Judentum verstehen

Dem Beauftragten der Landeskirche Württemberg für das Gespräch zwischen Christen und Juden Pfarrer Dr. Michael Volkmann wurde am 19. Februar 2018 die „Otto-Hirsch- Auszeichnung“ verliehen. Sie wird vergeben von der Landeshauptstadt Stuttgart, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ). Der Große Sitzungssaal im Rathaus war überfüllt, was die Anteilnahme einer großen Öffentlichkeit beweist.

Der Stuttgarter Dr. Otto Hirsch, 1914-1919 Rechtsrat und 1921-1933 Ministerialrat, konnte unter schwierigen Bedingungen vielen jüdischen Glaubensgenossen helfen und Zehntausenden zur Auswanderung retten. 1941 wurde er im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.

Nach vielen Gruß- und Dankesworten berührte viele die Uraufführung des neuen Films der Landeskirche über Jüdisches Leben in Württemberg.

Mit besonderer Spannung hörte ich  die Festrede der Prälatin Gabriele Arnold. Sie unterschied in der württembergischen Geschichte zweimal vierzig Jahre nach der Reichspogromnacht 1938. Tatsächlich war die erste Epoche geprägt von oft wenig verstandenen und umstrittenen Einzelgängern. Diese Pioniere des jüdisch-christlichen Dialogs hatte noch mit dem braunen Erbe zu kämpfen, das leider auch in der Kirche und ihrer Theologie verbreitet war. So war beispielsweise der jährliche „Israel-Sonntag“ oft eine Gelegenheit die angebliche Überlegenheit der christlichen Religion gegenüber der jüdischen herauszustellen.

In der zweiten 40jährigen Periode, die für sie überraschenderweise mit den 68igern begann und in der Kirche dann 1978 bis 2018 reicht, sah sie ein zunehmendes Umdenken, Umlernen und eine konsequente Bemühung um Partnerschaft mit Juden „auf Augenhöhe“.

Das ist die Periode, in der ich auch selber zunächst als Vikar und dann in verschiedenen Pfarrstellen aktiv wurde.

Dabei hatte ich bis zum Abitur 1966 nichts in der Schule über das Judentum gelernt, geschweige denn einen lebendigen Juden kennengelernt. Das änderte sich in meinem anschließenden Studium in Berlin, wo Professor Gollwitzer mein wichtigster Lehrer wurde. Im Studium der hebräischen Sprache (später vertieft durch Iwrit, was ja dasselbe mit modernem Wortschatz ist) begriff ich etwas von der Schönheit des biblischen Judentums. Tatsächlich demonstrierten wir im Juni 1967 – übrigens mit Günter Grass – angesichts des „Sechs-Tage-Krieges“ für das Überleben des Staates Israel. Gollwitzer war einer der wenigen, der auch  das Leid der Araber ernst nahm, das dann von den extremen Marxisten für ihre Ideologie ausgeschlachtet wurde.

In Heidelberg studierte ich  dann nicht nur die Bibel bei den damals besten Alttestamentlern Deutschlands sondern auch Judaistik bei Pnina Navé, die als Jüdin an der evangelischen Fakultät einen Lehrauftrag hatte. Zusätzlich lernte ich bei den Germanisten Jiddisch. In jenen Jahren reiste ich mehrfach nach Israel, arbeitete in Kinderheimen oder im Hühnerstall in einem Kibbutz und entdeckte bei ehemaligen Berliner Juden die komplette Bibliothek des Jüdischen Schocken Verlags. Während die andern Freiwilligen abends Party feierten, saß ich über den Büchern von Martin Buber und anderen, was mir den Spitznamen „Rebbe“ einbrachte. Ich kann also die Faszination des Judentums verstehen. Um ein Haar wäre ich dort geblieben.

Der Nahost-Konflikt allerdings belastete mich. Politisch sah ich keine Lösung. Ich hatte inzwischen viele arabische Freunde gefunden und weigerte mich, mich vorbehaltlos auf die eine oder andere Seite zu schlagen.

So ist es bis heute geblieben. Als Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll konnte ich viele Tagungen zur Friedensproblematik im Nahen Osten organisieren. Bei dieser eher politischen Arbeit lernte ich auch viele nichtreligiöse Israelis und Juden kennen. Mein Bild vom Judentum wurde bunter, aber nicht einfacher. Das gilt auch für die unendlichen Debatten in Kirche und Gesellschaft, wenn man sich den universalen Menschenrechten verpflichtet weiß.

Michael Volkmann, dessen Büro bald zur Akademie verlegt wurde, weshalb wir mehr Gelegenheiten zur Zusammenarbeit bekamen, hat sich konsequent der Bekämpfung der jahrhunderte alten christlichen Judenfeindschaft gewidmet. Angefangen von intensiver Bibelforschung und den „Toralernwochen“ mit gesetzestreuen jüdischen Lehrern über Studienreisen, der Produktion von Artikeln und Arbeitshilfen bis zu zahlreichen Vorträgen in Gemeinden und Gedenkstätten. Dazu Lehraufträge an den Universitäten Tübingen und Jena.

1996 ermöglichte er zusammen mit unserm unvergessenen Freund Pfarrer Dankwart Paul Zeller – der noch eine posthume Ehrung verdient hätte – die Gründung einer Synagogengemeinde durch die Schenkung einer Torarolle in der karelischen Partnerstadt Tübingens Petrosawodsk.

Mittlerweile können evangelische Theologen in Israel studieren, es gibt in Tübingen und anderswo viele judaistische Angebote. Allerdings habe ich den Eindruck nach einigen Gesprächen mit Studenten, dass das Spezialwissen bei Einzelnen zwar zugenommen, aber die Allgemeinbildung bei der Mehrheit abgenommen hat. Als Predigthörer habe ich nicht den Eindruck, dass meine Kollegen den Ertrag des jüdisch-christlichen Dialogs der Gottesdienstgemeinde vermitteln. Und was die politische Debatte des Nahost-Problems betrifft, so findet man in Kirche und Gesellschaft noch  immer die ewig gleichen Fronten, wenn auch derzeit eher die Kriege in Syrien und Afghanistan das Interesse finden. In dieser Hinsicht war es eine kühne Behauptung des Stuttgarter Oberbürgermeisters in seinem Grußwort, dass er Ägypten und Saudiarabien für gefährlicher hält als den Iran. Haben doch die Israelis jetzt iranische Kämpfer mit Drohnen an ihrer Nordgrenze.

Man merkt Michael Volkmann an, dass er mit Herzblut bei seiner Arbeit ist, weshalb die Auszeichnung mehr als verdient ist. Schließlich leben wir in einer Zeit, da die nächsten vierzig Jahre anstehen und man fürchten muss, dass der anscheinend unausrottbare Antisemitismus wieder laut wird. Dummheit ist nun mal schneller als Bildung und  Aufklärung.

Siehe auch weitere Informationen unter  http://www.agwege.de.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s