Persona

Kürzlich sah ich nach  fünfzig Jahren einen alten Bergman-Film wieder. Ich mochte seine frühen, oft theologisch herausfordernden, dazu sehr poetischen Filme. Als sein „Das Schweigen“ in unserer Kleinstadt lief, war er wegen seiner (wenigen) sexuellen Szenen Stadt-und Schulgespräch. Er war erst ab 18 Jahre zugelassen, weshalb ich zum Kinobesuch einen Anzug mit Krawatte und Sonnenbrille trug, um älter zu erscheinen. Ich sah nicht das Schweigen Gottes, sondern Menschen, die sich die Hölle bereiten. Ingmar Bergmans Kampf mit seinem streng-pietistischen Pastorenvater war mir unangenehm. Ich hatte bessere Erfahrungen mit der Religion gemacht.

Im Spätsommer 1967 also lief in Berlin „Persona“. Ich hatte die meisten Szenen mittlerweile vergessen. Er passte für mich mit seinen individuell-grüblerischen Bildern überhaupt nicht in die studentenbewegte Zeit. Wir wollten die Welt verändern, nicht uns selbst.  Tatsächlich war ich auch bloß mit ins Kino gegangen, um bei einer Studentin zu sein, die ich mochte. Sie hatte sich schon mit Psychoanalyse beschäftigt, von der ich damals keine Ahnung hatte, und war entsprechend begeistert. Ich verstand zwar nichts, war aber wegen meiner Nebensitzerin trotz der düsteren Thematik glücklich.

Inzwischen erinnere ich mich auch an mein tiefenpsychologisches Studium und kenne den Persona-Begriff von C. G. Jung. Damit ist wie im antiken Theater die Maske gemeint, die wir oft tragen müssen, wenn wir eine öffentliche Funktion einnehmen oder auch nur gegenüber den andern eine Rolle spielen. Es kommt dann darauf an, dass wir diese „Persona“ nicht uns ganzes Sein bestimmen lassen, sondern wir unsere Individualität entwickeln. Ich bin sicher, dass Ingmar Bergman dieses Konzept gekannt hat, denn mit diesem Film hat er offenkundig seine eigene Sinnkrise bewältigt – und nebenbei eine große Liebe gefunden. Ich habe dafür eine wichtige Zeugin. Eine der beiden Hauptdarstellerinnen, Liv Ullmann, hat später bekannt, dass sie selbst den Film eigentlich nicht verstanden hat, aber zunehmend den Eindruck bekam, dass sie Ingmar Bergman selber darstelle. Er hatte sie im norwegischen Theater entdeckt und wohl erklärt: „Der Film handelt von der Bedeutungslosigkeit der Kunst, der Ohnmacht der Sprache und der grenzenlosen Einsamkeit der Seele. Darüber hinaus handelt er von wie verschiedenen Menschentypen, die einen inneren und einen äußeren Kampf miteinander ausfechten. Der Film soll Begriffe wie Raum und Zeit aufheben, es soll keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit geben, uns es gibt keinen eigentlichen Handlungsverlauf.“ Der Film ist ein langes Gedicht aus Bildern, nicht aus Worten.

Heute könnte die Frage (mit einem Bestseller-Titel) sein: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Dargestellt am einseitigen Dialog der fast verstummten Patientin Elisabeth (Liv Ullmann) und ihrer redseligen Krankenschwester Alma  (Bibi Andersson). Es gibt in dem Film ein Bild, wie die Gesichter der beiden Frauen zu einem einzigen verschmelzen. Als dann noch der Ehemann von Elisabeth auftaucht, aber in ihrem Beisein mit Alma schläft, die er für seine Frau hält,  ist die Verwirrung des Betrachters komplett.

Bergman hat irgendwann gesagt, dass der Film ihn wieder das Sprechen gelehrt, ihm den Glauben an die Bilder zurückgegeben, ja sein Leben gerettet habe: „Das ist keine Übertreibung. Wäre es mir nicht gelungen, diesen Film zu machen, wäre es wahrscheinlich endgültig mit mir vorbeigewesen.“

Ich denke aber, die Liebe zu Liv Ullmann hat das geleistet und das gemeinsame Kind Linn. Warum hat er darüber nie einen Film gedreht?

Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Persona_(Film).

 

 

 

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