Kirche hat Zukunft

Am Anfang meines kirchlichen Dienstes in Württemberg arbeitete ich mit dem schönen Titel „Landesjugendvikar“ in einer speziellen Einrichtung (ahs) mit kritischen Schülern. Weil diese vielen konservativen Pietisten zu progressiv waren, wurde bei passender Gelegenheit die ganze Einrichtung von der Landessynode gestrichen. Seitdem weiß ich, wie wichtig Kirchenpolitik ist und trat in den Verein „Offene Kirche“ (OK) ein, der seit den siebziger Jahren sich bemüht, die Volkskirche gegen scheinfromme Verengungen zu verteidigen.Die OK engagiert sich seitdem vor allem für den konziliaren Prozess zur Bewahrung der Schöpfung, für weltweite Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt verschiedene örtliche Gruppen, aber am wichtigsten ist wohl nach wie vor der Gesprächskreis in der Synode, die eben vor allem über die Verteilung des Geldes (Haushaltsplan) und manche Stellen (Sonderpfarrämter) entscheidet.

Seit langem habe ich mal wieder an einer Mitgliederversammlung teilgenommen, die am 14. April in Stuttgart stattfand. Es ging um ein Positionspapier, zu dem man als Kommentator den früheren Landesbischof von Baden Dr. Ulrich Fischer eingeladen hatte. (Baden-Württemberg leistet sich als einziges Bundesland aus historischen Gründen zwei evangelische „Landeskirchen“.)

Vgl. https://www.offene-kirche.de/startseite.html.

In dem Papier mit dem ermutigenden Titel „Kirche hat Zukunft“ will man eine theologische Gesundlegung versuchen, die manche vermissen. Dabei zeigt sich ein grundsätzliches Problem: Je verbindlicher gewisse theologische Positionen festgeschrieben werden, desto mehr schließt es Andersdenkende aus. Man will aber gerade die ganze Breite einer Volkskirche vom engagierten Kirchgänger bis zum distanzierten Kirchensteuerzahler bewahren.

Dr. Fischer bestätigte viele konkrete Schritte für eine grundlegende Theologie. „Dass eine bestimmte Theologie bestimmte Konsequenzen hat, findet meine ausdrückliche Zustimmung. Das ist logisch für die Kirche der Zukunft.“ Der Ruf in die Freiheit sei sehr gut beschrieben. Diese Befreiungsgeschichte habe schon Vorläufer im Alten Testament . Ein zentraler Satz sei: Die geschenkte innere Freiheit hat Folgen für die äußere Freiheit. „Es darf überhaupt keine Frage sein, dass Kirche politisch ist in scheinbar inneren Angelegenheiten der Welt. Freiheit ohne Verantwortung führt zu Beliebigkeit.“ Die Verantwortung sollte stärker betont werden. Besonders gefallen habe ihm, dass Ernst Langes Interpretation der Zehn Gebote als Gottes zehn große Freiheiten zitiert wurden. „Du sollst nicht ehebrechen bedeutet den Schutz der Ehe. Du sollst nicht töten den Schutz der Menschen. Du sollst nicht stehlen den Schutz des Eigentums.“

„Wir haben die einzige Religion der Welt, die davon redet, dass Gott Mensch wird und leidet.  Für Muslime und Juden ein unerträglicher Gedanke!“ (Theologie des Kreuzes) und:  „Ich will Sie sehr kräftig unterstützen, von Volkskirche zu sprechen. Wir dürfen die nicht kaputtreden.. . Ich habe nie Verständnis für Berührungsängste mit der Welt gehabt. Ich muss nicht alles mitmachen, aber alles wahrnehmen mit allen Konflikten.“ Das Missionsverständnis sei Grundthema des Konziliaren Prozesses.

Auch einer, der nur Kirchensteuer zahlt, sich aber sonst überhaupt nicht beteiligt, sei Mitglied der Kirche. „Es gibt Reiche, die zahlen für die Institution, wollen sich aber nicht engagieren. Auch die habe ich schätzen gelernt. Der Glaube ist personenbezogen. Anlässe bestimmen nicht die Kirche, sondern die Menschen. „Es müssen neue Kasualien entwickelt werden. Nach dem Amoklauf in Winnenden z.B. hat die Kirche ihre Stärke gezeigt.“ Er plädiert aber auch für viele kleine Anlässe, wie Eintritt in den Ruhestand; Gottesdienste bei Verpartnerung von Menschen, die nicht heiraten wollen – dafür Segnung für Beziehungen wie Gottesdienst mit Segnung für alle Verliebten, ohne zu kontrollieren, ob verheiratet, Mann und Frau oder Mann und Mann.

Glaube wird sehr privat gelebt. Die Biografie bezogene Praxis ist nicht gegen Gemeinde auszuspielen. „Wir werden Ortsgemeinden brauchen. Sie werden größere Räume umfassen. Die Gemeindegrößen haben Konsequenzen, z.B. Zusammenschlüsse.“ Eine Kantorei sei auch eine Gemeinde, in die man jede Woche geht. Oder Kirche im Krankenhaus oder Seniorenheim darf man nicht ausspielen gegen Ortsgemeinde!

Dr.Fischer abschließend: „Ich finde es toll, dass Sie als Gruppe in der Kirche sich dem Vorwurf der Beliebigkeit entgegenstellen. Man kann nicht nur gegen etwas sein, sondern muss es auch begründen.“

Eine gewisse Kontroverse entstand bei der Frage, welche Bedeutung die „Kreuzestheologie“ haben solle. Manche möchten sich da ganz verabschieden und bevorzugen eine „Reich-Gottes-Theologie“, die sich nicht an den Schriften der Apostel, sondern an der Verkündigung Jesu  in den Evangelien orientieren. Die OK will aber nicht die Bekenntnisse der Kirche abschaffen, die ja auch für die ökumenischen Beziehungen wichtig sind.

Das Redaktionsteam hat also noch einiges zu tun, wenn es alle Gesichtspunkte berücksichtigen will. Letztlich kommt es ja immer darauf an, was Menschen konkret mit solchen Texten anfangen. Die innere und äußere Vielfalt der Evangelischen Kirche wird jedenfalls zunehmen.

Mir gegenüber sitzt eine jüngere Frau mit einem nichtkirchlichen Beruf. Sie versteht die ganze Diskussion nicht recht. Sie hat sich jüngst ein Buch über „1968“ gekauft. Wir verabreden uns zu  einem weiteren Treffen, denn die „Offene Kirche“ ist auch ein spätes Kind der kirchlichen Studentenbewegung.

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