Kreuz

Ich lebe in einer katholisch geprägten Gegend Württembergs. Beim morgendlichen Waldlauf komme ich an mindestens drei Wegkreuzen vorbei. Insofern ist das christliche Kreuz ein kulturelles Denkmal dieser Landschaft. Bisher haben weder Protestanten, Muslime oder Atheisten sich daran gestört. Seit langem hängen Kreuze auch in Rathäusern, Schulen und gar Gasthäusern. Das finden manche befremdlich.

Nun hat der bayrische Ministerpräsident eine Debatte über das Kreuz ausgelöst, die auch in den Kirchen ihr durchaus vielstimmiges Echo findet. Denn für Christen ist das Kreuz nicht nur ein kulturelles Symbol. Die hiesigen Wegkreuze werden von frommen Frauen liebevoll geschmückt. Im Mai sind sie das Ziel von Marienprozessionen. Es wird vor ihnen gebetet. Wie wir es aber theologisch verstehen können, ist durchaus schon länger umstritten.

2005 führte ich zu diesem Thema in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Tagung durch, in der Frau Professor Friedel Kriechbaum einen befreiungstheologischen Vortrag hielt „Das Kreuz – Symbol ohnmächtigen Leidens und des Widerstandes gegen Unrecht“. Ich stimme dem zu,  was sie u.a. sagte:

„Wenn es so ist, dass Jesu Tod nur von seinem Leben her verstanden werden kann, dann möchte ich das Kreuz ergänzen, nicht ersetzen, durch das Symbol des Festes. Jesus hat in seinem Leben Festatmosphäre verbreitet. Das mit ihm aufbrechende herrschaftsfreie Zusammenleben hieß, aufatmen zu können. Wie oft sprechen die Gleichnisse von Gottes Reich in Bildern von Freude und Fest. Jesus wird erzählt im Bild des Bräutigams, der seine Gäste nicht gerade zum Fasten einlädt (Matth.9,15). Er war kein finsterer Bußprediger, festliche Fülle für alle blitzte in seiner Gegenwart auf. Könnte uns das Symbol des Festes davor bewahren, ein wenig freudvolles Christsein zu leben, verliebt ins Leiden angesichts der Ungerechtigkeiten in der Welt, ein Christsein, das sich von Hoffnungslosigkeit überschwemmen lässt? Statt dessen ein Christsein, das die befreienden Spuren, die lebensspendenden Erfahrungen aufmerksam wahrnimmt, schätzen lernt. Es könnte unserem Christsein etwas von der Verbissenheit nehmen, die uns oft charakterisiert.“

http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/641505-Kriechbaum.pdf

Als in der letzten Mitgliederversammlung der  „Offenen Kirche“ das Grundsatzdokument „Kirche hat Zukunft“ vorgestellt  wurde, gab es zum Abschnitt mit Kreuzestheologie den einzigen grundsätzlichen Widerspruch. Die Diskussion wird also weitergehen – und das ist gut so.

 

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