Was wir ändern müssen

„Postwachstumsökonomie und Schöpfungsspiritualität“

Studientag der Offenen Kirche am 5.5.2018 in Tübingen.

Seit 1972 hat der Club of Rome die „Grenzen des Wachstums“ der Weltöffentlichkeit bewusst zu machen versucht.  Ein grenzenloses Wachstum auf einem endlichen Planeten hat katastrophale Folgen. Viele  kirchliche Kreise, nicht zuletzt die OK, haben seitdem diesen Appell aufgenommen. An einem schönen Frühlingstag haben sich einmal mehr über sechzig Teilnehmende mit drei unbequemen Themenbereichen beschäftigt.

  1. Ändern muss sich das aktuelle Wachstumsparadigma der Wirtschaft und der Konsumgesellschaft. Professor Rudi Kurz (Pforzheim) sieht allerdings in seiner ökonomischen Zunft wenig Bereitschaft, gewohnte wissenschaftliche Muster zu verlassen. Wirtschaftswachstum wird global als vorrangiges strategisches Ziel gesehen, das dadurch begründet ist, dass es zugleich zur Lösung verschiedener gesellschaftlicher Probleme beiträgt. Negative Nebenwirkungen werden insgesamt als relativ gering eingeschätzt. Die Kosten-Nutzen-Bilanz fällt eindeutig positiv aus: Wirtschaftswachstum bedeute per saldo mehr Wohlstand. Positionen, die das Wachstumsparadigma generell in Frage stellen, die Kosten-Nutzen-Bilanz negativ sehen, haben bislang die herrschende Meinung wenig beeinflusst. Die Auseinandersetzung damit wäre eine wichtige Herausforderung zu kritischem Denken. Es ist aber auch die immer drängender werdende Suche nach sozialverträglichen Auswegen aus zunehmenden ökologischen Problemen. Wenn Wirtschaftswachstum in der Wahrnehmung relevanter Teile der Gesellschaft nicht mehr mit einer Zunahme des Wohlstands verbunden ist, dann ergibt sich die Chance für die Durchsetzung eines neuen Paradigmas, das bessere Erfolg versspricht. Allerdings gelingt es immer noch mächtigen Meinungsmachern, „Wachstum“ als Voraussetzung weiteren Wohlstands darzustellen. Da sich die Universitätsökonomen und die politischen Parteien systemkritischen Anfragen oft verweigern, empfahl der Referent die Mitgliedschaft beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND). Der hat jüngst zum „Deutschen Erdüberlastungstag“ u.a. einen Kommentar veröffentlicht: „Eine nachhaltige Entwicklung, die darauf zielt, unsere natürlichen Lebensgrundlagen hier und weltweit zu erhalten, ist mit einem ‚Weiter so‘ nicht vereinbar. Wir brauchen eine Abkehr von einer Politik, die vorrangig auf Wirtschaftswachstum setzt. Vielmehr gilt es dringend umzusteuern. Weniger Verbrauch lässt sich mit mehr Lebensqualität gut vereinbaren, wenn die Politik entsprechende Rahmenbedingungen schafft.“ www.bund.net.
  2. Ändern muss sich die Einstellung des Menschen: Es braucht eine andere Philosophie und eine tiefgreifende Veränderung einer bisher ganz auf den Menschen zentrierten Theologie. Dazu trug Bischöfin i.R. Bärbel Wartenberg-Potter Gedanken ihrer „Grünen Reformation“ vor. Sie laufen auf eine Art „Panentheismus“ hinaus, der Gott in allen Dingen wahrnimmt. Christliche Mystiker haben immer schon die Natur als weiteres Wort Gottes verstanden. Viele Choräle nehmen solche Gedanken auf wie z.B: EG 510 „Freuet euch der schönen Erde…“ Sie verwies auf die vielen naturbezogenen Bilder der Bibel, die nicht nur in den Schöpfungsberichten zu finden sind. In Hiob 12,7ff. werden gar Tiere als Lehrer des Menschen genannt. Jesu Selbstbezeichnung als „Wasser des Lebens“ und „Licht der Welt“ ist ein weiterer Hinweis auf die Schöpfung. Ermutigend findet die Referentin die häufige Erwähnung der kleinen Kraft in der Bibel: Die Chancen des Senfkorn sind zu nutzen. Denn noch steht der spirituelle Umgang mit der Natur im Streit mit der agnostischen oder gar materialistischen Naturwissenschaft. „Grüne Reformation heißt heute: Der Mensch wird aus Einsicht aus dem Mittelpunkt heraustreten und sich demütig in das Erd-umschlingende Band aller Geschöpfe einreihen. Er muss seine Mittelpunktstellung – den Anthropozentrismus -aufgeben, und demütig ein Geschöpf mit anderen werden und anerkennen, wie abhängig er ist. Er wird eine gute Haushalterin, ein guter Haushalter im Sinne des Schöpfers sein und das Netz des Lebens nicht zerstören, sondern erhalten. Ein paar grüne Gebete genügen nicht. Nur eine tiefgreifende Veränderung des theologischen Paradigmas – des Anthropozentrismus- , der Mittelpunktstellung des Menschen, mit dem wir heute die Welt interpretieren, wird uns herausführen.“ Vgl. http://www.baerbel-wartenberg-potter.de/resources/Gottes_gruenes_Kleid__Gott_im_21_Jahundert.pdf
  3. Wie solche Änderungen möglich sind und was wir als Einzelne und als Gruppen dazu tun können, auch in den Kirchengemeinden, dazu gab es Kleingruppengespräche. Mit Hilfe der früheren Umweltbeauftragten der Stadt Tübingen Dr. Sybille Hartmann, Sozialpfarrer Romeo Edel und anderen Fachleuten entwickelten sich angeregte Diskussionen, die nicht zuletzt durch jüngste Meldungen zum Insektensterben befeuert wurden. Wahrscheinlich ändert sich die Mehrheit erst, wenn sie den Klimawandel am eigenen Leib spürt. Dann ist es um so wichtiger, dass kleine engagierte Gruppen ihre Erfahrungen einbringen. Siehe auch http://www.umkehr-zum-leben.de.

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