Ein Leben für die Wahrheit

Das SWR-Fernsehen hat drei Freunde Hartmut Gründlers auf den Tübinger Bergfriedhof gebeten, um ein Interview an seinem Grab aufzunehmen. Vor 40 Jahren hatte er sich am Buß- und Bettag aus Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung in Hamburg verbrannt. Wir laufen ein paarmal vor dem Grab hin- und her. Dann können wir kurze Erklärungen abgeben. Natürlich werden nur winzige Ausschnitte in der SWR-Abendschau zum Schluss gesendet.

http://www.swrmediathek.de/player.htm?show=28aeed50-cb59-11e7-a5ff-005056a12b4c

Das Schwäbische Tagblatt bringt einen guten Artikel, aber sonst findet der Anlass in den Medien wenig Resonanz.

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Vor-40-Jahren-verbrannte-sich-der-Tuebinger-Atomkraftgegner-Hartmut-Gruendler-in-Hamburg-353623.html

Ich habe noch einmal meine Aufzeichnungen von 1977 herausgekramt. Da schreibe ich: „Mit der Zeitungsnachricht kam sein letzter Brief. Ich ging sofort zur Zeitung und überbrachte Kopien der letzten Schreiben Gründers. Der zuständige Redakteur war offensichtlich unwillig. „War das nicht ein Psychopath?“ lautete seine erste Frage. Trotz meiner Bemühungen ließ er sich kaum vom Gegenteil überzeugen. „Na, wenn Sie meinen, wollen Sie nicht den Nachruf schreiben?“ Ich setzte mich gleich hin und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Es gelang kaum. Dann studierte ich noch einmal seine Briefe, Flugblätter und Artikel. Schließlich rundete sich das Bild. Am Tag der Beerdigung erschien eine Sonderseite. Aber nur im Tübinger Teil. In andern Zeitungen wurde geschwiegen oder Pflichtübungen erledigt. Die Familie bat mich um die kirchliche Beerdigung. Man wollte einen möglichst kleinen Kreis. Aber nun wurden die Umweltschützer aktiv. Prominente meldeten sich an. Der Sarg sollte durch Deutschland geleitet werden, was die Friedhofsverwaltung schier überschnappen ließ. Die Polizei befürchtete Ausschreitungen, das Fernsehen freute sich anscheinend schon darauf. Schließlich einigten sich die verschiedenen Gruppen mit der Familie auf eine Feier. Als es aber losgehen sollte, hatte man den Organisten vergessen. Obendrein waren verschiedene Anfangszeiten veröffentlicht worden, sodass laufend Leute dazu strömten…. Nach meiner kurzen Ansprache folgten die Nachrufe, bescheiden, dezent und auch ohne Absprache einander ergänzend. Keiner nutzte die Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Dann geleiteten wir den Sarg zum Grab. Das Buch des Bundeskanzlers Schmidt „Als Christ in der politischen Entscheidung“ war tatsächlich draufgenagelt, was alle Fotografen anzog. Unterwegs nahmen einige Umweltschützer den Trägern den Sarg ab; offensichtlich ohne Absprache, denn diese schüttelten zunächst den Kopf. Zum Glück stolperte keiner ins Grab. Dort gab es noch einmal einige Nachrufe, die aber im Wind verflogen. Nach der Beerdigung trank ich noch einen Kaffee mit der Familie Gründlers: sehr interessante und nachdenkliche Leute, die aber auch froh waren, dass nun alles vorbei war. Die Diskussionsveranstaltung später im Audimax der Universität war dann trotz  der Experten ein Trauerspiel. Babylonische Sprachverwirrung total. Der Obsthändler und Rebell Helmut Palmer stürmte wütend hinaus mit den Worten: „Wenn Hartmut das hörte, würde er sich im Grab umdrehen.““

In meinem Nachruf für die Zeitung schloss ich mit einem Gedicht Gründlers:

„Da Friede sich auf Ehre, Ehr  / sich auf Wahrheit gründet,

Sind Friede, Ehre, Wahrheit / auf Lebenszeit verbündet.

Soll Fried und Ehre kommen / vom Tod zu neuem Leben,

muß Wahrheit aus dem Grab / als erste sich erheben.“

 

Am Nachmittag lädt Wolfgang Wettlaufer zu einem Gedenken in das Gemeindehaus der Eberhardskirche mit Texten und Bildern von Gründler. Nur  wenige Leute kommen. Ich zitiere dort dieses Gedicht.

Fünf Jahre zuvor gab es eine bedeutendere Veranstaltung, die ausführlich dokumentiert ist. Besonders den Beitrag von Franz Alt finde ich noch immer aktuell.

http://umweltzentrum-tuebingen.de/downloads/DokumentationH.GruendlerGedenkenTuebingen.pdf

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