Hans Scholl und die „Weiße Rose“

Vor 75 Jahren wurden die Mitglieder der „Weißen  Rose“ durch die Nazi-Justiz ermordet, weil sie aktiven Widerstand geleistet hatten. Ihre Geschichte wurde uns in der Schule gern erzählt, standen sie doch für das „bessere Deutschland“. Vom Widerstand aus der Arbeiterbewegung habe ich erst durch meine Reisen in die DDR erfahren. Die Frömmigkeit der Geschwister Scholl spielte in der Jugendarbeit  der Evangelischen Kirche keine geringe Rolle. Manche haben sie geradezu zu  Helden oder Heiligen stilisiert. Kritik kam lediglich aus der links- und rechtsextremen Szene. Man kennt ihre Geschichte, dachte ich. Schließlich hatte ich früh das Buch der älteren Schwester Inge Aicher-Scholl gelesen.

Jetzt ist aber eine wichtige Biografie über Hans Scholl erschienen, die sein Leben aufgrund neuer Quellen differenzierter darstellt. Mit seinem neuesten Werk „Flamme sein! – Hans Scholl und die Weiße Rose“ ( C.H. Beck Verlag München) präsentiert der Autor Robert M. Zoske, evangelischer Theologe und bis 2017 Pastor in Hamburg, eine bemerkenswerte Biographie mit sämtlichen Gedichten von Hans Scholl sowie dem Text aller Flugblätter der Weißen Rose. Er konnte aufbauen auf seine Dissertation „Sehnsucht nach dem Lichte – Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl – Unveröffentlichte Gedichte, Briefe und Texte“, München 2014.
Hans Scholl stammte aus einem evangelischen Elternhaus, in dem man die Nazis ablehnte. Er hingegen sympathisierte mit der NSDAP, genau wie seine drei Jahre jüngere Schwester Sophie, die in BDM-Uniform zur Konfirmation erschien. Der Gymnasiast wurde begeisterter Fähnleinführer in der Hitlerjugend und träumte von einer Karriere als Offizier.

Als Führer im Jungvolk nahm er im September 1935 am Reichsparteitag in Nürnberg teil. Schon längst hatte er eine Mischung aus elterlich beeinflussten Ideen, idealistischer Abenteuerromantik und Männerbündelei entwickelt: „… und wir wollen doch Flamme sein. Unsere Kraft muss federnder Stahl sein, unsere Seele trockene Weißglut…“.

Daneben leitete er einen verbotenen, der „deutschen autonomen Jungenschaft“ angehörenden Club aus Freunden, mit denen er nach Lappland trampte.

Hans Scholl liebte in diesem Milieu Männer, weshalb er mit  19 Jahren verhaftet wurde. 1938 stand er in Stuttgart wegen illegaler bündischer Jugendarbeit und „widernatürlicher Unzucht“ mit Abhängigen vor Gericht. Weil er auf einen milden Richter („jugendliche Verirrung“) traf , wurde das Verfahren eingestellt. Er kam mit dem Schrecken davon, aber der verunsicherte ihn tief.

Das alles ist eigentlich bekannt, seit vor zehn Jahren die Verhörprotokolle des Stuttgarter Prozesses ausgewertet wurden. Nichts aber wusste man von einem Konvolut an Selbstzeugnissen, das Zoske im Nachlass Inge Aicher-Scholls fand. Sie hatte zeitlebens Stillschweigen über deren Existenz bewahrt, wohl, wie Zoske vermutet, um ihren homosexuellen Bruder gegen die Öffentlichkeit zu schützen.

Es sind 141 handgeschriebene Seiten, Lyrik, Aphorismen, Prosa, Briefe, in denen Scholl die Krise durchbuchstabiert, die der Gerichtsprozess in ihm ausgelöst hatte. Eine Krise aus Scham, Demütigung, Angst, Verzweiflung. Vor allem die Gedichte, die in dem Buch abgedruckt sind, zeigen ihn als einen zutiefst verunsicherten jungen Mann, selbstzweiflerisch und vergrübelt, zugleich elitär, mit einem ausgeprägten Drang zum Heroischen.

„Es liegt nahe, diese Krise als Wendepunkt zu sehen, wie Zoske es tut. Er zeichnet Scholls Weg vom tief verunsicherten Angeklagten, der sich dem Nationalsozialismus entfremdet, zum aktiven Widerständler nach: ein junger Mann mit nun rasch wechselnden Freundinnen, der mit höchster Energie philosophische und theologische Studien betreibt, dessen im Elternhaus angelegte Frömmigkeit neu entflammt, der aber auch eine gewisse elitäre Unnahbarkeit pflegt. Eine prägende Gestalt für den Medizinstudenten mit philosophischen Neigungen wird der Schriftsteller Thomas Mann, dessen Aufforderung aus dem amerikanischen Exil an die „deutschen Hörer“, sich des Regimes zu entledigen, ihren Niederschlag in den Flugblättern findet.“ (Cord Aschenbrenner, SZ)

Im Kriegsjahr 1941 las Scholl das Buch „Kierkegaards Folgen“ des katholischen Philosophen Alois Dempf. Die Kennzeichnungen bei der Lektüre zeigen Scholls Suche nach einem „Staat ohne Repressalien gegen den Einzelnen“. Paul Nordhues war im Herbst 1942 an Scholls Frontabschnitt als katholischer Militärseelsorger eingesetzt. Nach dem Krieg erzählte er, wie Hans Scholl seine Gottesdienste mitgefeiert und voller Eifer an seinen Bibelstunden teilgenommen habe. Nordhues war sehr erstaunt, als er darüber aufgeklärt wurde, dass Scholl evangelisch gewesen sei.

Es ist immer wieder erschütternd, die Details nachzulesen, wie der Widerstand geleistet, verraten und endlich der Prozess geführt wurde, der zur Hinrichtung führte. Zoske schreibt:

„Während Freisler «tobend, schreiend, bis zum Stimmüberschlag brüllend, immer wieder explosiv aufspringend» die Verhandlung führte, blieben die Angeklagten «von ihren Idealen erfüllt […] ruhig, gefasst, klar und tapfer». Unbeeindruckt verhöhnte Hans Scholl die Gerichtsinszenierung als bizarre Farce – Kriminalsekretär Ludwig Schmauß notierte: «Meldung. Hans Scholl bezeichnete die heutige Verhandlung als ‹ein Affentheater›.» Um 12.45 Uhr fällte das oberste deutsche Gericht «Im Namen des Deutschen Volkes» die Todesurteile: Die Angeklagten haben im Kriege in Flugblättern zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Lebensform unseres Volkes aufgerufen, defätistische Gedanken propagiert und den Führer aufs  gemeinste beschimpft und dadurch den Feind des Reiches begünstigt und unsere Wehrkraft zersetzt. Sie werden deshalb mit dem Tode bestraft. Ihre Bürgerehre haben sie für immer verwirkt. Die Verurteilten wurden sofort ins Gefängnis München-Stadelheim überstellt. Die Aufnahmekartei hält die Einlieferung von Hans Scholl – «Beruf: Cand. Medizin / Bekenntnis: ev» – für den 22. Februar 1943 um 13.45 Uhr fest. Um 16.02 Uhr teilte man ihm unter Anwesenheit des Gefängnisvorstands, des Gefängnisarztes und des evangelischen Gefängnisgeistlichen Pfarrer Alt mit, dass das Gnadengesuch seines Vaters abgelehnt worden war und das Urteil um 17.00 Uhr im Gefängnis München-Stadelheim vollstreckt werden sollte. «Der Verurteilte gab keine Erklärung ab», heißt es dazu im Protokoll. Auch die Hinrichtung wurde mit bürokratischer Akribie dokumentiert: Neben Staatsanwalt Albert Weyersberg und einem Justizangestellten waren der Leiter der Strafanstalt, der Gefängnisarzt, der Scharfrichter mit einem Gehilfen «sowie das zur geordneten Durchführung der Hinrichtung unbedingt erforderliche Gefängnispersonal» anwesend. Der «Hinrichtungsraum war […] gesichert. Die Fallschwertmaschine war, durch einen schwarzen Vorhang verdeckt, verwendungsfähig aufgestellt.» Um 17.02 Uhr wurde der Verurteilte durch zwei Gefängnisbeamte vorgeführt. Der Leiter der Vollstreckung stellt die Personengleichheit des Vorgeführten mit dem Verurteilten fest. Sodann wurde der Verurteilte dem Scharfrichter übergeben. Die Gehilfen des Scharfrichters führten ihn an die Fallschwertmaschine, auf welcher er unter das Fallbeil geschoben wurde. Scharfrichter Reichhart löste sodann das Fallbeil aus, welches das Haupt des Verurteilten sofort vom Rumpfe trennte. Der Gefängnisarzt überzeugte sich vom Eintritt des Todes. Der Verurteilte war ruhig und gefasst. Der letzte Satz war eine Standardformulierung auf dem Formblatt für das Hinrichtungsprotokoll; sie steht genau so auf der Niederschrift von Sophie Scholls Exekution, die zwei Minuten früher, um 17.00 Uhr, stattfand, und auf der von Christoph Probst, die drei Minuten später, um 17.05 Uhr, vollzogen wurde. Nachdem die zweite Seite des Protokolls von Hans Scholls Enthauptung bereits aus der Schreibmaschine genommen worden war, wurde sie zur Korrektur erneut eingespannt. Unmittelbar hinter dem Punkt nach «gefasst» setzte der Protokollant ein Komma ein und ergänzte: «seine letzten Worte waren es lebe die Freiheit.» Staatsanwalt Albert Weyersberg korrigierte später handschriftlich das kleingeschriebene «es» in ein großes «Es» und setzte zu Beginn und Ende des Satzes «Es lebe die Freiheit.» Anführungszeichen.“

Nachdem das Leben Sophie Scholls mehrfach beschrieben und verfilmt worden ist, ist es gut, dass nun auch ihr Bruder als Mensch in seinem Widerspruch eine ausführliche Würdigung erfährt.

 

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