Kriegsverbrechen beenden

Aus dem Schalomgottesdienst Tübingen vom 21. März 2018

I.

An diesem  Mittwoch erinnern wir uns  an zwei große europäische Christen – beide sind an einem 21.  März gestorben: Benedikt von Nursia 547 im Kloster Montecassino in Italien
und Nikolaus von Flüe fast tausend Jahre später, 1487, in seiner Einsiedelei in der Schweiz .

Der Mönch Benedikt hat eine Klosterregel verfasst, nach der viele überall in Europa gelebt haben und immer noch leben.  Unter dem Leitwort „Ora et labora“ beten und arbeiten sie heute wie damals überall in der Welt. Das Europa von heute ist sicher auch den Klöstern zu verdanken, die Benedikt und seine Brüder gegründet haben –  oft in eher wilden und einsamen Gegenden. Europa ist mitgeprägt auch von einer Kultur aus Mission und Gebet –  und aus Arbeit, Entwicklung und wirtschaftlichem Aufbau: Ora et labora.

Nikolaus von Flüe war als Asket und Einsiedler ein Friedensstifter. Zuvor nahm er ab 1440 als Offizier an einem Krieg gegen Zürich teil mit der Bluttat von Greifensee, wo man schon besiegte Verteidiger ermordete. Er engagierte sich dann als Ratsherr und Politiker. Wohl aufgrund von Visionen verließ er seine Frau (mit ihrem Einverständnis) und zehn Kinder und widmete sich in seiner Einsiedelei ganz der mystischen Meditation. Doch gefragt nach der besten Gabe Gottes für den Menschen nannte er „die Vernunft“. Viele Menschen besuchten ihn, auch Politiker und Mächtige, und baten um Rat. Es gab in der Schweiz viele Konflikte, Aggressionen und Kriege. Wahrscheinlich wäre die Eidgenossenschaft 1481 auseinandergefallen. Erst in letzter Minute habe Nikolaus die Beratungen gerettet.

Beide große Christen sind zu ihren Zeiten und bis heute ein Hinweis dafür, dass der christliche Glaube und das Gebet  wirklich die Welt verändern können und zwar durch konkrete Menschen und ihre Konsequenz und ihre Hingabe an die göttliche Kraft.

II.

Ein „illegaler Krieg“ tobt seit sieben Jahren in Syrien.  Bevor ich darauf eingehe, möchte ich eine syrische Stimme zu Gehör bringen. Auf der hierzulande kaum bekannten Missionskonferenz in Arusha / Tansania sprach kürzlich der „Patriarch von Antiochien“ Mor Ignatius Aphrem II. als Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Er führte u.a. aus:

Gott ist Liebe – du darum muss die Kirche eine Kultur der Liebe ausbreiten. Weil Liebe eine Beziehung ist, muss die Kirche gute Verhältnisse aufbauen. Nächstenliebe verzichtet auf irgendeinen Profit. Die Mission der Kirche ist darum ein Dienst an der Welt, um sie zu heiligen. Zwar ist die Gegenwart durch Egoismus bestimmt, aber der Einzelne muss in seinen spirituellen Bedürfnissen nicht in Narzissmus enden, sondern ein Schüler Christi werden. In seiner Lehre sehen wir ein Modell, dem wir folgen sollten. Es kann gut sein, dass dies Diskriminierung und Verfolgung mit sich bringt. Vermutlich ist das Christentum deswegen unwillkommen ist in der modernen Welt, weil es die Leute aus der Comfort-Zone stößt. Es fordert die philosophischen Übereinkünfte durch das Wort vom Kreuz heraus. In der Weisheit der Welt ist das Dummheit. Für die Mehrheit ist dieser Weg nicht attraktiv. Man muss die materiellen Dinge ablehnen, um die spirituellen Güter zu empfangen. Es ist darum kein Wunder, dass es Verfolgungen gibt. Viele christliche Gemeinschaften erleben jeden Tag Nachstellungen. Das kann der Verlust religiöser Freiheit sein. Aber es werden auch unschuldige Kinder getötet oder harmlose Familien, wenn sie zur Kirche gehen. Im Mittleren Osten, in Syrien kennen wir Völkermorde in allen Jahrhunderten. Vor hundert Jahren wurden im Osmanischen Reich mehr als eine halbe Million syrisch sprechende Menschen massakriert, zusammen mit den Armeniern. Das Leiden setzt sich  heute fort in Irak und Ägypten. IS hat gezielt christliche Gemeinschaften angegriffen und viele unserer Kirchen zerstört.

Kürzlich  haben wir die syrische Stadt Deir El Zor besucht, nachdem sie von Terrorgruppen befreit worden ist. Da gab es eine schmale christliche Bevölkerungsgruppe, die teils getötet, teils vertrieben wurde. Wir trafen den einzig überlebenden christlichen Mann, der geblieben war und überlebt hatte. Natürlich durfte er seinen Glauben nicht zeigen. Wir waren von den Zerstörungen schockiert. Sämtliche Kirchengebäude sind zerstört. Aber nach fünf Jahren Terror konnten wir in den Ruinen der Syrisch-orthodoxen Marienkirche die „Himmlische Liturgie“ feiern. Als Zeichen unserer Anteilnahme haben wir eine Klinik für die Armen eröffnet. Sie dient zwei Dutzend rückgekehrter Christen, aber tausenden Muslimen. Trotz dieer desaströsen Erfahrungen predigen wir Vergebung. Wir fahren fort, unseren christlichen Glauben zu bezeugen. Wir vertraue darauf, dass die Verfolgten selig gepriesen werden. I(Matth.5,10). In vielen zerstörten Gebieten von Syrien und Irak haben wir Hilfs- und Entwicklungsprojekte begonnen. Mit unseren bescheidenen Mitteln helfen wir leidenden Menschen in Damaskus, die in die Flucht gezwungen worden waren. In der Nähe unserer Residenz ist vor einem Monat ein unschuldiges Kind namens Elias von einer Granate getötet worden. Seine Eltern wurden schwer verletzt. Man begrub den Jungen ohne das der Mutter zu sagen, weil man fürchtete, dass sie in ihrem zustand die Nachricht  nicht verkraften könnte. Trotz allem widerstehen wir denen, die Hass säen und fördern die Hoffnung für alle Ofer solcher Unmenschlichkeit. Wir wollen zuverlässig Botschafter Christi sein, d.h. Zeugen seiner Liebe und seines Friedens.

Wegen des Krieges haben viele Christen ihre Länder im Mittleren Osten verlassen. Dazu stelle ich fest. 1. Unsere Präsenz im Land, wo es geboren wurde, ist nicht nur für das Christentum wichtig, sondern auch für alle andern. Christen sind ein notwendiges Element für Versöhnung und den Brückenbau unter verschiedensten Volksgruppen. 2. Wir bringen Hoffnung zu unserm Volk: Sicherheit, finanzielle Hilfe, Projekte für künftige Arbeitsplätze. 3. Interreligiöser Dialog auf der akademischen Ebene ist nicht genug, sondern wird durch gemeinsame Aktivitäten (Workshops, Jugendcamps etc.) ergänzt. 4. Wir unterstützen unsere Schwestern und Brüder durch Fürsprache („advocacy“) und Entwicklungshilfe.         5. Christen können nur unter einer säkularen Regierung überleben, wo ihre Staatsbürgerschaft mit gleichen Rechten und Pflichten anerkannt ist.

Den letzten Satz hat der syrische Bischof in einer Pressekonferenz bekräftigt. Er macht den Standpunkt sämtlicher christlicher Kirchen in Syrien verständlich, die lieber unter dem Assad-Regime leben wollen als unter irgendwelchen islamistischen „Rebellen“ und ihren sogenannten Befreiungsbewegungen.

https://www.oikoumene.org/de/press-centre/news/world-mission-conference-embraces-the-cross.

III.   Illegale Kriege.

Vgl. Blog vom 7. Februar 2018. https://wolfgangwagnerblog.wordpress.com/2018/02/07/illegale-kriege/

Für Christen gibt es m.E. keine andere Option als nicht nur den jüngsten Angriffskrieg der Türkei im Norden Syriens, sondern auch die Komplizenschaft der Bundesregierung anzuklagen. Nicht zu schweigen von den anderen westlichen Mächten wie die USA, die ihre Werte andauernd verraten.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s