Hans Küng zum 90.

Die „Stiftung Weltethos“ veranstaltete zum 90. Geburtstag Hans Küngs in der Universität Tübingen ein wissenschaftliches Symposium über sein Werk. Der Jubilar war den ganzen Tag anwesend, wenn auch im Rollstuhl, und hörte offenbar konzentriert zu. Das muss ihm seltsam vorgekommen sein, wenn die Redner ihn  immer wieder zitierten. Prof. Karl-Josef Kuschel moderierte die vier Vorträge und die abschließende Podiumsdiskussion.
Prof. Dr. Johanna Rahner eröffnete das Symposium mit dem Thema „Zwischen Neckar und Tiber. Kirche und Ökumene im Umbruch“. Ihr folgte Prof. Dr. Hermann Häring über Küngs Christus- und Gotteslehre. Beide sagten den Küng-Kennern nichts Neues. Darum war ich gespannt auf Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel, dessen pluralistische Theologie der Religionen ich seit langem anregend finde. Sein Buch „Gott ohne Grenzen“ habe ich vor Jahren zustimmend rezensiert. Er ging von Küngs Impulsen zur Theologie der Religionen aus, führte sie aber über die ethischen Fragen hinaus.

„Statt ihre Theologie weiter ausschließlich religionsspezifisch zu betreiben, werden Religionen in Zukunft verstärkt auf interreligiöse Theologie setzen“, sagt Schmidt-Leukel. Das führt er in seinem neuen Buch „Religious Pluralism and Interreligious Theology“ (Religiöser Pluralismus und interreligiöse Theologie) aus: „Religionen wie das Christentum, der Islam, der Hinduismus und der Buddhismus sind nach meiner Theorie einander viel ähnlicher, als bislang angenommen. Sie ähneln einander mit Blick auf ihre jeweilige interne Vielfalt…Die fremde Religion und der Andersgläubige sind weniger fremd als man zunächst glaubt. Das bietet eine Alternative zur verbreiteten Ansicht, Religionen seien nicht vergleichbar und unvereinbar.“ Was Religionen voneinander unterscheide, finde sich oft in anderer Form als Unterschied innerhalb der eigenen Religion wieder. „Das erlaubt die Ausweitung ökumenischer Theologie zur interreligiösen Theologie.“ Im interreligiösen theologischen Diskurs kämen Themen und Fragen auf, die aus der Theologie der eigenen Religion bekannt seien, aber zugleich ein neues Licht darauf würfen. Schmidt-Leukel: „Der Schlüssel zum Verständnis fremder Religionen liegt somit in der eigenen.“

Der Religionswissenschaftler hat seine „Fraktale Theorie der Religionsvielfalt“ in Anlehnung an die Fraktal-Theorie des Mathematikers Benoît Mandelbrot (1924-2010) entwickelt, nach der viele Objekte in der Natur wie Farnpflanzen, Bäume oder Blumenkohl, aber auch Eiskristalle, Felsformationen oder Küstenlinien aus verkleinerten Kopien ihrer selbst zusammengesetzt sind. „Das fraktale Verständnis religiöser Vielfalt“, so Schmidt-Leukel, „verlangt geradezu nach einer interreligiösen Theologie.“
Als „religiösen Pluralismus“ bezeichnet der Wissenschaftler eine Haltung, die andere Religionen als „zwar verschiedene, aber dennoch gleichermaßen gültige und vielfach komplementäre Heilswege“ betrachte. Letztlich gehe es dabei um eine Veränderung im Selbstverständnis aller Religionen. „Das ist auch politisch wichtig, insofern religiöse Ansprüche auf Alleingültigkeit oder Überlegenheit häufig dem interreligiösen Konfliktpotential zugrunde liegen.“
„Im Unterschied zur interkulturellen Philosophie nimmt interreligiöse Theologie den Bekenntnischarakter von Religionen ernst“, führt der Wissenschaftler aus. Hinter den Bekenntnissen zu Muhammad als „Propheten“, zu Jesus als „Sohn Gottes“ und zu Gautama als „Buddha“ zeigten sich grundlegende Gemeinsamkeiten in den Motiven: „Bei den Muslimen wird das Wort Gottes zum Text, wie im Fall des Koran, während es bei den Christen zur Person wird, wie im Fall Jesu. Aber beide Religionen kennen auch das andere Konzept und in beiden Fällen geht es darum, wie die Gegenwart Gottes im Akt der göttlichen Offenbarung zu verstehen ist“, so der zur anglikanischen Kirche übergetretene Theologe. Oft liege sogar hinter der Ablehnung anderer Glaubensvorstellungen mehr Gemeinsamkeit als man denke, etwa, wenn etwas abgelehnt wird, was der andere in dieser Form gar nicht vertritt. Als Beispiel nannte er die islamische Kritik am Begriff Sohn Gottes“. Was diese kritisieren, sei eine Karikatur, die auch Christen gar nicht glauben sollten. „Statt andere Religionen als Gefahr zu sehen, können sie den eigenen Glauben bereichern.“ Daher ziehe eine interreligiöse Theologie nicht nur Heilige Schriften der eigenen Religion heran, sondern auch die der anderen. „Das bietet große Chancen im Umgang mit der wachsenden religiösen Pluralität in unserer Gesellschaft.“ Wenn man Küngs Unterscheidung von prophetischen, mystischen und weisheitlichen Religionsfamilien folge, stelle man fest, dass jede Religion in sich auch die anderen Aspekte kenne.

Herkömmliche Theologien aller Religionen werden sich nach Einschätzung des Wissenschaftlers über kurz oder lang in Richtung der Interreligiösen Theologie entwickeln. „Der interreligiösen Theologie geht es darum, die Gründe und Motive religiöser Bekenntnisse zu verstehen und gegebenenfalls zu teilen.“ Sie könne Gläubigen helfen, Vorurteile zu überwinden und Wertschätzung für andere Religionen zu entwickeln. „Vor diesem Hintergrund ist der Dialog der Religionen, der gesellschaftlich auf vielen Ebenen angestrebt wird und oft diplomatisch bleibt, als theologische Aktivität im strengen Sinne zu verstehen“. Es gehe dabei nicht nur um friedliche Koexistenz, sondern darum, sich über Religionsgrenzen hinweg „mit jenen großen Fragen auseinanderzusetzen, die die Menschheit seit jeher in allen Kulturen und Religionen bewegt haben.“ Allerdings dürfe interreligiöse Theologie nicht als Theologie einer weltweiten „Einheitsreligion“ missverstanden werden.

Leider war für eine Diskussion wenig Zeit. Denn es folgte noch aus der jüngeren Generation Prof. Dr. Claus Dierksmeier, der das „Weltethos-Institut“ an der Universität Tübingen leitet. Der Wirtschaftsethiker  fragte, wie man Atheisten und Agnostiker vom  Weltethos überzeugen könne. Seine Auseinandersetzung mit Richard Dawkins „Gotteswahn“ schien mir recht abstrakt zu sein. Für mich aufschlussreich war sein Hinweis auf den mir bisher unbekannten Scholastiker Francisco de Vitoria. Er trug mit seiner Konzeption des Rechts der Völker zur Entwicklung des Völkerrechts bei. Offenbar lange vor der amerikanischen und französischen Revolution begründete dieser Theologe die Menschenrechte, weil er auch den gerade entdeckten Indios in Südamerika die Gotteskindschaft zusprach und entsprechend Respekt einforderte.

Der Jahresbericht 2017 der Stiftung Weltethos zeigt einrucksvoll, welche erstaunlichen Aktivitäten die Theologie Hans Küngs ausgelöst hat. (www.weltethos.org). Einmal mehr durfte er den  großen Beifall der Anwesenden genießen.

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