Ehe für alle?

Wichtige Fragen der evangelischen Kirchen werden in demokratisch gewählten Kirchenparlamenten (Landessynode) beraten und entschieden. Nächste Wochen stehen beispielsweise Anträge zur „Ehe für alle“ auf der Tagesordnung. Der Gesprächskreis „Offene Kirche“ hat dazu einen Antrag vorgebracht.

https://www.offene-kirche.de/thema.html?&cHash=4f392441a0a0de178a0938efd802c75a&tx_ttnews%5Btt_news%5D=435

Offenbar geht es schon vorher in manchen Kreisen hoch her. Manche Evangelikale wollen den „Bekenntnisnotstand“ ausrufen und drohen mit Kirchenaustritt. Immer wieder wird natürlich die Bibel bemüht. Dazu hat der Tübinger Theologe Professor Volker Drecoll einen Brief an alle Synodalen geschrieben, der gestern bei einem Vorbereitungsabend im Tübinger „Haus der Kirche“ diskutiert  wurde. Darin heißt es:

„Das evangelische Schriftprinzip richtet sich gegen jeden Anspruch, bestimmte Regelungen quasi als „göttliches Recht“ auch unter Menschen durchzusetzen und sie für irgendwie heilsrelevant zu erklären. Das gilt insbesondere für Regeln, die die Ethik betreffen. Die Kircheneinheit bestimmt sich nicht von ethischen Normen her, sondern von dem, was als äußere Klarheit (claritas externa) in der Schrift einhellig bezeugt und in innerer Klarheit, d.h. im Glauben ergriffen wird: Dass Gott dreieinig ist, der Gottessohn Mensch geworden ist, für uns gelitten hat und auferstanden ist, und dass er wiederkommen wird in Herrlichkeit. So Luther 1525. Das sollte im Herbst 2017 auch unsere Einheit begründen, nichts anderes.

Das Schriftprinzip enthält eine Forderung, nämlich die, die Bibel nicht wie ein Gesetzbuch zu benutzen. Darin macht es stark, was Jesus selbst verkündigt hat. Jesu Interpretation der Bergpredigt und seine Auseinandersetzung mit kasuistischen Auslegungsmethoden des Gesetzes haben ein für allemal den Weg verstellt, die Gottesbeziehung nur für gegeben zu halten, wenn dieses oder jenes so oder so getan oder gelassen wird. Orthopraxie als Garant der Gottesbeziehung hat ausgedient. Das gilt gerade auch für die Sexualität. Die Gewissensentscheidung des einzelnen ist unhintergehbar, die Schärfung der Gewissen und die Förderung der inneren Freiheit sind daher die zentralen Leitlinien einer christlichen Ethik…

Das bedeutet nicht weniger, als dass materialethische Entscheidungen nicht mit diesem oder jenem Bibelvers begründet werden können. Denn dann würde man aus der Bibel einen Kanon göttlichen Rechts machen – und nicht das lebendig machende Evangelium.

Die Kirche hat in ihrer Geschichte höchst unterschiedliche Formen von Ehe erlebt. Sakrament war sie nur im hohen Mittelalter und ist es dann ab dem 16. Jahrhundert im römisch-katholischen Bereich geblieben, seit 1520 ist sie in den lutherischen Kirchen kein Sakrament mehr, und darin waren sich die verschiedenen Reformatoren alle einig. Schon das sollte uns vorsichtig machen, in den Gestaltungsformen der Ehe eine Frage zu sehen, die den Bekenntnisstand bedroht oder die Kircheneinheit in Frage stellt.

Die bürgerliche Eheschließung zweier Menschen gleichen Geschlechts ist in der Bibel mit nicht einem Wort erwähnt, denn das ist eine Lebensform, die es als institutionell geregelte Lebensweise in der Antike so schlicht nicht gab. Es ist eine Neuerung unserer Zeit, auf die wir heute als Kirche eine Antwort finden müssen. Die Frage, der sich die Kirche heute stellen muss, ist die: Versagt sie zwei Protestanten, die staatlich verheiratet sind, die Segnung, nur weil sie Männer oder Frauen sind?

Die aktuelle Entwicklung unserer Gesellschaft hat die Institution Ehe tiefgreifend verändert. Sie hat das getan, weil man heute andere Einsichten in die Rolle der Geschlechter hat als zu biblischen Zeiten. Man kann daher angesichts des heutigen Stands der Wissenschaften nicht einfach darauf verweisen, dass die Ehe von Gott gewollte Schöpfungsordnung nur in dem Sinne sein kann, dass es sich um eine Ehe zwischen Mann und Frau handelt.“

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