Chancen einer Minorität

Zur Predigt über 1. Petrus 5,1-5:

 

Güte in den Psalmen

Der Sonntag Miserikordias Dominihat seinen schönen Namen nach Psalm 33, der leider nicht im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist. Der weltweite Horizont dieses Psalms ist jedoch besonders wichtig, da sich viele Christen in Deutschland vor der Globalisierung ängstigen. Dagegen setze ich: „Des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, ist zuverlässig und fest. Er liebt Gerechtigkeit und Recht, von seiner Güte voll ist die Erde.“ V.4f.

In diesem Zusammenhang mag man  erinnern, dass das Bild vom „guten Hirten“ (Psalm 23) nicht zuletzt gegen die Gewaltherrscher und Könige gerichtet ist, die sich selber als „Hirten“ feiern lassen. Wenn Jesus nach Joh.10,11 sagt „Ich bin der gute Hirte“ schwingt diese Polemik mit. Seine Macht liegt auf  einer anderen Ebene, fordert aber  die politische Macht heraus.

Erster Petrusbrief

Im 1. Petrusbrief spiegeln sich Gedanken und Vorstellungen, die im urchristlichen Durchschnittschristentum Ende des 1. Jahrhunderts üblich waren. Bereits geprägte Überlieferungen, Lieder und Bekenntnisse sind eingearbeitet. Heutige Bibelforschung geht nicht mehr von der Verfasserschaft des Jüngers Petrus aus. Ein unbekannter Autor hat vermutlich nach dem Brauch der Zeit die Autorität des Apostels für sein Schreiben an Gemeinden in Kleinasien genutzt. Hier allerdings reiht „Petrus“ sich unter die „Ältesten“ ein. Er ist insofern Zeuge der Leiden Christi als er solche ebenso wie seine Adressaten in seiner Gegenwart erduldet. Konkrete Christenverfolgungen werden allerdings nicht  genannt, sondern eher verbale Gewalt wie Schmähungen und Verleumdungen. Der Hass der Umwelt kann – wie manche auch heute bitter erfahren – schon schlimm genug ein. Möglicherweise ist der Schluss (4,12-5,14) später angefügt worden. Die Lage hat sich nun verschärft. „Der Teufel, euer Widersacher, geht umher  wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.“5,8  Dennoch sollen die Christen nüchtern bleiben und nicht aufhören Gutes zu tun.

Der Verfasser hat konträr zu heutigen Predigern keine Scheu vor kräftigen Ermahnungen, die er oft dem Alten Testament entnimmt.  Im griechischen Urtext gibt es bekanntlich keine Ausrufungszeichen. In deutschen Ausgaben könnte man für diese wenigen fünf Kapitel glatt 56 setzen. Darunter sind solche Imperative für Frauen und Sklaven, die man unkommentiert kaum noch zumuten kann und andere wie 3,8ff., die man auch in der heutigen Predigt ins Bewusstsein heben möchte: „Segnet! Denn dazu seid ihr berufen!“  Es ist kein Zufall, dass 1. Petr.2,17 zum Motto der 5. These der Barmer Erklärung geworden ist, in der es von der Kirche im Verhältnis zum Staat heißt: „Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.“

 Die Perikope

Kap.5,1 beginnt mit einer klaren Mahnung, die bezeichnenderweise in modernen Übersetzungen etwas „weichgespült“ wird: „Ein Wort habe ich noch für die, die in der Gemeinde eine leitende Aufgabe haben.“ ZINK z.St.  Noch lahmer: „Die Ältesten unter euch möchte ich nun um etwas bitten.“ BigSz.St.  Ist der heutige Mensch so perfekt geworden, dass er Mahnungen nicht mehr nötig hat? Oder steht dahinter die psychologische Erfahrung, dass Mahnungen nicht verfangen? Nun aber betont „Petrus“ , dass Gemeindeleiter durch das Vorbild überzeugen sollten. Ich denke, es ist gut, dass der erhobene Zeigefinger aus Predigt und Unterricht verschwunden ist. Andererseits folgt aus dem Zuspruch des Evangeliums nun mal ein Anspruch an die Lebensweise.

„Die Ältesten“ (griechisch: „presbyteroi“) sind Leiter der Gemeinde. Sie bekommen ihre  Stellung aufgrund ihres Ansehens, Erfahrung und Lebensalters. Es ist ein  Ehrenamt mit stark repräsentativen Zügen. Dass „Petrus“ sich als „Mitältester“ bezeichnet, ist wohl ein Hinweis, dass es noch keine streng ausgeprägte Hierarchie gibt.

Wer Zeuge der Leiden Christi ist, nimmt auch teil an seiner Herrlichkeit. Im griechischen Begriff „Doxa“ schwingt neben der Bedeutung „Ehre“ auch die des alttestamentlichen „kavod“ mit . Es meint das wahrnehmbare Wirken Gottes in Klarheit und Kraft. In Christus, der äußerlich keinen Glanz und keine Macht entfaltete, erkennen Glaubende Zuneigung und Gegenwart Gottes. So wird „doxa“ im Neuen Testament zu einem Hauptwort mit einer besonderen Bedeutung. Diese geben andere Sprachen besser  wieder wie lat. „gloria“ und davon abgeleitet engl „glory“ oder frz. „gloire“.

„Weidet die Herde Gottes….“v.2 ZINK vermeidet den Ausdruck „Herde“, der heute  oft nur ironisch gebraucht wird: „Setzt euch für die Gemeinde Gottes ein. Sorgt für ihr Gedeihen, nicht weil es eure saure Pflicht ist, sondern mit freiem Willen und mit Liebe, nicht aus Gewinnsucht, sondern weil ihr euch Gott zur Verfügung stellen wollt.“

Es klingt ganz modern beim zurückrevidierten LUTHER: „Nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde.“v3. Sehr umständlich dagegen BigS: „Ihr sollt nicht Aufsicht führen wie die, die über ihr Eigentum gebieten, sondern ihr sollt eure Aufgabe so ausführen, dass ihr Vorbilder werdet für die Herde.“

V4: Der „Erz- oder Oberhirte“ ist Christus bei seiner Wiederkunft. Er gibt den Getreuen den „Ehrenkranz“ oder die „unverwelkliche Krone“. Ist das heute noch eine lebendige Hoffnung? Wie kann man sie schützen gegen den Vorwurf der billigen Vertröstung?

V5: Da die „Presbyter“ oft wirklich die Senioren sind, kommt noch eine zweite Mahnung. In der Antike riss nämlich die Schichtung zwischen Jungen und Alten scharfe Unterschiede  auf wie etwa zwischen Frauen und Männern oder Freien und Sklaven. ZINK opfert die Begriffe Demut und Hochmut und bringt statt Übersetzung gleich einen Kommentar: „Ähnliches gilt von den Jüngeren: Unterstellt euch dem Willen der Älteren. Ihr tut damit nur, was ohnedies alle tun sollen: Lasst euch voneinander etwas sagen. Denn Gott widersteht denen, die ihr eigenes Licht von oben herableuchten lassen, er ist aber denen, die unten sind, freundlich.“ BROX sieht als Tendenz des 1.Petr.: „Er will nicht die hierarchische Ordnung in Gesellschaft, Familie und Kirche als solche bestärken, sondern das christliche Leben als friedliches Miteinander lehren.“

Das Wort über Hochmut und Demut nach der Septuaginta Sprüche 3,34 hat  in der christlichen Ethik und Spiritualität, vor allem im Mönchtum,  gewissermaßen Karriere gemacht. In der Philosophie wird, nicht nur  bei Nietzsche,  ihre Ambivalenz betont. In der hellenistischen Umwelt wurde Demut als Knechtsgesinnung abqualifiziert, die des Freien unwürdig ist. Dagegen ist sie für die jüdischen und erst recht für christliche Menschen die elementare Anerkennung ihrer wirklichen Situation vor Gott und den Mitgeschöpfen. „Demut bedeutet, sich von Gottes Barmherzigkeit abhängig zu wissen.“ GOPPELT. Es ist hier ein Gegenentwurf zur Arroganz der Macht in Gemeindeleitungen. Davon wird abgeleitet eine bleibende Forderung für Kirche und Gesellschaft.

 Kirche als Kontrastgesellschaft

Ich möchte am Sonntag der „Barmherzigkeit Gottes“ das Bild der „Herde“ auffrischen, damit es die Kirche als Kontrastgesellschaft bezeichnet zur „Welt, in der ein Mensch des andern Wolf ist“. Die lateinische Sentenz „homo homini lupus“ stammt aus einer Komödie des Dichters Plautus (254-184 vor Christus). Die Übersetzung aus dem Original lautet: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch. Das gilt zum mindesten solange, als man sich nicht kennt.“ Den Nachsatz möchte ich als Auftrag an die Kirche verstehen. Sie muss Gelegenheiten schaffen, dass Menschen sich begegnen. Das gilt im Nahbereich, der sich durch die Migranten enorm vergrößert hat. Es gilt aber auch für die weltweite Ökumene, die selten Frieden und Wohlstand kennt, sondern eher Nachstellungen und Diskriminierungen. Es ist noch immer traurige Realität: „Die gleichen Leiden erleben eure Geschwister überall in der Welt…Dem widersteht!“v.9  Dem Bösen ist zu widerstehen! Kann man das unseren Wohlstandschristen noch vermitteln?

 Kleinasien heute

Ein Blick auf das Land heute, in dem die Empfänger des 1. Petrusbriefes lebten,  lässt keinerlei Hochmut aufkommen. Christof Sauer hat im Christlichen Medienmagazin „pro“ den Bericht veröffentlicht „So raubt die Türkei Christen ihr Eigentum“:  „Mindestens 100 historische Güter der aramäischen Kirchen in der Südosttürkei hat die türkische Regierung innerhalb der vergangenen fünf Jahre konfisziert. Diese Enteignungen reihen sich in ein breites Repertoire an Unterdrückungsmaßnahmen gegen christliche Minderheiten ein…In Diyarbakir beschlagnahmte der Staat alle sechs christlichen Kirchen, darunter die größte armenische Kathedrale im Mittleren Osten. Verwaltungsvorschriften, unzureichende Rechtsbestimmungen und uneinheitliche Umsetzung an der Basis verhindern Religionsfreiheit. Christen in der Türkei sind nicht als einzige mit derartigen Problemen als Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land konfrontiert. Ähnliche Situationen bestimmen das Leben der Christen im Sudan, im Iran, in Ägypten und in weiten Teilen Nordafrikas und der arabischen Halbinsel. Die systematische Zerstörung von Kirchen durch den IS im Irak und in Syrien hatte zum Ziel, selbst die Spuren der vertriebenen religiösen Minderheiten auszulöschen.“

 Fürsorge für das gemeinsame Haus

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff, der für seinen Kampf für ein menschenwürdiges Leben der Armen 2001 den Alternativen Nobelpreis erhielt, schreibt in seiner Auslegung des Psalms 23: „Eine Gesellschaft, deren Achse die Fürsorge bildet – Fürsorge für das gemeinsame Haus, die Erde, für die Ökosysteme, die die Grundlagen der Biosphäre und unseres Lebens sichern…- eine solche Gesellschaft der Fürsorge wird sich des Friedens und der Harmonie erfreuen, die für das Zusammenleben der Menschen nötig sind. … Unser persönliches Leben gewinnt an Unbeschwertheit und bewahrt auch mitten in Gefahren und Bedrohungen eine heitere Stimmung, wenn wir spüren, dass wir niemals allein sind. Gott geht mit uns in unserem eigenen Gehen. Er zeigt sich als der Hirte, der sich um uns sorgt, und als der  Gastgeber, der uns aufnimmt. Es ist nicht so wichtig, was uns zustößt, denn es widerfährt uns in seiner Liebe.“

Ein Beispiel aus unserer Kirchengeschichte

Ich erinnere an die weithin vergessene Caroline Fliedner, deren Todestag (15.4.1892) sich jährt. „Prototyp der protestantischen Frau im diakonischen Amt“, wurde sie auf ihrer Beerdigung genannt. Vierzig  Jahre lang hatte sie die Leitung der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth. Während sie für die Ausbildung mehrerer hundert Diakonissenschwestern zuständig war, führte sie zugleich einen Haushalt mit zehn Kindern. Sie wird gerühmt: „Carolines Lebenseinstellung war grundsätzlich positiv. Jeder Situation gewann sie etwas Gutes ab, Negatives findet sich an keiner Stelle in ihren Briefen.“. Allerdings kann man an ihrer Biografie die Ambivalenz von Demut verdeutlichen, die Mann besonders in der damaligen Erweckungsbewegung vor allem den Frauen verordnete. „Unter dem Eindruck ihres Gatten (Theodor Fliedner) wurde Caroline gezwungen, Affekte und Spontaneität aus dem Verhältnis zu Gott auszuscheiden und Demut als rationale Grundhaltung anzunehmen, was vielfach von den männlichen Repräsentanten der Kirche als wünschenswert empfunden wurde.“ IRLE S.174.  Diese Biografie ist auch im Internet zu finden:

http://www.ub.uni-siegen.de/pub/diss/fb1/2003/irle/irle.pdf.

 

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