Einsamkeit überwinden

Die noch immer aktuelle Mahnung des Apostels Paulus ist schlicht, die „Freundlichkeit Gottes nicht vergebens zu empfangen“ (2. Kor. 6,1). Also: bei allen Konflikten und Streitigkeiten, bei allen Interessengegensätzen, die menschlich  und deshalb auch in einer Kirchengemeinde und erst recht in einer Landeskirche oder gar EKD und ÖRK normal sind, nicht vergessen, worum es eigentlich geht: Aus der Erfahrung der Freundlichkeit Gottes zu leben.

Ich wurde kürzlich gefragt, wozu die Kirche eigentlich gut sei. Menschenrechte könne man doch bei „amnesty international“ verteidigen, Entwicklungshilfe bei „attac“ umsetzen, Umweltschutz in vielen Vereinen betreiben. Wohl wahr. Und nichts dagegen, wenn sich Christen dort oder anderswo engagieren. Meinen Glauben kann ich doch auch im Kämmerlein meditieren und die Bibel zuhause lesen. Wohl wahr. Aber Gott loben in Worten, Liedern und Werken kann ich nicht allein. Und Caritas oder Diakonie (Sozial-und Friedensarbeit) kann ich auch nicht allein betreiben. Deswegen organisiert sich die Kirche weltweit in Gemeinden. In großen und kleinen. Darum hat Paulus keine Bücher geschrieben und religiöse Philosophie gelehrt, sondern durch seine durchaus situationsbezogenen Predigten und Briefe Gemeinden gegründet und gefördert. Niemand muss allein und isoliert bleiben. Das ist in einer Zeit, da viele Menschen in ihrer Einsamkeit verloren gehen, so dringend wie nie.

Im aktuellen Koalitionsvertrag findet sich ein Passus, der nahelegen könnte, nach englischem Vorbild einen Regierungsbeauftragten zu installieren, der sich um Einsamkeit und Einsamkeitsschäden in der Gesellschaft kümmern soll. Dabei ist vielleicht nicht gleich an richtiges Einsamkeitsministerium  gedacht wie in Großbritannien, wo Theresa May eigens die Staatssekretärin Tracey Crouch (Sport und Ziviles) mit dem Aufbau einer Behörde betraut hat. Aber der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat schon vor Wochen eine mögliche Zuständigkeit des Gesundheitsministeriums ins Spiel gebracht, und zwar mit Verweis auf die erheblichen medizinischen Folgen: „Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen.“ Marcus Weinberg, der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der ebenfalls bereits Ende Januar „die soziale Isolation“ und den Verlust „familiärer Bindungen“ beklagte, sieht die Zuständigkeit naturgemäß eher beim Familienministerium.

Wir werden sehen, was da kommt. Die Kirche hat jedenfalls schon immer gewusst, dass der christliche Glaube Gemeinschaften hervorbringt.

(Aus meiner gestrigen Predigt zum Ersten Sonntag der Fastenzeit Invocavit)

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