Verändernde Nachfolge

In Stuttgart berichteten Teilnehmende der „Weltmissionskonferenz“, die leider in unsere Medien wenig Echo gefunden hat. Der Generalsekretär der „Evangelischen Mission in Solidarität“ (EMS) Jürgen Reichel führte aus:

„Kirchen aus allen Kontinenten hat der Weltrat der Kirchen (ÖRK) vom 8. – 13. März nach Arusha (Tansania) zur dreizehnten „Weltkonferenz für Weltmission und Evangelisation“ eingeladen. Erst zum zweiten Mal, nach Achimoto (Ghana) 1958, tagte sie auf afrikanischem Boden. Vorbereitet worden ist sie von der „Kommission für Weltmission und Evangelisation“ (CWME) worden, in der auch Nichtmitglieder des ÖRK wie die Römisch-Katholische Kirche und unabhängige afrikanische Kirchen mitwirken. Über tausend Teilnehmende sind gekommen und debattierten darüber, wie Christinnen und Christen die „Berufung zur verändernden Nachfolge“ in der heutigen Zeit wahrnehmen. „Vom Geist bewegt – zur verändernden Nachfolge berufen“ – der Titel der Weltmissionskonferenz verrät einen Anspruch: Nachfolge Christi ist keine innerliche Angelegenheit. Sie verändert die umgebende Welt. Kenneth Mtata, der Generalsekretär des Kirchenrates von Zimbabwe, erläutert es anhand des Alten Testaments: Die Bibel unterscheidet zwischen „gerechtem Sein vor Gott“ (zedakah) und „gerechtem Tun zwischen den Menschen“ (mishpat). Beides gehöre zur Nachfolge. „Unsere Kirchengemeinde betont aber vor allem, dass wir unser Verhältnis zu Gott in Ordnung bringen sollen“, sagt eine junge Kenianerin sehr nachdenklich im Tischgespräch. „Dass wir als Christen auch dafür Verantwortung tragen, dass den Armen Gerechtigkeit widerfährt, ist hingegen kein Thema. Unsere Kirche tut wenig für andere. Sie versteht unter Mission, andere Menschen zum Glauben zu bringen, nicht aber, für Gerechtigkeit zu sorgen.“ Noch immer sind Kirchen mit sich selbst beschäftigt, statt die Gute Nachricht erfahrbar zu machen – das ist der Tenor vieler Äußerungen. „Unsere Mission ist es definitiv nicht, uns und unsere Institutionen zu schützen“, bekräftigt Olaf Fykse Tveit, der Generalsekretär des Weltkirchenrates, „vielmehr zielt Gottes Mission auf die anderen, nicht auf uns selbst.“

In vielerlei Hinsicht setzt die junge südafrikanische Theologin Mutale Mulenga Kaunda in ihrem Hauptvortrag Akzente: Indem sie als junge Theologin aus einer Pfingstkirche den Hauptvortrag hält, zeigt der Weltkirchenrat an, dass er die Weltmissionskonferenz als eine afrikanische Konferenz verstanden wissen will, die Frauen und junge Menschen ins Zentrum rückt. Und so eröffnet Kaunda, indem dem sie die Versammlung als eine ökumenische Versammlung charakterisiert – in der pfingstlerische, evangelikale und charismatische Gruppen ebenso vertreten sind wie Delegierte aus den historischen orthodoxen, römisch-katholischen und protestantischen Kirchen. Sie legt Wert darauf, dass junge „Führungskräfte“ (leaders) zu Wort kommen sollten und beansprucht, dass der afrikanische Kontext den ökumenischen Diskurs prägen würde. Dieser wiederum mache eine feministische Herangehensweise zwingend, denn „auch in Kirchenkreisen besteht eine männliche Prärogative: Männer besetzen viele strategische Positionen. Und Männer als Führungskräfte in Politik und Religion wiederum sind vor allem an ihrer eigenen Karriere interessiert.“

Auch methodisch stimmt Dr. Kaunda die Konferenz auf die folgenden Tage ein, indem sie das Erzählen von Geschichten (storytelling) als Kernelement der Missionstheologie einsetzt: Als sie ihre an Aids erkrankte Mutter mit 17 Jahren zu Grabe trägt, wird sie zum Familienoberhaupt ihrer jüngeren Schwestern und muss mit 100 USD im Monat Unterhalt und Ausbildung für sie bestreiten. „Als doppelt verwaistes Mädchen nahm ich am Kirchenleben teil, versuchte ich täglich, das bloße Überleben meiner Schwestern und von mir zu sichern. Immer wieder konnte ich nur unter Tränen zu meiner Mutter rufen, die nicht mehr antworten konnte, und mich Gott anvertrauen.“ Mit ihrem eigenen Schicksal illustriert sie, was sie beim südafrikanischen Theologen David Bosch als „transformative Mission“ beschrieben findet, die von den Rändern (margins) her die Kirche Christi glaubwürdig macht.

Mutale Mulenga Kaunda gibt der Weltmissionskonferenz Fragen mit, die im Weiteren Gottesdienste und Andachten, Bibelarbeiten und Plenarveranstaltungen beschäftigen:

  1. Wie kann verändernde Nachfolge (transformative discipleship) die Kirche dazu bringen, radikale soziale, politische und wirtschaftliche Änderungen in den afrikanischen Gesellschaften anzustrengen?
  2. Wie kann verändernde Nachfolge männliche Dominanz in Kirche und Gesellschaft abbauen?
  3. Was kann verändernde Nachfolge gegen den ausufernden Materialismus tun, der den gleichen Zugang aller zu den öffentlichen Gütern verhindert?
  4. Und wie kann sie das Verlangen der jungen Generation nach Teilhabe am „Leben in Fülle“ (Joh. 10:10) einlösen?

Eingeordnet werden die Fragen von Dr. Kaunda vom Vorsitzenden der Kommission für Weltmission und Evangelisation, dem Metropoliten Mor Geevarghese Coorilos vom Syrisch-Orthodoxen Patriarch von Antiochia. Er greift in seiner Eröffnungsrede als einer der Wenigen die Missionserklärung von Busan „Gemeinsam für das Leben. Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten“ auf und knüpft dabei ebenso an David Bosch an, der Mission als „Wendung zu Gott“ und durch diesen angestoßen als „Wendung zur Welt“ charakterisierte. Koorilos möchte aber „in dieser biblischen Ausrichtung einen Schritt weitergehen und unterstreichen, dass Mission bedeutet, die Welt auf den Kopf zu stellen“ (to turn the contemporary world upside down; vgl. Apg. 17,8-9). Mit einem kühnen Federstrich ordnet er Jesu Auftreten und das Bekenntnis seiner Jünger in die Imperiumskritik des Buchs der Offenbarung ein: „Jüngerschaft bedeutet für die ersten Nachfolger Jesu, die herrschenden Mächte (hegemonic empires) mit der Herrschaft Christi zu konfrontieren.“ Johannes habe den Weg gewiesen, dem Joch Roms zu widerstehen.

Heutzutage gebe es „neue Inkarnationen Caesars, neue Avatare des Herodes, neue Kaiser“. Der Hure in Apk. 18, die den enormen Reichtum Roms, seinen Luxus und Pomp vorführe, entspreche heute die von Gier gesteuerten Wirtschaftsweise, die die Herrschaft von Gerechtigkeit und Gleichheit durch diverse imperialistische und faschistische Regime ersetzt habe. Die ökumenische Bewegung als Missionsbewegung solle „den Imperien der heutigen Zeit Widerstand leisten“.

Die „Mission von den Rändern“ erklärt Koorilos dementsprechend als „Umkehr der bisherigen Missionsmuster.“ Mission von Rändern bedeute, dass Mission keine Einbahnstraße mehr sei, auf der die Reichen und Mächtigen, die Elite und der Globale Norden die alleinigen Betreiber der Mission seien, die Armen und der Globale Süden hingegen nur Empfänger von „Mission“. So wie die an den Rand Gedrängten im Römischen Reich den christlichen Widerstand gegen Rom angeführt hätten, indem sie Christi Herrschaft verkündigten, sei es jetzt Aufgabe der Mission, nicht alleine Menschen von den Rändern zum Zentrum zu bringen, sondern die Systeme und Völker, die heute das Zentrum bildeten, herauszufordern (to challenge) – mit allen Folgen für die Kirchen, ihre Missionen und die ökumenischen Einrichtungen.

Prägend wird in vielen Voten die „Mission von den Rändern“ (mission from the margins). Die Weltmissionskonferenz ruft dabei nicht einfach zu mehr Aktion für andere auf. Sie lädt vielmehr dazu ein, sich von den Rändern verändern zu lassen. Es ist in Arusha zwar oft nicht so einfach, nachzuvollziehen, wer zu den Rändern gehört, die auf die im Zentrum verwandelnd einwirken. Chinesische Christen etwa wehren sich heftig, dass ihr Land in Bausch und Bogen zu den marginalisierten Weltgegenden gezählt werden soll. Auch junge afrikanische Frauen widersprechen: Sie wollen nicht als Opfer beschrieben werden.

Soviel aber ist klar: Veränderungen erwartet der Weltkirchenrat von denen, die sich nicht damit abgeben, marginalisiert zu werden: Frauen, denen in vielen Kirchen weniger Rechte eingeräumt werden. Indigene, die wenig Respekt erfahren und an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Menschen, die unter miserablen Arbeitsbedingungen Produkte für Konsumenten in reichen Ländern herstellen. Ihnen traut die Missionsfamilie zu, ungerechte Strukturen aufzubrechen und nicht mehr zuzulassen, dass andere über sie bestimmen.

Eine junge Katholikin von den Fidschi-Inseln fasst in eigene Worte, wie sie ihre Rolle als eine junge Frau „an den Rändern“ versteht: „Als ganz gewöhnliche Frau aus Ozeanien ohne Titel und besondere Befugnisse stehe ich hier und sage: Mein Name ist Adi Mariana Waqa. Ich bin in den Augen Gottes wertgeachtet. Ich habe eine Stimme. Ich bin frei, weil ich im Geist wandle. Ich und meine Leute sind nicht mehr einfach Empfänger der Guten Nachricht. Durch Gottes Kraft sind wir selbst Botschafter des Evangeliums geworden.“

Die Weltmissionskonferenz feiert wunderbare Gottesdienste und Andachten, präsentiert originelle Bibelarbeiten, lässt sich von persönlichen Erfahrungen hinreißen, räumt Frauen weiten Raum ein und führt tausend Menschen in ungezählten Einzelbegegnungen und Gruppengesprächen aufeinander zu. Jeder Gottesdienst und jede Andacht ist ein Erlebnis. In einer oft mitreißenden Art und Weise und einem feinen Gespür für Liturgie ergänzen sich Musik, dramatische Choreographien und Tanz, biblische Texte und Verkündigung, Gebete und Litaneien. Kleine Gesten der Zuwendung und des Miteinanders ermöglichen es den eintausend Feiernden, die Nächsten wahrzunehmen und auf sie zuzugehen. Die musikalische Sprache ist durch Ethno-Pop geprägt. Die englisch abgedruckten Texte werden in strenger Reihenfolge englisch – spanisch – französisch gesprochen,  vereinzelt fließen afrikanische Sprachen ein. Einzelne Öffnungsversuche für pfingstlerische Elemente oder liturgische Handlungen der afrikanischen Inland-Churches nimmt die feiernde Gemeinschaft nicht oder nur zurückhaltend auf.  Die vielen Orthodoxen feiern mit, zelebrieren aber täglich die Göttliche Liturgie und Tagzeitgebete an einem abgelegenen Ort.

Lebendig sind die Tischgruppen an den etwa 100 Tischen, die unter anderem die Impulsreferate zu den Bibelarbeiten aufnehmen. Fast immer bilden sich engagierte Diskussionen. Vorher eingesetzte ModeratorInnen sorgen dafür, dass alle zu Wort kommen. In den Pausen und bei den Mahlzeiten bilden sich immer neue Gesprächsgruppen. Es kommt zu unerwarteten und überraschenden Begegnungen.

Die Programmatik der Weltmissionskonferenz hat vor allem die Marginalisierten als die eigentlichen Akteure von Gottes Mission in den Mittelpunkt gestellt. Das ist der Konferenz überzeugend gelungen. Gruppen, die gesellschaftlich und leider oft auch in den Kirchen wenig zu sagen haben, haben der Konferenz ein frisches Bild von der Mission Gottes gezeigt und einer von innen erneuerten Kirche Gesicht verliehen, in der Frauen und junge Menschen, Benachteiligte und Machtlose, ethnische und religiöse Minderheiten den Weg der Nachfolge beschreiten.

Allerdings geht die Konferenz in den Podien kaum auf viele der drängenden Fragen der Mission ein: Wie stehen Christen und andere Religionen zueinander? Wie begegnen Christen wachsendem Nationalismus? Wie gehen sie mit Fundamentalismus um, der zur Gewalt greift? Welche Strategien entwickeln sie, um der zunehmend eingeschränkten Bewegungsfreiheit für Zivilgesellschaft und Kirchen in vielen Ländern zu begegnen? Wie verändern wir unser Selbstbild angesichts der Wanderungsbewegungen in allen Teilen der Welt, die die Kirchen nachhaltig verändern? Wie gewinnt die Kirche Christi im digitalen Raum Gestalt?

Der Zugang über die radikale Kritik am „herrschenden System“ verstellt oft den Blick auf die nationalen und regionalen Phänomene.  Außer den USA werde alle Regierungen geschont. Konkrete Menschenrechtsverletzungen – auch die des Rechts auf Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit oder freie Meinungsäußerung sind kaum einer Erwähnung wert. Es ist nicht auszumachen, ob Diktaturen und Demokratien, repressive und freiheitliche Systeme unter dem gleichen allgemeinen System-Verdikt stehen. Die Auseinandersetzung mit den politischen Ansprüchen des fundamentalistischen Islam, Hinduismus oder Buddhismus ist – anders als die Abwehr christlich-fundamentalistischer Ansprüche – kein Thema.

Die Abschlusserklärung, der „Arusha Aufruf zur Nachfolge“ (The Arusha Call to Discipleship) nimmt inhaltlich und theologisch zwar wenig Neues aus der Konferenz auf. Er beschwört eine abgefallene Welt des Todes herauf, in der es die verändernde Nachfolge Christ ausrichten soll. „Trotz einiger aufglimmenden Hoffnung mussten wir erkennen, dass die auf den Tod ausgerichteten Kräfte die Weltordnung erschüttern und Vielen Leiden auferlegen… Der Weg der Nachfolge führt uns dazu zu teilen und Gottes Liebe zu leben, indem wir Gerechtigkeit und Frieden suchen, die anders als die der Welt sind (Joh 14:27).“

Vergleiche auch https://www.emw-d.de/weltmissionskonferenz2018/index.html

 

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