Und führe uns nicht in Versuchung

Kürzlich brachte ich eine Gemeinde im Gottesdienst beim wie üblich gemeinsam gesprochenen „Vaterunser“ durcheinander. Wie peinlich, wenn man am Mikrophon vorbetet. Dieses Gebet habe ich ja wohl schon einige tausendmal gesprochen. Und dann „vergesse“ ich die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“. Werde ich zu alt? Oder nur eine Freud’sche Fehlleistung? Schließlich hatte mich früher schon einmal ein Mesner provokativ gefragt, warum ich die Bitte mit der Versuchung „falsch formuliere“.

Mittlerweile hat er prominente Unterstützung bekommen. „Und führe uns nicht in Versuchung“ – diese Zeile des Vaterunsers findet Papst Franziskus falsch. In Frankreich wurde das Gebet schon verändert. Bisher hieß es: „Und unterwerfe uns nicht der Versuchung.“ „Ne nous soumets pas à la tentation“. (Das klingt tatsächlich eher islamisch als christlich. Beten eigentlich Frankreichs Protestanten anders?) Nun heißt die Zeile: „Und lasse uns nicht in die Versuchung eintreten.“ „Et ne nous laisse pas entrer en tentation.“  Der griechische Urtext in Matth. 6,13 bzw. Lukas 11,4 ist eigentlich klar, aber eine Übersetzung bietet immer Variationsmöglichkeiten. „Versuchung“: Das griechische Wort „peirasmos“, das dem zugrunde liegt, hat ein weites Bedeutungsspektrum. Es kann neutral „Prüfung“, „Erprobung“ meinen – ohne böse Absicht. Es kann aber auch meinen, jemanden auf die Probe zu stellen – mit der Absicht, ihn zu Fall zu bringen. Letzteres ist gewiss nicht gemeint. Und das „hineinführen“? Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum, lehrt,  dass das entscheidende Verb auf Deutsch eindeutig „hineintragen, hineinbringen“ heiße. Das Subjekt, Gott, trägt die Menschen in etwas hinein, und zwar – eingeleitet durch die griechische Präposition „eis“(zu, hin) – in die Versuchung. „Versuchung steht im Akkusativ, ist also auch grammatikalisch als Ziel dieser Bewegung, dieses Hineintragens gekennzeichnet. „Bei Matthäus und bei Lukas steht exakt dieselbe Wendung; sie geht auf die Logienquelle zurück, die älteste Sammlung von Jesusworten“, so Söding. Der Sinn sei „unzweideutig“.

Wenn es tatsächlich ein Wort Jesu ist, könnte man auch auf seine aramäische Sprache zurückgehen. In einem alten aramäischen Abendgebet heißt es wörtlich übersetzt: „Bringe mich nicht in die Gewalt der Sünde und nicht in die Gewalt der Schuld und nicht in die Gewalt der Versuchung.“ Der Beter denkt dabei nicht, dass Gott ihn in Sünde, Schuld und Versuchung bringen will, sondern bittet um Bewahrung davor. Dr. George M. Lamsa, dessen Muttersprache Aramäisch ist, übersetzt diese aramäisch gedachte sechste Bitte so: „Lass uns nicht in Versuchung fallen! Oder: Führe uns, auf dass wir nicht in Versuchung fallen!“ Genau in diesem Sinn hat Jesus seine Schüler einen Tag vor seiner Hinrichtung gewarnt: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt!“ (Mk 14,38)

Der Neutestamentler Klaus Berger etwa schlägt eine andere Übersetzung vor. Seiner Meinung nach wäre es zutreffender, zu sagen: „Führe uns an der Versuchung vorbei.“ Auch der Theologe und Philosoph Rupert Lay bietet eine Alternative: „Und führe uns auch in der Versuchung!“

Eine ganz andere Variante findet sich bereits in der „Bibel in gerechter Sprache“. Dort ist diese Bitte des Vaterunsers so übersetzt: „Führe uns nicht zum Verrat an dir!“

Mittlerweile hat eine muntere Debatte eingesetzt, die über Übersetzungsfragen hinausgeht.

Der Jesuit Klaus Mertes kürzlich im Deutschlandfunk: „Man wird das Problem nicht los, wenn man die Vaterunser-Bitte verändert. Nur ein Beispiel: Jesus  wird vom Geist in die Wüste geführt, damit er dort versucht wird. Gemeint ist der Geist Gottes, also dass Gott das Subjekt des Schickens in die Wüste ist, wo der Ort der Versuchung ist, ist ein biblisches Motiv. Unbestreitbar… Warum bin ich krank? Warum fühle ich mich gottverlassen? Warum ist meine Ehe geschieden? Alle diese Fragen führen mich in eine Vertrauensfrage an Gott und das ist eine schwere Prüfung für jeden Menschen, der gläubig ist. Und das einfach damit zu lösen, dass man sagt: Gott hat damit gar nichts zu tun, das finde ich, ist eine zu leichte Lösung.“

Der evangelische Theologe Christoph Markschies: „Gott führt in Situationen, in denen die Menschen leicht in Versuchung geraten können. Die Versuchung selbst hingegen vollzieht der Teufel. Im Fall des Jesus von Nazareth absolut erfolglos übrigens. Jesus widerstand allen Verlockungen. Die zweifelhafte Macht, die der Teufel ihm verhieß, lehnte er dankend ab – mit Hinweis darauf, dass allein Gott die Macht zustehe. Jenem Gott also, der die Menschen manchmal in Situationen hineinstellt, die Entscheidungen fordern. Jenem Gott, von dem die Gläubigen nur Gutes erwarten – der aber bisweilen schwer verstehbare Wege empfiehlt.“

Natürlich kommen jetzt wieder die „Verschwörungstheologen“, die böse Machenschaften der Kirche am Werke sehen. Der Journalist Franz Alt sagt, er sei überzeugt, dass „die Hälfte der Jesusworte, so wie sie in unseren Bibeln stehen, falsch übersetzt oder gar bewusste Fälschungen sind“. So kann man sich alles gefällig zurechtbiegen.

Ich bleibe vorerst bei der Erklärung Martin Luthers zur sechsten Bitte in seinem Kleinen Katechismus: „Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.“

Vielleicht sollten wir Pfarrer öfter mal über eingefahrene Formulierungen stolpern, damit wir das wichtigste Gebet der Christenheit nicht einfach herunterleiern.

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