Córdoba war einer der wichtigsten Berater von Kaiser Konstantin, der die christliche Staatskirche vorbereitete. Der iberorömische Kaiser Theodosius ließ bereits 392 jede Anbetung nichtchristlicher Götter verbieten.

Doch das römische Imperium teilte sich erst in West und Ost und zerfiel dann ganz. Bereits romanisierte Wandalen, Sueben und Westgoten folgten den Römern. Letztere bildeten ein föderiertes Reich von 418 bis 711 erst in Gallien und dann in Spanien mit der Hauptstadt Toledo. Zahlenmäßig waren es kleine Verbände, sodass eine Minderheit ein riesiges Gebiet kontrollieren wollte. „Die Schätzungen der Anzahl der im Toledo-Reich lebenden Westgoten schwanken zwischen rund 70 000 und 200 000, was einem Anteil von etwa ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung (zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung des Reichs) entspricht.“ Praktisch übernahmen sie die Rolle der römischen Armee, die inzwischen von Ravenna aus verwaltet wurde. Wesentliche Strukturen der Verwaltung wie auch die lateinische Amtssprache wurden von den Westgoten beibehalten. Sie waren als Großgrundbesitzer  am Land interessiert, stützten sich auf Sklavenwirtschaft und vernachlässigten die Schifffahrt. Das sollte sich bald rächen.

Wenn man auf den Ruinen steht und sich das damals pulsierende Leben vergegenwärtigt, fragt man sich, ob die Menschen eigentlich ein Bewusstsein dafür hatten, dass ein Weltreich untergeht. Ich frage auch: Was werden spätere Generationen auf unseren Ruinen von uns denken? Erleben wir auch  gerade eine Zeitenwende mit dem Niedergang des Westens und dem Aufstieg Chinas?

In Mérida haben wir viele Objekte westgotischer Kunst gesehen, in Cádiz nur wenige. „Bis heute hat im kollektiven Gedächtnis der Spanier gerade das westgotische Erbe einen hohen Stellenwert. Dies mag Echo einer national-spanischen Geschichtsschreibung, bzw. der Versuch sein, die Einbindung der Iberischen Halbinsel in das Abendland zu betonen.“ Freller/Vázquez S.71.

Bekannt ist, dass die verschiedenen westgotischen Clans auch untereinander Zoff hatten und sich in Machtkämpfen aufrieben. Religiös hingen sie der christlich-arianischen Konfession an, die später als Ketzerei ausgemerzt wurde. Deren Theologie hat mir immer eingeleuchtet. Aber sie spaltete die Christenheit. Ihre intolerante Haltung zu den Juden ließ diese auswandern. Basken und Katalanen waren schon damals widerständig. Die Thronfolge war nie geklärt und führte regelmäßig zu Bruderkriegen. 711 kam das Ende nach  einer verheerenden Niederlage gegen ein muslimisches Invasionsheer unter Tariq ibn Ziyad. Schon vorher sind wohl Bewohner aus Nordafrika ganz friedlich eingewandert und haben in menschenleeren Gegenden gesiedelt. Das Mittelmeer war eben keine politische oder kulturelle Grenze. Unser Bild der Ereignisse ist oft eine Rückprojektion aus späterer Zeit, wenn nicht sogar fundamentalkatholische Propaganda. Die neuere Geschichtsschreibung schildert weniger große Schlachten zwischen Westgoten und Muslimen, sondern eher eine „sanfte“ Übernahme durch Araber und Berber.

Bei manchem blauäugigen Blondschopf am Strand frage ich mich, ob dieser stolze Spanier vielleicht auch von den Westgoten abstammt. Bei den Blondinen klärt mich meine Liebste auf, dass diese ihre Haare gefärbt haben. Dabei steht ihnen doch schwarz so gut.

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