Predigten

Predigten sind noch immer die wichtigste Verkündigungsform der Kirche. Deswegen lohnt die sorgfältige Vorbereitung, die allerdings im Gemeindealltag nicht immer möglich ist. Der Verfasser dieser neunzehn Predigten – der Verlagshinweis „Wegweiser zu heutigen Lebensfragen“ führt m.E. in die Irre –  hat die Muße, nicht nur die biblischen Texte genau zu studieren, sondern auch durch seine vielfältige Lektüre älterer Literatur (Goethe, Mörike, Claudius, Zuckmayer u.a.) anzureichern. Er ordnet sie thematisch  geradezu trinitarisch nach „Gott“, „Jesus Christus“, „Geist und Kirche“ und nicht nach dem Kirchenjahr, obwohl die jeweiligen Sonntage mit ihren spezifischen Perikopen angegeben werden. Leider verzichtet er aber auf eine konkrete Angabe von Zeit und Ort. Er versteht sie alle als „Fährten“ wie ein Trapper auf der Spurensuche in der Wildnis oder der Detektiv in einer Großstadt.

Strunks Stärke ist seine Erzähllust, sodass man ihm gern zuhört und wohl noch lieber seine Texte liest. Manchmal erfindet er zusätzliche Figuren wie ein fragendes Kind bei der Blindenheilungsgeschichte S.68-72. Der geheilte Blinde sagt da: „Zum Sehenkönnen gehört das Augenlicht. Aber doch nicht dieses Augenlicht allein. Es gehört auch ein Licht und eine Kraft der Seele dazu. Nenn es Glaube, wenn du willst. Oder Liebe. Oder Menschlichkeit. An den Worten liegt ja nichts. Aber alles liegt daran, dass es eine Kraft gibt, die du in dir spürst und die dir beim Sehen mit den Augen hilft.“ Oder eine quasi württembergische Bischofswahl in Korinth S.86ff. mit der „Fährte“ eines nichtkanonischen  Paulus-Wortes: „Es geht um Gott und um Christus, nicht um die Kirche und ihr Image. Und vertrauen Sie darauf: Einen Bischof (übrigens: es könnte auch eine Frau sein!) werden Sie finden.“ Selbst so ein spröder Text wie Offenbarung 3,7-13 lockt den Prediger zu einem fiktiven Protokoll einer Gemeindeversammlung in Philadelphia: „Meinst du, Christus wolle kommen zu seinem Advent, um ein großes Theater zu veranstalten, woran die Leute ihr Vergnügen haben und wovon nachher die ganze Stadt schwätzt? Meinst du, es würde ihn froh  machen, wenn wir Christen fleißig katzbuckelten vor den Größen in der Stadt und uns lieb Kind machten bei den Mächtigen, dass die uns ab und zu auf die Schultern klopfen, als wären wir ganz einig in unseren Zielen und einig sogar in dem, was wir anbeten?“ S.120

Ich stimme dem Geleitwort von Ernst Michael Dörrfuß zu: „Jede Predigt ist ein Kleinod, ein Kunstwerk, das zu betrachten, dessen Botschaft sich auszusetzen, das zu meditieren lohnt.“

Die Stärke dieser oft narrativen Theologie ist aber zugleich ihre Schwäche. Klare Vorgaben sind selten. Jeder kann sich aussuchen, was  ihm gerade  passt. Deswegen kann man die durchaus anklingenden Zeitbezüge oder aktuelle kirchliche Debatten oft nur ahnen. Die konkrete Gemeinderealität wird nur selten deutlich. Ob sich die ersten Zuhörer wirklich angesprochen fühlten?

In letzter Zeit habe ich öfter Predigten gehört, in denen weniger phantasie- und sprachbegabte Pfarrer eigene Erzählungen zum Besten gaben und kaum die Augen vom Manuskript lösten.  Einer brachte es sogar fertig, nach der Verlesung des Bibelabschnitts etwas völlig anderes zu erzählen. Der letzte ließ die Bibel gleich ganz weg. In so einem Fall freue ich mich, wenn ich zuhause eine gute Predigt lesen kann.

Reiner Strunk: Fährten zu den Lebensquellen, Verlag der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, 2018, 136 Seiten, 12,95 €.

 

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