Einsamkeit

Mehr als 250 Zuhörer kamen jüngst in Tübingen zu einer Lesung des Ulmer Psychiaters Manfred Spitzer. Obwohl sein neues Buch „Einsamkeit – Die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ viele Kritiker findet, scheint es doch den Nerv der Zeit zu treffen. Für ihn ist Einsamkeit die wichtigste Todesursache.

Vgl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/manfred-spitzer-ueber-einsamkeit-an-allem-ist-das-internet-schuld-a-1197453.html

Seine praktischen Therapie-Vorschläge zur Überwindung von Vereinsamung finde ich richtig, wenn auch wenig originell: Musik, Kunst und Sport. Dazu Ehrenämter: „Das ist nachgewiesenermaßen eines der besten Dinge, die man für seine Gesundheit tun kann.“ Das hat schon Albert Schweitzer empfohlen!

In der Kirche ist Einsamkeit ein schon länger diskutiertes Thema. Im neuen Gemeindebrief (März 2018) meiner Evangelischen Kirchengemeinde Rottenburg hat sich Pfarrerin Regina Fetzer dazu Gedanken gemacht: „Wer einsam ist, erweckt den Eindruck, bemitleidenswert und ungeliebt zu sein. Es klingt beinahe nach jemandem, mit dem etwas nicht ganz stimmt. In einer Welt, in der man vernetzt ist und ständig irgendwie und irgendwo mit jemandem kommuniziert, ist es absolut uncool, einsam zu sein. Und doch: Einsamkeit kennen wir alle. Wir kennen das Gefühl von Einsamkeit sogar dann, wenn wir mitten  unter Menschen sind.“ Schaut man sich heutige kirchliche Angebote an, dann gibt es überall einladende Gruppen, gemeinsame Essen und andere soziale Aktivitäten für jedes Alter. Fast nach jedem Gottesdienst wird eine Tasse Kaffee angeboten. Allerdings beobachte ich bei solchen Gelegenheiten, dass die meisten Leute auf Bekannte zugehen. Wer neu hinzukommt, braucht schon eine gewisse Energie, um sich einzubringen. Bei der viel gelobten „Vesperkirche“ schwiegen etliche vor sich hin.

http://www.evangelisch-in-rottenburg.de

Wenn man einem Pfarrer ein schlechtes Gewissen machen will, muss man nur sagen, dass er zu wenige Kranke und Einsame besucht. In der Tat kommt die Seelsorge oft zu kurz. Aber mit einem „Zehn-Minuten-Besuch“ ist ja noch wenig gewonnen.  Deswegen gibt es nicht  nur ehrenamtliche Besuchskreise, sondern auch professionelle Helfer. Dennoch werden die Ränder der Gesellschaft immer dicker. Und die Aufrufe zur Caritas nehmen zu.

Es gibt aber auch ein Recht auf Einsamkeit. Gerade die Fastenzeit, die man in unserer Kirche vor allem durch soziale Appelle wahrnimmt, ist eine Gelegenheit, sich einmal zurückzuziehen. Es muss ja nicht gleich ein 40tägiges Schweigen sein. Spirituelle Erfahrungen werden jedenfalls nicht in ständiger Betriebsamkeit und medialer Berieselung gemacht.

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