Lied der Lieder

„Ich habe das Hohelied Salomonis übersetzt, welches ist die herrlichste Sammlung Liebeslieder, die Gott erschaffen hat“, schreibt Goethe 1775 in einem Brief. Seitdem haben sich immer wieder Poeten, Übersetzer und Literaten mit diesem Buch beschäftigt, am wenigsten wohl die Theologen. Jedenfalls habe ich es seinerzeit bei meinen Heidelberger Studien des Alten Testaments kaum beachtet. Kein Wunder: Hat doch der damals hoch berühmte Gerhard von Rad diese Schrift in seiner „Theologie des Alten Testaments“ überhaupt nicht gewürdigt. So weit ich andere „Theologien des AT“ durchgesehen habe, ist auf weitem Feld Fehlanzeige. In der kirchlichen Praxis war  es später  nie Predigttext. Eine Ausnahme bildet Helmut Gollwitzers „Das hohe Lied der Liebe“, der in diesem erweiterten Kirchentagsvortrag aber vor allem an sexualethischen Fragen interessiert war. (Kaiser Traktate 29, München 1978). Immerhin verdanke ich ihm den Hinweis auf die Übersetzung des jüdischen Schriftstellers Leopold Marx („Das Lied der Lieder“, Reclam Nr.8896, Stuttgart 1964). Leider ist sie nicht mehr lieferbar und nur in Uni-Bibliotheken zu finden. Ich habe sie jetzt gern für meine Bibelarbeiten genutzt. Das „Hohelied“ ist nämlich für die diesjährigen evangelischen Bibelwochen vorgeschlagen. Vermutlich beteiligen sich nur wenige Gemeinden.

Die Biografie Leopold Marxs ist selber ein Roman: Geboren 1889 in Cannstatt musste der Fünfzehnjährige seine Schulzeit am Gymnasium abbrechen, um sich auf die Leitung der Fabrik seines verstorbenen Vaters vorzubereiten. 1916 ließ er sich durch Tausch mit seinem Bruder in den Kriegsdienst einberufen und geriet in französische Gefangenschaft.

„Dort überwand er allgemeine Vorurteile gegen Franzosen, klärte sein Verhältnis zum Judentum nach einer Begebenheit mit algerischen Juden, die als Soldaten in Frankreich dienten. In der Gefangenschaft lernte er etwas Hebräisch und machte sich mit den Schriften Martin Bubers vertraut. Er kam in Kontakt mit Hermann Hesse, der für die deutsche Kriegsgefangenen-Fürsorge in Bern arbeitete und Bücher für Gefangene zur Verfügung stellte. Leopold Marx verfasste erste Lyrik, von denen Hermann Hesse einige veröffentlichte.“

Nach dem Krieg leitete er die väterliche Fabrik bis diese 1938 „arisiert“ wurde. Nebenbei veröffentlichte er eigene Werke und beteiligte sich an der Gründung des Stuttgarter Lehrhauses. Nach einem KZ-Aufenthalt konnte er 1939 nach Palästina emigrieren und lebte seitdem in der Siedlung Shavej Zion, die vor allem von schwäbischen Juden aus Rexingen gegründet worden war. Er veröffentlichte mehrere Werke, immer auf Deutsch. 1983 starb er. Posthum erschien sein stark autobiografisch gefärbter Roman „Franz und Elisabeth“.

Seine Ausgabe „Das Lied der Lieder“ (mit einem Vorwort von Albrecht Goes) ist nicht nur durch seine intime Kenntnis der hebräischen Sprache eindrucksvoll, sondern auch durch den Versuch, den poetischen Charakter der Lieder, teils durch Reime, herauszustellen. Sein „Nachwort“ bietet nicht nur einen Überblick über die vor allem jüdische Auslegungsgeschichte, sondern auch in den Anmerkungen einen eigenen durchaus wissenschaftlichen Kommentar. Dabei spart er nicht mit Kritik an der Zunft der christlichen Alttestamentler. Zum Beispiel zum damals neuesten Kommentar von Wilhelm Rudolph (KAT 17): „Was an diesem Kommentar auffällt, ist die alte Neigung, einige abschätzige Bemerkungen fallen zu lassen, die in einem heute in Deutschland veröffentlichten religionswissenschaftlichen Werk befremdlich wirken. So kann es nur als die Auswirkung alteingefleischter Vorurteile verstanden werden, dass das Lied von  der Kleinen Schwester (VIII, 8-10) hier „Die geschäftstüchtigen Brüder“ überschrieben ist. Heutige Brautkaufsitten, die in arabischen Hochzeitsliedern, sehr im Gegensatz zum Lied der Lieder, eine Rolle spielen, werden unbesehen auf dessen Entstehungszeit übertragen und vom Gesichtswinkel des Europäers betrachtet. Ernster zu nehmen ist eine andere Stelle, wo mit Bezug auf die allegorische Auslegung gesagt wird: „So wurde das Hohe Lied ein Beleg für den jüdischen Erwählungsdünkel.“ Keine authentische jüdische Quelle hat je den Begriff der Erwählung anders verstanden und ausgelegt wie als das folgenschwere Aufsichnehmen eines strengen göttlichen Auftrags und als Bejahung des Schicksals auch in Leid und Verfolgung …  Gewiß, die Neigung zur Selbstüberhebung, der enge Geister gern verfallen, gedeiht auf dem Boden aller Bekenntnisse. Sie ist die Gefahr und das Unglück von ihnen allen. Es war ein „Erwählungsdünkel“ solcher Art, der Deutschland zu Fall gebracht hat und die Erde zur Hölle werden ließ.“ S.72f.

Am liebsten würde ich in Kirchengemeinden einfach seine schönen Verse vorlesen. Es ist dringend zu fordern, dass demnächst eine Neuauflage erscheint.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s