Wenn die Götter schweigen

“Dies Buch müßte eigentlich epochemachend wirken, ist es doch vielleicht das erste theologische Werk nachbiblischer Zeit, das Judentum und Christentum gleichermaßen angeht“, schrieb der Rabbiner Dr. Geis – und wurde prompt kürzlich in einer Diskussionsrunde über Kornelis Heiko Miskotte „Wenn die Götter schweigen“ aus dem Klappentext des Chr.Kaiser-Verlags  zitiert. Es wurde aber nicht „epochemachend“. Seit 1966 steht das Buch bei mir im Schrank, versehen mit ein paar Anmerkungen aus meinem 1. Semester. Diesen vergessenen Theologen stellt ein Kollege vor, der im Ruhestand  – Respekt! – extra deswegen niederländisch gelernt und inzwischen selber einige Werke übersetzt hat.

Miskotte (1894-1976) war einer der ersten evangelischen Theologen im letzten Jahrhundert, der noch vor dem 2.Weltkrieg bereit war, vom Judentum zu lernen und das Alte Testament gegen die Angriffe einer neugermanischen Nazireligion zu verteidigen. Diese verstand er als Spielart des modernen Nihilismus, der ja keineswegs mit den braunen Pseudointellektuellen verschwunden ist. Seine Doktorarbeit schrieb er 1932 „Vom Wesen der jüdischen Religion“ und setzte sich mit Hermann Cohen, Max Brod, Franz Rosenzweig, Ernst Bloch und Martin Buber auseinander: „Als ich die Thora begriff, begriff ich  die ganze Bibel.“

1939 folgte die Studie „Edda und Thora“, die 2015 im LIT-Verlag neu aufgelegt wurde. Wie viele andere sah er in der Nazi-Philosophie eine Wiederkehr germanischer Mythen, die sich im Kampf mit der israelitischen Religion wähnte. Seine Theologie bewährte sich im aktiven Widerstand gegen die Nazi-Besatzung in den Niederlanden.

Sein Hauptwerk Als de goden zwijgen – Over de zin van het Oude Testament (1956, deutscher Titel: Wenn die Götter schweigen – Vom Sinn des Alten Testaments) behandelt nochmals ausführlich die Beziehung zwischen dem Gott Israels und dem Heidentum. Es ist nicht nur eine kulturkritische Studie über den Nihilismus, sondern auch eine Einführung in das Alte Testament unter den Fragestellungen der Moderne.  Der erste Teil behandelt heutige Probleme als „Kleiner Zeitspiegel“. „Das Stück handelt von der Zwitterhaftigkeit des Nihilismus, dessen Wurzel in nichts anderem liegt als in der Zwitterhaftigkeit der – Religion.“ Genauer: „Daß Gott nicht ein Sein hat nach Analogie unseres Deins, daß das Wort nicht ein mystisches Erlebnis ist, der Glaube kein Erleben und überhaupt kein menschliches Vermögen; daß Gott nicht als Substanz, sein Werk nicht als Kausalität, die heilige Geschichte nicht als ein Prozeß gedacht werden kann, – alle diese glutvollen, geladenen Negationen sind mit der Grundstruktur der Bibel gegeben.“ S.23

Im zweiten Teil „Zeugnis und Interpretation“ geht er auf verschiedene alttestamentliche Themen ein wie „Thora“, „Prophetie“ oder „Weisheit“. Wiedergelesen habe ich den Abschnitt „Der Eros“ (S.267-273), wo er sich mit einer jüdischen Auslegung des Hohenliedes gegen die asketische Interpretation des Neuen Testaments wehrt. „Es ist also weitgefehlt, daß der Glaube uns da verurteilte, wo jeder Mensch seine natürlichste Lebensquelle und Erquickung findet, wie Rilke und viele Halbunterrichtete, die in römisch-katholischen Länden geboren und aufgewachsen sind, in pueril-gekränktem Ton zu behaupten nicht müde werden.“

Im dritten Teil werden einzelne biblische Texte interpretiert. Es sind Randglossen zu den Kommentaren, die vorausgesetzt werden. Sie wollen deutlich machen, was wir gewinnen, wenn wir das Evangelium eben nicht weltlos spiritualisieren, sondern mit dem Judentum der Erde treu bleiben. „Die Schöpfung ist und bleibt der Raum der Gnade. Die Einheit der Testamente ist, wie die Einheit der Verkündigung, die durch die Zeiten geht, das Band der Liebe, der Ring der Vollkommenheit, das alles verbindende Herz inmitten aller Desintegration, alles Unsinns und alles scheinbar vergeblichen Kreislaufs der Dinge… Unsere ganze Kreatürlichkeit besteht in dem Kampf darum, für die Freiheit Gottes frei zu sein und uns durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen, nicht einmal durch das (für uns) absolut Sinnlose.“ S. 472f.

„Wenn die Götter schweigen“  ist kein Buch, das man in einem Zug von vorn bis hinten liest. Meine Anmerkungen von 1966 zeigen, wie weit der 19-jährige sich auf die nicht immer leichte Sprache eingelassen hat. Es hat mich jedenfalls in meiner Freude am von vielen auch heute geschmähten Alten Testament bestärkt. Leider ist es derzeit nur antiquarisch erhältlich.

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