Trauung für gleichgeschlechtliche Paare

Mein Kirchengemeinderat hat mich gebeten, über die gegenwärtige Debatte zur „Homoehe“ in der Evangelischen Landeskirche Württemberg zu berichten. Ende November 2017 hatte die württembergische Synode über das „Kirchliche Gesetz zur Einführung einer Ordnung der Amtshandlung anlässlich der bürgerlichen Eheschließung zwischen zwei Personen gleich Geschlechts“ abgestimmt. Die für dieses Gesetz erforderliche Zweidrittelmehrheit wurde knapp verfehlt (62 Ja-Stimmen/ 33 Nein-Stimmen/ 1 Enthaltung). (Warum eigentlich genügt  nicht die einfache Mehrheit?)

Ich bin weder direkt betroffen noch Experte, schlage aber drei konkrete Schritte vor.

Erstens: Die beiden Synodalen unseres Kirchenbezirks werden in eine öffentliche Veranstaltung eingeladen, damit die Diskussion nicht nur in den Medien stattfindet.

Zweitens: Unsere Gemeinde tritt der „Initiative Regenbogen“ bei und erklärt damit öffentlich, dass lesbisch und schwule Menschen willkommen sind. Dazu habe ich für die „Offene Kirche“ die Sprecherin Judith Quack interviewt:

Seit wann bist du im Kirchengemeinderat? Was verbindet dich mit der Initiative Regenbogen?

Grundsätzlich: Wir sprechen nicht von Regenbogengemeinden, sondern von Gemeinden, die sich der Initiative Regenbogen anschließen. Ich bin Kirchengemeinderätin in der Auferstehungskirche  Reutlingen seit 2013. Im Sommer vor einem Jahr gründete sich die Initiative Regenbogen mit dem Anliegen, dass sich Gemeinden dazu bekennen,

–    dass sie offen sind für Lesben und Schwule,

–    dass homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern im Pfarrhaus wohnen können und

–    dass sie eine Segnung von Lesben und Schwulen befürworten.

Unsere Gemeinde hat sich ohne große Diskussion dieser Initiative angeschlossen. Als im Sommer 2016 das erste Treffen der ersten Gemeinden stattfand, war ich bereit, als Ansprechpartnerin für interessierte Gemeinden die Initiative zu vertreten.

Wie viele Gemeinden haben sich bisher angeschlossen?

Zur Zeit gibt es dreißig Gemeinden, die sich der Initiative angeschlossen haben. Sie wollen eine völlige Gleichstellung von Lesben und Schwulen in der Kirche. Die Presse zeigt sie immer mal wieder interessiert, die Landeskirche hat meines Wissens nie reagiert. Es gab einen intensiven Schriftwechsel mit “Confessio”, einem Zusammenschluss von Pfarrerinnen und Pfarrern in der Württembergischen Landeskirche, die sich ganz der Bibel verpflichtet fühlen. Wir von der Initiative haben ganz bewusst davon Abstand genommen, diesen Briefwechsel zu veröffentlichen.

Wieso engagierst du dich für gleichgeschlechtliche Partnerschaften?

Ich bin grundsätzlich gegen Diskriminierung von Menschen und habe als Kind und junge Frau gelegentlich diskriminierende Erfahrungen gemacht, die mich möglicherweise sensibilisierten. Auch unser Aufenthalt in Afrika hat mich für Diskriminierung weiter sensibilisiert. Ich finde, unserer Kirche steht es nicht gut an, irgend eine Gruppe in unserer Gesellschaft zu diskriminieren.

Was sagt dein Mann dazu? Er unterstützt mich. Ich wünsche mir, dass dieser beschämende Zustand in unserer Landeskirche bald beendet wird und zur Folge hat, dass viele Menschen und Gemeinden sich zur Initiative bekennen. Ich möchte alle Gemeinden dringend bitten, sich dieser Initiative anzuschließen.

Judith Quack, Sprecherin der Initiative Regenbogen: initiativeregenbogen@bkh-wue.de

Drittens: Der Kirchengemeinderat gestattet öffentliche Segnungen.

Viele evangelische Landeskirchen ermöglichen Trauungen oder öffentliche Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare. Es ist klar, dass nicht einfach die traditionelle Agende benutzt werden kann.

 

Liturgische Kreativität ist gefragt. Die meisten Landeskirchen bieten in ihren Handreichungen mehrere Formulierungen an. Wer sucht, findet im Internet viele gelungene Beispiele. Eine Auswahl:

Begrüßung: „Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der die Liebe ist, im Namen von Jesus Christus, der uns Gottes Liebe als Mensch gezeigt hat, und im Namen des Heiligen Geistes, der uns in Liebe verbindet“. (Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens (LS)).

„Liebe/r N.N. und N.N., liebe Festgemeinde, herzlich willkommen ihr beide und alle, die diesen Tag mit euch (hier in der x-Kirche) feiern. Wir bitten mit euch um Gottes Segen: Lebensraft, die wir uns nicht selbst geben können. Darum sind wir jetzt hier und feiern Gottesdienst: Im Namen Gottes, Ursprung und Ziel des Lebens im Namen Jesu Christi, Grund der Liebe, im Namen des Heiligen Geistes, Fülle des Lebens.“ Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck(KW))

Eingangsgebet: „Gott, Du Ursprung und Ziel unseres Lebens, wir danken Dir, dass Du uns ins Leben gerufen und uns Glück und Freude geschenkt hast. Wir danken Dir für das Geschenk der Liebe und für die wunderbaren Wege, auf denen Menschen zueinander finden. Wir bringen vor Dich unsere Bitte um Segen und Bewahrung. Lass gelingen, was wir jetzt im Vertrauen auf Deine Gegenwart begonnen haben, und segne uns  jetzt in dieser Stunde und an allen Tagen unseres Lebens. Amen (LS)

„Gott, Du, Weiter als alle Worte, Tiefer als jeder Abgrund, Höher als alle Gedanken. Anders als alle Bilder. Wir suchen dich. Wir brauchen dich. Wir bitte dich, dass Du hier bist. Zu dieser Stunde. In diesem Raum. Mit uns und besonders mit N.N. und N.N. An dem Ort, an dem wir deine Nähe suchen. Du – der uns längst gefunden hat, Gott. Du mit deiner Stärke und mit deiner Schwäche. Mit deiner Größe und mit deiner Zartheit. Mit deinen Wundern und mit deinem Schweigen. Höre uns, öffne uns, erfülle uns.“ (KW)

Lesungen: Markus 12,28-34; Kol.3,12-17; Koh.4,9-12; 1.Kor. 13 (LS). Ruth 1,16ff (KW)

Treueversprechen: „So bekennt euch nun dazu vor Gott und dieser Gemeinde. N.N., ich nehme dich als meine(n) Partner(in) aus Gottes Hand. Ich will dich lieben und achten, dir vertrauen und treu sein. Ich will zusammen mit dir erkannt und genannt werden. Ich will dir helfen und für dich sorgen. Ich will zusammen mit dir Gott und den Menschen dienen, solange wir leben. Dazu helfe mir Gott.“ (LS)

„Ihr liebt euch und habt euch füreinander entschieden. Darum frage ich euch vor Gott und dieser Gemeinde: N.N. willst du N.N. aus Gottes Hand nehmen? Willst du eure Liebe schützen und bewahren? Willst du N.N. mit Achtung begegnen? Willst du zu ihm/zu ihr stehen in guter und in schwerer Zeit bis ans Lebensende, so antworte: Ja (mit Gottes Hilfe)“. Wdh. (KW)

Segen: „Gott segne euch. Gott stärke euch in der Liebe zueinander und in der Treue füreinander. Gott beschütze Eure gemeinsamen Wege. So segne euch Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist.“ (LS)

„Gott segne euren Weg. Gott schütze eure Liebe. Gott schenke euch ein erfülltes Leben. So segne euch  Gott jetzt und allezeit. Amen (KW)

Das Fürbittengebet kann persönlich gestaltet werden. Oftmals beteiligen sich Verwandte und Freunde dabei. Man kann davon ausgehen, dass die meisten Paare schon einen mühsamen Weg durch Vorurteile und Anfeindungen hinter sich haben. Darum wäre ein Schuldbekenntnis für jahrhundertealte Diskriminierungen angebracht.

„Nach fast zwei Jahrtausenden schlimmster (manchmal sehr sublimer) Demütigungen und (z.T. blutiger) Verfolgungen homosexuell liebender Menschen durch die Kirche  bis in die Gegenwart – ist ein deutlicher Bußakt nötig, der eine neue Praxis im Zusammenleben mit homosexuell liebenden Menschen eröffnet.“ Arbeitspapier „Homosexuelle Liebe“ der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland, 1992

Als Lieder werden EG 65, 155, 170, 171, 209, 268, 272, 288, 321, 334, 395 u.a. vorgeschagen.

Es ist höchstwahrscheinlich, dass sich die Gemeinden in wenigen Jahren an gleichgeschlechtliche Ehen gewöhnt haben werden. Nicht nur die unmittelbar beteiligten Paare, sondern auch ihre  Familien sind dankbar für eine würdige und verantwortliche Gestaltung.

Ich gehe nach der Diskussion im Kirchengemeinderat Rottenburg mit einem guten Gefühl nach Hause. Ein solches Gespräch wäre in meiner aktiven Zeit in diesem Gremium noch nicht möglich gewesen.

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