Trauung nicht für alle

Die Synode der Landeskirche Württemberg hat jegliche Trauung gleichgeschlechtlicher Mitglieder abgelehnt. Ein Kompromissantrag des Oberkirchenrats scheiterte an  zwei Stimmen. Erstmals habe ich mir dank Internet die Debatten angehört. Mich wundert, dass die meisten Synodalen vor allem vorbereitete Beiträge vorgetragen haben. Man ging kaum aufeinander ein, Argumente wurden nicht wirklich ausgetauscht. Der rückwärts gerichtete Blick auf „Bibel und Bekenntnis“ genügte vielen.

Mich erstaunt selbst rückblickend, dass ich mich in den sechziger Jahren weder in der Schule noch an der Universität mit diesen Fragen auseinandergesetzt habe. Homosexualität war einfach ein Tabu. Das änderte sich in den siebziger Jahren im Vikariat. In meiner Ausbildungsgruppe war ein schwuler Kollege, dessen Lebens- und Leidensweg mir imponierte. Er machte mich auf die lange währende Diskriminierung aufmerksam. Ich musste umdenken und verstand, dass gerade die selbst nicht Betroffenen sich engagieren sollten, damit schwule und lesbisch liebende Menschen sich nicht ständig in selbst verteidigen müssten. Inzwischen hatten sich Gruppen wie „Homosexualität und Kirche“ gebildet, die verstärkt ihre Rechte einforderten. Auf dem Nürnberger Kirchentag 1979 gab es erstmals in großen Versammlungen kontroverse Debatten. Schon damals hinkte die kirchliche Debatte zehn Jahre hinter der gesellschaftlichen her.

Inzwischen war ich Studentenpfarrer und konnte in vielen Gruppen der Studentengemeinde (ESG) eine Neuorientierung in der christlichen Ethik mitgestalten. Wichtig war damals das Buch des Düsseldorfer Pfarrers Hans Georg Wiedemann „Homosexuelle Liebe“. Von 1973 bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2001 war er Gemeindepfarrer. Er war Lehrbeauftragter für Praktische Theologie in Bonn, Lehrbeauftragter für Sexualethik, Synodalbeauftragter für Homosexuelle des Kirchenkreises Düsseldorf-Ost, gehörte zum Vorstand der Telefonseelsorge in Düsseldorf.

Für mich sind seitdem die theologischen und ethischen Grundlagen geklärt. Allerdings sind die Diskriminierungen nicht beendet. Weder in der Gesellschaft, aber auch nicht in der Kirche und schon gar nicht in der Ökumene. Es wirken eben selten rationale Argumente, sondern tief  sitzende Komplexe, die man besser im vertraulichen Gespräch überwinden kann. Dennoch sind öffentliche Kundgebungen wichtig.

Deswegen finde ich aktuell den Antrag Nr.36/17 des Synodalen Dr. med. Harald Kretschmer wichtig: „Bitte um Vergebung für Unrecht, das von unserer Kirche an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde“.

Da die Begründung in der Regel öffentlich nicht publiziert wird, möchte ich daraus zitieren:

„Während der vergangenen 25 Jahre hat sich in der theologischen und der juristischen Wissenschaft, in den Naturwissenschaften sowie in den Lebenswissenschaften (Neurowissenschaften, Psychologie, Medizin u. a.) die Haltung zu Homosexualität und zu gleichgeschlechtlich orientierten Menschen deutlich verändert. Das erleben wir auch in den evangelischen Landeskirchen und im freikirchlichen Bereich. Viele Organisationen zur „Reparativen Therapie“ lösten sich auf und entschuldigten sich für den verheerenden Schaden, den sie durch ihre Behandlungsmethoden bei homosexuell empfindenden Menschen angerichtet hatten, ohne überzeugende Belege für die Wirksamkeit ihres „Heilungsansatzes“ vorlegen zu können…

Es war unfassliches Unrecht, das während der Zeit des Nationalsozialismus homosexuellen Menschen angetan wurde bis hin zur Ermordung tausender homosexueller Männer in Konzentrationslagern. Homosexuelle Männer gehören zu der nicht-rassistisch verfolgten Häftlingsgruppe mit der höchsten Sterblichkeit in den Konzentrationslagern. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Bundesrepublik Deutschland gleichgeschlechtlich orientierte Menschen kriminalisiert, pathologisiert und als sündig denunziert.

Die Kirchen, auch unsere Württembergische Ev. Landeskirche, traten weder in der Zeit des Nationalsozialismus noch in der Nachkriegszeit eindeutig und klar für homosexuelle Menschen und gegen ihre Verfolgung und Ermordung ein. Gegen die Herabwürdigung und Verachtung von Homosexuellen durch weite Teile der christlichen Kirchen gab es im sog. Dritten Reich lediglich Einzelaktionen von wenigen Christen.

Auch nach dem Krieg wurde in beiden deutschen Staaten ohne Widerstand der Kirchen weiterhin gegen Homosexuelle ermittelt. Die christlichen Kirchen spielten gar eine Schlüsselrolle bei der Legitimierung der strafrechtlichen Verfolgung Homosexueller und bei der expliziten Forderung nach deren strafrechtlicher Verfolgung. Selbst Homosexuelle, die das KZ überlebt hatten, wurden erneut verurteilt – ohne jeden Protest durch die Kirchen.

Pater Michael Lapsley, Leiter des südafrikanischen „Institute for the Healing of Memories“ und Unterstützer der Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, sagte in der Predigt beim Abschlussgottesdienst der ÖRK-Vollversammlung 2013: „Heute möchte ich als Christ, als Priester allen in der Gemeinschaft der gleichgeschlechtlich Orientierten sagen, dass ich unser Verhalten als religiöse Menschen an dem Schmerz, den sie über Jahrhunderte hinweg erlebt haben, zutiefst bedauere. Ich habe den Traum, dass ich noch zu meinen Lebzeiten hören kann, wie alle Führungspersonen aller unserer großen Glaubenstraditionen sich auf gleiche Weise entschuldigen.“

Dieses Zitat gibt sehr klar die Meinung der übergroßen Zahl der Teilnehmer an der Vollversammlung des ÖRK, der Delegierten der EKD sowie auch die Meinung unserer württembergischen Beobachtergruppe wider.

Es ist an der Zeit, dass sich unsere Kirche endlich zu ihrer Schuld gegenüber homosexuellen Menschen bekennt, auch dazu, sich nicht oder nicht klar genug für diese eingesetzt zu haben.

Es ist an der Zeit, dass wir als Württembergische Ev. Landeskirche die Gemeinschaft der gleichgeschlechtlich orientierten Menschen um Verzeihung bitten. „Die Kirche ist“, so Dietrich Bonhoeffer, „den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören“.

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