Die eherne Schlange

Am kommenden Sonntag „Judika“ wird über  4. Mose 21,4-9 „Die eherne Schlange“ gepredigt. Da murren die Israeliten auf ihrem Marsch durch die Wüste ins Gelobte Land. Zur  Strafe werden feurige Schlangen geschickt, deren Bisse tödlich sind. Doch ein Blick auf das von Mose angefertigte bronzene Kultbild einer Schlange am Stab rettet sie. Was soll man zu dieser altertümlichen Erzählung sagen?

Dass die Israeliten sich immer wieder mit dieser Erzählung beschäftigt haben, zeigt das nicht kanonische Buch „Weisheit Salomos“, das wohl im 1. Jahrhundert vor Christus entstanden ist. Es wendet sich an Juden, die in der hellenistischen Zeit durch die antike Philosophie in ihrem traditionellen Glauben verunsichert sind. (Es findet sich nur in wenigen evangelischen Bibeln als Anhang, aber meistens in allen katholischen Bibelausgaben.) Weisheit 16,5-11 nimmt die Geschichte auf und setzt den Akzent  auf Gottes rettendes Handeln. Der Bau der ehernen Schlange hatte ein pädagogisches Ziel. Mit ihm erhielt das Volk ein Zeichen der Rettung zur Erinnerung an das Gebot der Tora.  Man soll Gottes Gesetz beachten, nicht weil Gott sonst giftige Schlangen schickt, sondern weil er sich sogar gegenüber beißenden Schlangen als rettender Gott erwiesen hat. „5 Es kamen zwar über die Israeliten auch böse, zornige Tiere, und sie wurden gebissen und vernichtet durch die sich krümmenden Schlangen. 6 Doch blieb dein Zorn nicht bis zum Ende, vielmehr wurden sie nur kurze Zeit zur Warnung erschreckt und erhielten ein rettendes Zeichen, damit sie an das Gebot deines Gesetzes denken sollten. 7 Denn die sich zu diesem Zeichen hinwandten, die wurden errettet, nicht durch das, was sie anschauten, sondern durch dich, den Heiland aller Menschen. 8 Und damit bewiesest du unsern Feinden, dass du es bist, der aus allem Unheil erlösen kann. 10 Aber deinen Kindern konnten auch die Zähne der giftigen Drachen nicht schaden; denn deine Barmherzigkeit trat dazwischen und machte sie gesund. 11 Denn sie wurden dadurch angestachelt, an deine Worte zu denken, und wurden schnell wieder geheilt, damit sie nicht in tiefes Vergessen versinken, sondern deinen Wohltaten zugewandt bleiben sollten. 12 Denn es heilte sie weder Kraut noch Pflaster, sondern dein Wort, Herr, das alles heilt. 13 Denn du hast Gewalt über Leben und Tod.“

Im späteren Judentum hört die Beschäftigung mit dieser Schrift nicht auf. Der Traktat Rosch ha-Schana der Mischna hebt in 3,8 einen ethischen Aspekt der Erzählung hervor. „Tötet denn etwa eine Schlange oder macht eine Schlange lebendig? Nein, sondern: Wenn die Israeliten nach oben blickten und ihr Herz ihrem Vater im Himmel unterwarfen, wurden sie geheilt, und wenn nicht, kamen sie um.“

Dass zum rechten Hören die richtige Herzenseinstellung gehört, wird daran veranschaulicht, dass die Israeliten nicht einfach nach oben blicken, sondern auch ihr Herz auf Gott ausrichteten. Die richtige Einstellung war also die Voraussetzung der Rettung. Insofern entscheidet nicht die Schlange über Leben und Tod, sondern das Verhalten des Menschen.

Frey, J. , „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat …“. Zur frühjüdischen Deutung der „ehernen Schlange“ und ihrer christologischen Rezeption in Johannes 3,14 f., in: M. Hengel / H. Löhr (Hsg.), Schriftauslegung im antiken Judentum und im Urchristentum (WUNT 73), Tübingen 1994, 153-205.

So ähnlich haben die Reformatoren gepredigt, um den mittelalterlichen „christlichen“ Aberglauben zu überwinden. Melanchthon hat das Bild der ehernen Schlange geliebt und in sein Wappen übernommen. Wir sehen, wie im Laufe der Religionsgeschichte magisches Denken und ein archaisches Gottesbild durch Ethik überwunden wird. Auf Bildern wird es in der christlichen Kunst oft neben der Kreuzigung dargestellt.

„Böse Schlangen“ gibt es in der Natur eigentlich nicht. Giftige sehr wohl. Aber im übertragenen Sinne sind „böse Schlangen“ ganz aktuell.

„Der Angriff der Schlange“ heißt eine Überschrift in einem Artikel über die russische Hackergruppe Snake. „Sie gilt als Elitegruppe unter den russischen Hackern, etwas klüger als die anderen, etwas vorsichtiger, geduldiger, aber hochgefährlich, wie eine Schlange…Dass die Hacker von Snake ihr Geschäft verstehen, haben sie in der Vergangenheit schon oft bewiesen. So sollen sie weltweit in Botschaften, internationale Organisationen, Rüstungsfirmen, Regierungen und Geheimdienste eingedrungen sein; auch das U.S. Central Command, eine Leistelle der amerikanischen Armee, sollen sie bereits attackiert haben.“ SPIEGEL Nr.10/2018, S.28.

Ich finde das giftig und brandgefährlich, kann mich aber nicht über Russland empören, wenn ich lese, dass „Spionieren zum alltäglichen Geschäft gehört, auch für demokratische Staaten wie Deutschland.“ Soll man sich nun daran gewöhnen? Oder lieber „murren“, d.h. diesen Wahnsinn der Herrschenden kritisieren und wenigstens auf der eigenen Seite abstellen?

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