Psalmen predigen

Man denkt kaum darüber nach: In jedem evangelischen Gottesdienst werden jüdische Gebete gesprochen, die Psalmen. Seltsamerweise werden sie nach der bisherigen Ordnung niemals in einer Predigt erklärt. Einzelne Verse sind beliebt bei Hochzeiten oder Beerdigungen und werden dann der Ansprache zugrunde gelegt. Aber da kann selten die Fülle des Textes zur Geltung kommen. Das soll sich mit einer neuen Perikopenordnung in der Landeskirche Württemberg ändern.

Die Tübinger Pfarrer trafen sich heute mit dem Alttestamentler Jürgen Ebach, um sich fortzubilden. Im Studium haben sicherlich die meisten sich mit den Psalmen beschäftigt, aber das ist lange her. Immerhin benutzen einige den hebräischen Text.

Gleich zu Beginn seiner Ausführungen bin ich ernüchtert. Es sind von 150 Psalmen lediglich sechs ausgewählt. Natürlich ist jeder Pfarrer frei, auch jenseits der Ordnung über Psalmen zu sprechen oder biblische Gespräche anzubieten. Ich selber ziehe zunehmend solche „Bibelarbeiten“ vor, weil man im Gespräch eher merkt, wo die Interessen oder auch Verstehensschwierigkeiten der Menschen liegen. Man kann verschiedene Übersetzungen vergleichen und natürlich fragen, was die Texte uns heute sagen können. Nur so kann man die bedauerliche Abneigung vieler gegen das Alte  Testament überwinden.

Psalmen sind Gebete in poetischer Form. Es ist hilfreich, die spezielle Eigenart der hebräischen Poesie zu verstehen. Viele drücken Verzweiflung und Klage, manche auch ein Lob Gottes aus. Sie können zur Schule des Betens werden, aber auch Worte ermöglichen, wenn wir nur noch verstummen möchten.

Die liturgische Textfassung im Gesangbuch ist meistens verkürzt, manche behaupten „getauft“. Gerade  die ausgelassenen Verse lassen aber oft den jüdischen Hintergrund ahnen, den herauszuarbeiten lohnt.  Ihre Theologie könnte das christliche Denken bereichern:

Ebach: „Wie sähe eine Dogmatik aus, welche die Vielfalt der „Schrift“ nicht in Lehrsätze auflöste, sondern ihr folgte? In ihr hätten auch solche biblischen Motive eine Bedeutung, welche viele Dogmatiken an den Rand stellen oder ganz ausblenden, wie z.B. das der Reue Gottes. Einer ‚schriftgemäßen“ Dogmatik ginge es nicht um eine Überführung der biblischen Vielfalt in eine systematische Einlinigkeit, sondern darum, die Bibel als Sammlung von Zeugnissen des gelebten Lebens in gegenwärtiges Fragen einzubringen. In welcher Haltung wäre das zu tun? Dazu ein Satz aus Psalm  62, einem Psalm übrigens, den das Evangelische Gesangbuch gar nicht für das gottesdienstliche Gebet vorsieht. Mehr als nur einen Schriftsinn kennt Psalm 62,12: „Eines hat Gott gesprochen, zwei sind’s, die ich gehört habe.“ Was besagt dieser Satz, in welchem Ton gesprochen sollen wir ihn hören? Dazu müssen wir nach seinem illokutionären Anteil fragen. Ich will diesen Aspekt der Sprechakttheorie zunächst an einem Alltagsbeispiel in Erinnerung bringen, an dem simplen Satz: „Ich komme morgen.“ Was er besagen kann, zeigt sich in verschiedenen Möglichkeiten des mit ihm Bezeichneten, auch in ihm nicht Ausgesprochenen. Er kann z.B. besagen: Ich informiere dich darüber, dass ich morgen komme. Er impliziert womöglich auch die Entschuldigung, dass ich leider nicht schon heute kommen kann. Er kann besagen: Ich verspreche, morgen zu kommen, oder: Ich nehme mir fest vor, morgen zu kommen. Ich komme morgen – das kann jedoch auch als eine Drohung gehört werden und schließlich womöglich direktiv zu verstehen sein: Ich komme morgen, sei also bitte zu Hause! Den illokutionären Sprechakt erfassen wir in der mündlichen Kommunikation in der Regel aus dem Kontext, dem Tonfall und der Mimik. Obwohl das bei literarischen und vollends bei sehr alten wie den biblischen Texten schwieriger zu bestimmen ist, stellt sich auch für ihre Sprechakte die entsprechende Frage. Eine Möglichkeit wäre, ihn im Ton von Trauer und Demut zu hören. Leider vermag ich das eine Wort Gottes nicht als das eine klare zu hören. So gehört, bekundete die Sentenz, dass menschliche Verstehensmöglichkeiten in ihrer Vorläufigkeit und ihren Defiziten stets zurück bleiben hinter der Klarheit des Gotteswortes. Die gegenstrebige andere Lesart wäre dagegen: Ich bin beglückt angesichts des Reichtums, dass das eine Wort Gottes so vielfältig, so reich an Verstehensmöglichkeiten ist und dass Menschen mit Verstand und Phantasie, für sich grübelnd und mehr noch im Diskurs, etwas von diesem Reichtum herausfinden können – und sollen. Diese zweite Haltung kennzeichnet die rabbinische „Schrift“- Lektüre im Lehrhaus und ihr Konzept von festem Text und freier Auslegung, für das Ps 62,12 zu einem wiederholt zitierten Grund-Satz wurde.“

Professor Ebach gehört zu den Alttestamentlern, die ihre Wissenschaft nicht in Orientalistik auflösen, sondern sich als Theologen verstehen, die der Kirche dienen. So hat er jüngst ein Buch veröffentlicht, das die reichhaltigen Bezüge des christlichen Gottesdienstes zum Alten Testament aufzeigt: Jürgen Ebach. Das Alte Testament als Klangraum des evangelischen Gottesdienstes. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2016. 368 S., 24,99 €.

Eine katholische Rezension findet sich unter http://www.biblische-buecherschau.de/2018/Ebach_Klangraum.pdf

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