Ehe

Kürzlich nahm ich an einer Hochzeit teil. Der junge Prediger zitierte Dietrich Bonhoeffers berühmte Traupredigt, die er im Mai 1943 seinem Freund aus dem Gefängnis geschrieben hatte: „Nicht eure Liebe trägt die Ehe, sondern von nun an trägt die Ehe eure Liebe.“ Bei der anschließenden Feier saß ich zufällig neben zwei mir bis dahin unbekannten Gästen, die –   erst der Mann und dann die Frau – dem heftig widersprachen. Ich merkte bald, dass sie beide geschieden waren. Ihr Schmerz über die Trennung war noch frisch. Es ist bitter, wenn die Liebe verdunstet. Da trägt dann die Institution Ehe gar nichts mehr. Ich geriet in die kuriose Lage, dass parallel zu dem fröhlichen Festprogramm wir in eine leidenschaftliche Debatte über Ehe und Beziehungen gerieten, die erst um Mitternacht endete.

Bonhoeffer war dabei keine Hilfe. Man kann sich ja fragen, ob dieser Junggeselle überhaupt etwas von der Ehe verstanden hatte. Er vertritt in seiner Predigt jedenfalls ein schon in den vierziger Jahren reichlich fragwürdiges und dogmatisches Eheverständnis. Für ihn ist die Ehe ein Amt oder Stand: „Gott macht die Ehe unauflöslich.“ Und der gibt eine „Hausordnung“: „Es ist die Ehre der Frau, dem Manne zu dienen.“ Diese Sätze wurden zum Glück in der Predigt nicht zitiert.

Die Traupredigt ist eine schwierige Aufgabe. Sie gilt zuerst dem Hochzeitspaar, das man oft nur in einem einzigen Gespräch kennengelernt hat. Als Seelsorger bekommt man eine Ahnung, wie die beiden ihre Ehe verstehen.  Manche sind bibelfest und wünschen sich einen bestimmten Spruch, andere haben sich noch keine Gedanken  gemacht. Manche streiten sich in diesem Gespräch bereits, sodass man mit gewissen Zweifeln an die Vorbereitung geht. In jedem Fall will man ihnen ja gute Worte mitgeben und den Segen Gottes spenden. Man spricht aber darüber hinaus zur Festgemeinde. Da  sind die beiden Familien, aus denen die Hochzeiter kommen. Nicht immer sind sie positive Begleiter, manchesmal sogar ziemlich verstritten. Da gleitet man schnell in Mahnungen ab, die natürlich selten helfen. Und dann gibt es den Freundeskreis, darunter Skeptiker und Enttäuschte, Neider und Begeisterte, Traurige und Fröhliche, Gläubige und Ungläubige. Sie wollen hören, was „die Kirche“ zur Ehe zu sagen hat. Man kann eigentlich nur scheitern, wenn man dem allen gerecht werden will.

Die Ehe war lange Zeit „out“ – wer hip und modern sein wollte, lebte ohne Trauschein zusammen. Neue Familien-Modelle haben sich etabliert. Doch jetzt scheinen die Deutschen wieder heiratswilliger. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Eheschließungen. Werden die Menschen wieder romantischer? Offenbar sucht man bei aller Autonomie doch auch eine gewisse Sicherheit. Nach allen Umfragen bei Jugendlichen heißt es: Ehe und Familie sind  ein begehrtes Gut. Hat es vor allem wirtschaftliche Gründe, dass sich mehr Menschen das Ja-Wort geben? Man hat gesagt, die Ehe bietet eine „Paketlösung“. Ohne Ehe muss man nämlich in einer „freien“ Beziehung alle Verträge und finanziellen Regelungen mühsam aushandeln. Manche leben erst unbefangen zusammen, um dann doch zum Standesamt zu gehen. Manchmal mit dem Nachwuchs auf dem Arm. Wie hat sich der Blick auf die Ehe gewandelt? Die traditionelle Ehe als Versorgungsinstitut mit ihrer Arbeitsteilung ist ziemlich abgeschafft, kommt vor allem aber durch Migranten wieder zur Geltung. Rund ein Drittel der Ehepaare werden geschieden. Dennoch halten die meisten Ehen länger (!) als in früheren Zeiten, weil die Menschen viel älter  werden. Warum wollen also so viele Menschen an den Bund fürs Leben glauben? Weil vermutlich  eine gewisse Routine lebensdienlich ist. Jedenfalls leben Eheleute nach etlichen psychologischen Untersuchungen gesünder und glücklicher.

Meine oben erwähnten Gesprächspartner sind nicht zufällig wieder auf der Suche. So lustig ist das Single-Leben nämlich auf Dauer nicht. Internetportale erleichtern den neuen Anfang. Manche sind sogar auf religiöse Menschen spezialisiert wie zum Beispiel  https://www.christ-sucht-christ.de.

Und so werden meine KollegInnen nicht nur im Wonnemonat Mai reichlich Trauungen gestalten.

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