Der Gott der letzten Tage

Die Schriftstellerin Sibylle Knauss liest vor einem Kreis älterer Pfarrer  und ihren Frauen aus ihrem neuen Roman „Der Gott der letzten Tage“ (Klöpfer & Meier Verlag Tübingen 2017, 184 S. 20 €). Die Theologin versetzt sich in einen todkranken 66jährigen Pfarrer und schildert dessen Auseinandersetzung mit Gott. Offenkundig sind viele Passagen autobiografisch. Einige meinen, den in Romanform beschriebenen Pfarrer identifizieren zu können. Manche vermuten, dass die im Roman öfter auftauchende „Geliebte“ die Autorin womöglich selber sei. Die meisten sind jedenfalls sehr angetan und haben den Roman gleich zweimal gelesen. Ein Rezensent bezeichnet das Buch im Deutschen Pfarrerblatt (2/ 2018 S. 119) sogar als „literarische Pastoraltheologie“.

Der Pfarrer, der sein  ganzes Berufsleben lang Grabreden gehalten hat, kann nun im Krankenbett nur noch schweigen. Er ist so isoliert, dass er einen gedanklichen Dialog mit Gott beginnt. Verbittert blickt er auf sein Leben zurück, erinnert sich an seine Untugenden. So hat er seine Frau geschlagen, die sich dann von ihm trennt. Seine Lage in der Intensivstation des Krankenhauses wird drastisch geschildert:

„Er fühlt etwas Ungewohntes. Er fühlt sich nackt, öffnet die Augen und sieht, dass es der Fall ist. Sie haben seinen Leib aufgedeckt und machen sich an ihm zu schaffen. Zwei Frauen. Er fühlt ihre Hände über seinen Leib gleiten. Er sieht an sich hinab, sieht seine Brust, die vorstehenden Rippen, den mageren Bauch, eine Mulde zwischen Hüftknochen und Schambein, den Penis, klein und schutzlos wie ein Tier, das sich im Nest seiner Schamhaare schlafen gelegt hat, den Katheter, der aus ihm herausführt, er sieht seine Beine, lang und dünn, die Füße weit weg, versucht sie zu sich heranzuziehen, merkt aber, dass er so wenig Gewalt über sie hat wie über seine Arme. Die Frauen sind überaus freundlich. Wir waschen Sie, sagen sie.“

In einem Interview wurde  die Autorin gefragt, ob der religiöse Glaube an das ewige Leben beim Sterben hilft. Ihre Antwort:

„Ich glaube nicht, dass es wirklich hilft. Denn die Unabänderlichkeit, die bleibt bestehen – egal, ob man ein gläubiger Mensch ist oder nicht. Ich glaube, es verändert sich damit, ob man in ein totales, gespenstisches Nichts hinübergeht; oder die, den Gedanken hat, die Vorstellung hat, dass man in Gottes Hand landet. Das ist ein Bild, ganz klar. Aber zwischen dem totalen Nichts und dieser Gottesvorstellung, die im Tod wirklich aktuell wird, dazwischen passt nur ein Wimpernschlag, ein Gedanke: Und das ist der Gedanke, den man im christlichen Kontext Glauben nennt.“

Obwohl der Roman handlungsarm ist, folgt man den Dialogen mit Spannung. Und man  fragt sich, wie man selber sich zum Tod verhält. Bin ich ein Funktionär, der andern predigt, was er selber nicht lebt? Oder bringe ich meine Predigten mit meinem Leben in Einklang? Stelle ich mir vor, wie mein eigenes Sterben einmal sein wird?

Angesichts vieler Romane, in denen die Pfarrerexistenz romantisiert oder gar verkitscht wird, ist der Autorin ein sehr ehrliches, manchmal brutales und dann  doch wieder heiteres Buch gelungen, das man in einem Zug liest.

Näheres unter http://www.sibylle-knauss.de/der-gott-der-letzten-tage.html

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