Friedensdekade: Streit!

Morgens versalzt mir die „Süddeutsche Zeitung“  mit einem Anti-Anti-Atomwaffen-Kommentar das Frühstück. Da bekommt die atomkritische Initiative ICAN den Nobelpreis und ein Politikwissenschaftler schwadroniert über  die Abschreckungskraft der Atom“waffen“, die ja in Wirklichkeit Massenvernichtungsmittel sind. Soll ich darauf mit einem Leserbrief reagieren? Ich unterschreibe lieber die Petition von ICAN.

Im Juli dieses Jahres haben 122 Staaten bei den Vereinten Nationen ein Atomwaffenverbot beschlossen, seit September kann es unterschrieben werden. Die Bundesregierung boykottiert dieses Abkommen jedoch bislang. Für Deutschland würde der Beitritt bedeuten, dass die US-Atombomben aus Büchel abgezogen werden müssten. Schon im Jahr 2010 hatten die Bundestagsfraktionen von Union, SPD, FDP und Grünen gemeinsam den Abzug gefordert. Bis heute ist dies allerdings nicht passiert, die Atomwaffen sollen sogar modernisiert werden.

ICAN Deutschland hat zusammen mit IPPNW Deutschland (Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges) und der Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ eine Petition an die künftige Bundesregierung gestartet, für den Beitritt zum internationalen Atomwaffenverbot: www.nuclearban.de/petition.

Abends gehe ich in den Schalom-Gottesdienst der Friedensdekade zum Thema „Streit“. Es wird allerdings nicht gestritten, sondern darüber gepredigt. Außerdem gibt es reichlich Material zum Lesen. Das fällt mir auf: Die Werbungsmittel sind professioneller geworden, die Angebote vielfältiger. Aber das Publikum älter. Analysiere ich  das diesjährige Tübinger Programm genauer, bemerkt man viele Gottesdienste und Gebete, die sowieso zur üblichen kirchlichen Praxis gehören. Wenn man sich bewusst macht, welche Kriege derzeit toben, dann muten unsere Bemühungen zum Frieden reichlich harmlos an.

Anschließend schaue ich mir den neuen Film von Elisabeth Raiser „Kreisgang“ über ihren Vater, den Physiker und Philosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker an. Er war für mich als Schüler eine wichtige Identifikationsfigur, weil er christlichen Glauben und Naturwissenschaft zusammenbringen konnte. Seinetwegen bin ich 1965 als Schüler zum Kölner Kirchentag getrampt. Dort hielt er einen seiner bedeutenden Vorträge zum Thema Frieden, die mich (wie unsere ganze Generation) nachhaltig geprägt haben. Seine Idee zur „Weltinnenpolitik“ ist allerdings noch immer Utopie. Der Vorschlag eines „Friedens-Konzils“ wurde in wichtigen Ökumenischen Versammlungen aufgenommen. Meine Frage allerdings, warum er sich nicht an die UNO gewandt habe, bleibt offen. Dort fallen schließlich die entscheidenden Beschlüsse. Vermutlich lag ihm die Politik einfach nicht. Seine physikalischen Forschungen gerieten in Höhen, die man nicht mehr begreifen konnte. Seine philosophischen Gedanken landeten nicht zuletzt durch einen Indien-Aufenthalt in mystischer Tiefe. Mir wurde das schmerzlich bewusst, als er in den siebziger Jahren in der überfüllten Tübinger Stiftskirche einen Vortrag „Gott und Physik“ hielt. Nach zehn Minuten verstand ich nichts mehr. Der vielgerühmte „konziliare Prozess“ zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist zwar mittlerweile  in die Liturgie eingegangen, seine politischen Implikationen verdunsten allerdings.

Politische Veranstaltungen gibt es reichlich, wenn auch nicht unbedingt im Rahmen der Ökumenischen Dekade. www.friedensdekade.de.

Ich beziehe viele wertvolle Informationen von der Tübinger „Informationsstelle Militarisierung“ (IMI). Am kommenden Wochenende findet der IMI-Kongress zum Thema „Krieg im Informationsraum“ statt (Schlatterhaus, Österbergstr. 2, Tübingen) Alle Infos zum Kongress finden sich  hier:

http://www.imi-online.de/2017/09/20/krieg-im-informationsraum-2/

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