Ostermarsch in Stuttgart

Lange habe ich nicht mehr an einem Ostermarsch teilgenommen. Dieses Jahr gehe ich aus verschiedenen Gründen hin.

1. Unsere Pfarrerin hat – wohl als einzige im Kirchenbezirk – im Gemeindeblatt dazu eingeladen. Die Friedensbewegung ist also im Alltag einer sonst recht konservativen Gemeinde angekommen. Das möchte ich durch meine Teilnahme unterstützen. Entsprechend fröhlich werde ich von der Gruppe im Zug nach Stuttgart begrüßt. Mit der  regenbogenen Fahne „Pace“ marschiere ich lieber als hinter roten, die natürlich das Bild heute prägen.

2. Die offenkundigen Lügen unserer neuen Regierung regen mich auf. „Keine Waffenexporte in Spannungsgebiete“, heißt es – und dann werden sie in den Nahen Osten noch gesteigert.

3. Der keineswegs aufgeklärte Giftanschlag in Salisbury wird in der Machart des Kalten Krieges genutzt, um in lange nicht mehr gekannten Weise gegen Russland zu hetzen. Wenn man in einen heißen Krieg stolpern will, muss man nur so weitermachen.

4. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des NATO-Partners Türkei gegen Nordsyrien wird lau kritisiert, aber offen durch Waffenlieferungen unterstützt.

5. Schließlich protestiere ich gegen die geplante Erhöhung des Rüstungsetats auf zwei Prozent des BIP (deutsche Wirtschaftsleistung). Das sind voraussichtlich weitere 30 Milliarden Euro, die natürlich bei sozialen Aufgaben fehlen.

In diesem Jahr stand die Stuttgarter Demonstration unter dem Motto: „Frieden braucht Bewegung! Gegen Aufrüstung, Krieg und atomares Wettrüsten“.

Ralf Chevalier von der Stuttgarter Friedenskoordination mahnte: „1944 wurde dieser Platz völlig zerstört, 4562 Menschen verloren während des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart ihr Leben. Nach dem Krieg hat man den Schutterberg auf dem Birkenkopf als Mahnmal errichtet mit dem Ziel, dass es nie wieder Krieg geben solle… Wir fordern, dass die Zentralen Eucom und Africom geschlossen werden. Wir wollen diese Kommandozentralen weder hier, noch sonst wo… Außerdem sagen wir Nein zu Militäreinsätzen, Rüstungsexporten und Krieg, der die Menschen weltweit in die Flucht treibt. Wir fordern eine Umstellung von Waffenexporten auf zivile Güter.“

Ein weiterer Kritikpunkt war die geplante Militärmesse ITEC. „Einerseits setzt sich Stuttgart für Menschenrechte ein und bietet vielen Menschen Schutz – teils auch in Gebäuden der Messe“, sagte Paul Russmann von „Ohne Rüstung leben“. „Aber das wird ad absurdum geführt, wenn Stuttgart Gastgeber der ITEC wird, einer todbringenden Rüstungsschau… So eine Messe gehört nicht zu unserer Stadt, so eine Messe gehört verboten.“

Beinahe wäre ich noch in eine kurdisch-türkische Keilerei geraten. Zwei wütende Frauen können nur unter Mühe getrennt werden.

Im Reisegepäck lese ich von Eugen Drewermann, Von Krieg zu Frieden, Band 3 Kapital und Christentum, Patmos Verlag 2017. Er schreibt S.380 f.: „Die Friedensbewegung heute protestiert – auf quantitativ weit niedrigerem Niveau – gegen den Drohnenkrieg der USA, gegen die Modernisierung der Atomwaffen, gegen Bundeswehroffiziere in den Schulen, – im Wissen, daß sie nichts von alledem verhindern wird; alles wird in den nächsten Jahren schon so kommen, wie die strategischen Zielsetzungen des Weltmachtgehabes der USA es vorsehen. Warum also immer wieder vergebens das Unaufhaltsame aufhalten wollen?… Allein schon um mit den Enttäuschungen aller Weltverbesserungs-bemühungen leben zu lernen, bedarf es einer Perspektive weit über das politische Denken in Machtgewinn und Machbarkeit hinaus; um an den Menschen zu glauben, braucht es einen Glauben, der sich festmacht jenseits des Menschen.“

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