Toten- und Ewigkeitssonntag

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr heißt in der Evangelischen Kirche  wahlweise Toten- oder Ewigkeitssonntag mit getrennten Liturgieanweisungen. Wir erlebten gestern eine sinnvolle Kombination von beidem. Man spürt, dass zwei Kirchengemeinderätinnen dem Pfarrer zur Seite stehen.

Der Altar ist schwarz zugedeckt. Violine und Orgel stimmen uns ein. Wir singen das schwierige, aber  textlich überzeugende Lied (EG 534) „Herr, lehre uns, dass  wir sterben müssen…“ Man hört, dass viele gekommen sind, die in diesem Jahr Angehörige verloren haben. Deren Namen werden gruppenweise verlesen. Viele kommen nach vorn, um eine Kerze anzuzünden. Stille und klassische Musik geben Raum zur Meditation. Ich habe glücklicherweise niemanden verloren, denke aber an die vielen Toten, die ich im Laufe der Zeit verabschieden musste. Nach der Bibellesung holt das Liturgieteam das schwarze Tuch ein und legt ein weißes Parament auf. Der innere Blick geht nun nicht mehr zurück, sondern nach vorn.

Der Pfarrer nimmt in seiner Predigt die Trauer der Menschen auf und wendet sie in Freude auf den kommenden Gott. Naturgemäß fallen ihm mehr Klagen als Lobpreisungen ein. Seltsam finde ich, dass er mit einer Art Weihnachtsgeschichte von Kurt Marti schließt. Längere verlesene literarische Passagen finde ich in Predigten immer problematisch. Ich möchte angesprochen werden und keine Vorlesung hören. Der Dichterpfarrer aus Bern zählt  auch zu den Toten dieses Jahres. Seine „Leichenlieder“ haben mich bei vielen Beerdigungen angeregt. Das folgende hätte auch in diesem insgesamt sehr überzeugenden Gottesdienst gut gepasst.

„als sie mit zwanzig

ein kind erwartete

wurde ihr heirat

befohlen.

als sie geheiratet hatte

wurde ihr verzicht

auf alle studienpläne

befohlen

als sie mit dreißig

noch unternehmungslust zeigte

wurde ihr dienst im hause

befohlen

als sie mit vierzig

einmal zu leben versuchte

wurde ihr anstand und tugend

befohlen

als sie mit fünfzig

verbraucht und enttäuscht war

zog ihr mann

zu einer jüngeren frau

liebe gemeinde

wir befehlen zu viel

wir gehorchen zu viel

wir leben zu wenig.“

Zum Schluß strahlt die Kirche nach „Taizé-Art“ im Schein der vielen Kerzen. Ich denke: Es hat sich doch viel getan. Als ich 1969 nach Württemberg kam, wurde ich belehrt, dass die beiden Altarkerzen nur zu Ostern angezündet werden. So sparsam waren die Schwaben damals.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s