Konfuzianismus heute

Kürzlich habe ich bei einem „Neujahrsempfang“ einen Vortrag über meine letztjährigen Erfahrungen in China gehalten. Da kam die Frage auf, welche Rolle Konfuzius in der Gegenwart spielt.

Nun habe ich zwar einige Konfuzius-Tempel besucht und mit Chinesen darüber gesprochen, aber ich bin natürlich kein Sinologe. Selbst die haben kaum soziologische Untersuchungen aus der Volksrepublik.

In diesem Zusammenhang habe ich aber noch einmal das faszinierende Buch „Konfuzius – Der Mann und die Welt, die er schuf“ des amerikanischen Sinologen Michael  Schuman (Kösel Verlag München 2016, 448 Seiten) gelesen. Er beschreibt nicht nur, was wir vom „historischen Konfuzius“ wissen, sondern vor allem, wie er in über 2500 Jahren interpretiert und benutzt wurde. Man sieht, wie vor allem die Kaiser sich diese Philosophie für die Absicherung ihrer Herrschaft nutzbar gemacht haben. Und das geschieht eben auch gegenwärtig, vor allem in Singapur und Korea, aber auch in der formal kommunistischen Volksrepublik.

Michael Schuman, der in Peking lebt,  schreibt:

„Der Konfuzius, den wir heute kennen, ist keine Exklusivschöpfung der Chinesen. Der moderne Konfuzius ist »ein Produkt, das von vielen Händen über viele Jahrhunderte hinweg geschaffen wurde, von kirchlichen ebenso wie von ungläubigen, westlichen genauso wie chinesischen«, sagt der Historiker Lionel Jensen. Jensen geht davon aus, dass Konfuzius zum Teil eine Erfindung der jesuitischen Missionare ist, die im 16.Jahrhundert nach China kamen. Als sie versuchten, diese neue und fremde Zivilisation zu verstehen, fabrizierten sie einen dazu passenden »-ismus«, dessen Begründer natürlich ein großer Heiliger sein musste. So hatten das selbst die Chinesen noch nicht gesehen. Tatsächlich ist der Name Konfuzius eine jesuitische Schöpfung, die seltsame Übertragung des chinesischen Kong fuzi, eine (selten verwendete) Bezeichnung, die einfach »Meister Kong« heißt. Kong war sein Familienname. Der Konfuzius, den wir kennen, so Jensen, ist auf jeden Fall eine »Erfindung der westlichen Einbildungskraft«. S.15

Als die Kommunistische Partei 1949 ans Ruder kam, wurde die patriarchalische Gedankenwelt des antiken Philosophen geschmäht, die vom dritten Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs 1912 die Staatsdoktrin war. Bis zur „Kulturrevolution“ wurde Konfuzius in der Volksrepublik China bekämpft. Mao rühmte sich, dass er mehr konfuzianische Gelehrte umgebracht habe als der „Erste Kaiser“. Heute sind in mehreren hundert Schulen Kinder anzutreffen, die vor Standbildern des alten Lehrmeisters den Kopf verneigen: „Wir verehren dich, Meister Konfuzius! Danke für deine Lehren und dein Mitgefühl!“, singen 30 Kinder in einer konfuzianischen Schule. Sie sind erst zwei bis sechs Jahre alt. Ihre Eltern versprechen sich vom Unterricht in der Privatschule, dass die Kleinen traditionelle Werte wie Respekt und Achtung vor der Familie vermittelt bekommen. Die Eltern zahlen im Halbjahr umgerechnet rund tausend Euro, um den Kindern die konfuzianische Bildung angedeihen zu lassen.

Die Fähigkeiten zum Auswendiglernen sind zwischen zwei und sechs ausgezeichnet“, schwärmt die Rektorin der Schule. „Dann säen wir die Samen des Mitgefühls und des Respekts vor Eltern und Lehrern.“ Wenn die Kinder sechs seien, habe die Schule schon ihre Hauptaufgabe erfüllt, die „klassischen Lehren“ des Konfuzius zu vermitteln. Es handelt sich um mehrere hunderttausend chinesische Schriftzeichen. Nebenbei lernen die Buben chinesisches Schach, die Mädchen die Welt der Tee-Zeremonien.

Auch der eigene Geburtstag wird zum Lehrstoff. „Denke daran, dass deine Mutter an diesem Tag schwer gelitten hat, indem sie dich zur Welt brachte“, sagt die Lehrerin einem verschüchterten Buben, der vor seiner Großmutter kniet. „Es war sehr schmerzhaft.“ Diese Schule ist nach „Dizigui“, einem Lehrbuch aus dem 17. Jahrhundert, benannt. Das vom Konfuzianismus geprägte Werk lehrt blinden Gehorsam gegenüber den Eltern und den Älteren.

Dass Korruption und Umweltverschmutzung auch durch einen „Mangel an moralischer Führung“ verursacht seien, meint Michael Schuman. Das passe gut mit den Vorbehalten der chinesischen Regierung gegen westliche Einflüsse – „besonders Demokratie und Menschenrechte“ – zusammen. In dieser Sichtweise sei „traditionelle chinesische Kultur ein Bollwerk gegen ausländische Ideen“.

Präsident Xi Jinping lässt Aussprüche des Konfuzius in seine Reden einfließen, der Konfuzianismus ist in die Propaganda der Regierung in Peking eingegangen. Insbesondere das Konzept einer „harmonischen Gesellschaft“, in der es keine Opposition gibt, gefällt der Kommunistischen Partei.

In der „Entwicklungsdiktatur“ Singapur ist vielleicht der heutige Konfuzianismus politisch und ökonomisch am erfolgreichsten. Allerdings regt sich dort Widerstand unter den nichtchinesischen Bevölkerungsgruppen. (Ich finde diese supersaubere Stadt schrecklich, aber ich war nur für drei Tage dort.)

Ich denke, es ist mit Konfuzius ähnlich wie mit Jesus.  (Viele ihrer Lehren ähneln sich ja. Man denke an die „Goldene Regel“.) Es kommt darauf an, was man daraus macht.

 

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