Andalusien (1): Phönizier

Unser Stützpunkt der diesjährigen Reisen in Andalusien ist wie vor drei Jahren die Hafenstadt Cádiz, die über den Flugplatz in Jerez leicht von Stuttgart aus zu erreichen ist. Diesmal allerdings mieten wir ein Auto, damit wir auch abgelegene Orte besuchen können. Unsere Wohnung liegt direkt am 7 km langen Sandstrand in der Neustadt (Playa de la Victoria). Während der Woche sind kaum Leute dort, am Wochenende jedoch vor allem Einheimische. Der Atlantik ist noch ziemlich kalt, zumal immer ein frischer Wind weht. Die Altstadt kann man bequem mit dem Bus Nr. 1 erreichen.

Cádiz ist eine der ältesten Städte Spaniens. „Die Phönizier gründeten Cádiz unter dem Namen Gadir (Festung) um 1100 v. Chr., von dem bis heute die Bezeichnung für die Bewohner gaditenos abgeleitet wird.“ Oliver Breda/Susanne Lipps: Andalusien, Dumont Reisehandbuch, Ostfildern 4. Aufl. 2017, S.198.

Prunkstücke im Museo de Cádiz sind zwei gewaltige Marmorsarkophage, die aus einer phönizischen Nekropole der Umgebung stammen. Sie sind menschlichen Körpern nachgebildet und zeigen eine Frau (mit Messer?) und einen Mann (mit Apfel?). Sie sind sehr lebensecht gestaltet. Im Innern fanden Archäologen 1887 bzw. 1980 je ein männliches und weibliches Skelett, die auf 470 v.Chr. (Neukirchen/Vogler) bzw. 541 v.Chr. (wikipedia) datiert werden. Die andern Fundstücke wie Terrakottafiguren, Masken, Vasen und Schmuck beweisen eine enge Handelsbeziehung zu Sidon. Eine Münze stellt den phönizische Gott Melkart dar, auf der Rückseite sind Thunfische abgebildet.  www.museosdeandalucia.es/web/museodecadiz.

Ich verstehe nicht, dass die neuesten phönizischen Ausgrabungen in keinem Reiseführer angezeigt oder gar beschrieben werden. Dabei ist das „Yacimiento Arquelogico fenicio“ sogar im Internet zu bestaunen: https://www.youtube.com/watch?v=uVDwa4uKm-E.

Meine Liebste hat vorsorglich Homers Dichtungen mitgenommen, geht aber lieber in die öffentliche Bibliothek, um mehr zur realen Geschichte der Stadt zu  studieren. Die gekühlten Leseräume würden mich auch reizen, denn in der Hitze ist man  tagsüber schnell erschöpft. Dennoch wandere ich unermüdlich durch die engen Gassen.

Man kann ja auch einfach den Legenden glauben: Laut Stadtwappen wurde die Stadt von Herkules gegründet: „Hercules Fundator Gadium Dominatorque“ (Herkules, Gründer und Herrscher von Cádiz). Tatschlich waren es wohl  Kaufleute aus Tyros, die die günstige Lage der Insel (heute nur noch Halbinsel) erkannten. In der Nachbarschaft besuchen wir die Stadt Medina Sidonia, deren Name vermuten lässt, dass auch Leute aus Sidon gesiedelt haben. Dennoch fragt man sich, was diese antiken Phönizier veranlasst haben könnte, die eigene Heimat zu verlassen und Kolonien zu gründen. Platz gab es doch sicher überall genug. Schon damals war jedenfalls das Mittelmeer keine Grenze, sondern innerhalb der mediterranen Welt ein konkurrierend und kämpfend genutzter Handelsraum. Nun waren die Phönizier tüchtige Seeleute und leider auch Schiffbauer. Leider – weil sie deswegen (wie später andere auch) alle Bäume, die „Zedern des Libanon“,  zu Planken verarbeiteten. Nachhaltige Forstwirtschaft gab es im ganzen Mittelmeergebiet nicht mit bösen Folgen bis heute.

Mit der Ausbreitung der Herrschaft der Phönizier aus Karthago in Nordafrika kam Cádiz zu deren Reich und entwickelte sich seit etwa 500 v. Chr. zum bedeutendsten Handelszentrum des punischen – die Römer nannten sie „poeni“ – Atlantikverkehrs. Unsere Nachbarstraße hier heißt nach Hamilkar Barkas. Seine Statue steht vorm Haus am Strand. Dieser Stratege nutzte die Stadt seit 237 v. Chr.  als Ausgangspunkt für seine Feldzüge, ebenso sein Sohn Hannibal bei seinem Kriegszug des Jahres 218 v. Chr., der bekanntlich Rom an den Rand einer Niederlage brachte.

Ich denke oft an Bert Brechts Text: „Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ (Offener Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller, 1951)

Ich fürchte allerdings, dass Rom auf dem Weg zur Weltmacht diese Kriege provozierte. Caesar hat dann ja auch die Stadt wieder aufbauen lassen. Die „Mutterstadt“ Tyros wurde übrigens schon 332 v. Chr. von Alexander zerstört, nachdem es als einzige phönizische Stadt Widerstand gegen sein Heer geleistet hatte.

Ihre kulturelle Leistung aber blieb. Wir danken ihnen unsere Schrift. Das phönizische Alphabet, das wohl im 12. Jahrhundert v.Chr. entstand, wurde zur Basis der europäischen, aber auch der hebräischen und arabischen Schriften.

Ihre Religion begegnete mir beim Studium des Alten Testaments. Eine Trias von Göttern verehrten die Bewohner von Tyros, Sidon, Arwad, Byblos und dem untergegangenen Ugarit. An der Spitze stand ein Vatergott namens El. Ihm zur Seite stand die Göttin Aschera oder Astarte. Dazu dann als beider Sohn der Gott Baal, auch Adon, Adoni oder Adonis,  der Herr, während die Tyrer ihn als Melkart und die Sidonier als Eschmun verehrten. Jeder dieser drei himmlischen Herrscher repräsentierte und verkörperte jeweils eine Reihe von bestimmten Naturgewalten und -erscheinungen. Bekanntlich beeinflusste diese Götterwelt auch die Israeliten, weshalb ihre Propheten gegen den Baalskult predigten. Hat das womöglich  eine Bedeutung für unseren heutigen Umgang mit der Natur?

In einer schattigen Bar vor dem wuchtigen Rathaus von 1799 trinke ich einen Kaffee. An dessen Fassade prangen Reliefs in Form phönizischer Münzen und eine Darstellung des Halbgottes Herkules. Ich denke über diese alten Geschichten nach. Eine unangenehme Schulerinnerung taucht auf. Im Lateinunterricht übersetzten wie Vergils Aeneis, Gründungsmythos des Römischen Reiches. Da kommt die Königin von Karthago Dido vor. Auf der Flucht aus Troja werden Aeneas und seine Gefährten von einem Sturm an die Küste des neu gegründeten Karthago getrieben, wo Königin Dido ihn gastlich aufnimmt. Auf Betreiben von Venus , der Mutter von Aeneas, die ihren Sohn auf diese Weise schützen will, und Juno , die ihn so vom verheißenen Land Italien fernhalten will, verliebt sich Dido unsterblich in Aeneas. Trotz eines Eides, den sie einst abgelegt hatte, sich nie mehr mit einem Mann einzulassen, vereinigt sie sich mit Aeneas während eines Unwetters in einer Höhle. Doch Jupiter schickt den Götterboten Mercurius, um Aeneas an seine Pflichten zu erinnern − so verlässt er Karthago, was Dido in den Suizid treibt: Sie ersticht sich mit dem Schwert des Aeneas. Doch zuvor schwört sie Rache und schafft so die Grundlage für den späteren Konflikt zwischen Rom und Karthago.

Während ich unter der Bank mit anderen Dingen beschäftigt bin, trifft mich die bellende Stimme meines Lehrers: „Was sagen Sie zu Dido?“ Ich hätte sagen sollen „Nichts, keine Ahnung!“, versuche aber eine verquere Ausrede und handle mir einen üblen Tadel ein. Was interessierte mich der Liebeskummer von Dido? Ich hatte selber welchen.

Damit sind wir bei den Römern. Die waren natürlich auch in Cádiz.

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