Judenfeindschaft überwinden

Aus meiner Predigt zum Reformationstag 2017:

Ich möchte nun gut evangelisch  ein Wort der Bibel zugrunde legen, das Martin Luther 1534 mit seinen Helfern original so aus dem Hebräischen Testament übersetzt hat:

Jesaja 43,1: „Und nu spricht der HERR/ der dich geschaffen hat Jacob / und dich gemachet hat Israel / Furcht dich nicht / denn ich habe dich erlöset / Ich habe dich bey deinem namen geruffen / Du bist mein.“

Wir kennen dieses Wort meistens als Denkspruch ohne den Auftakt „Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat Jakob und dich gemacht hat Israel“. Allein dieser Vers hätte die auch in Wittenberg seit dem 13. Jahrhundert verstärkt grassierende Judenfeindschaft überwinden müssen, die stattdessen der alte verbitterte Luther 1543 und 1546 noch böse auf die Spitze getrieben hat. Da gilt für ihn selbst und seine „Lutheraner“ (die er übrigens nicht wollte, er sprach immer von Christenheit) die in der Ersten seiner 95 Thesen geforderte Umkehr. Nach 2000 Jahren christlicher Judenfeindschaft ist es für mich die nachhaltigste Reform, dass wir seit 1945 erst zögernd auf Kirchentagen, im christlich-jüdischen Dialog aber dann kräftiger diesen Antisemitismus überwinden. Es müssen nur noch mehr einstimmen in die Kampagne der EKD von 2005 „Antisemitismus? Wir haben was dagegen!“. Evangelische Theologie ist eben immer auch Selbstkritik und wir können froh sein, dass Luther den Heiligenkult abgeschafft hat, auch den um seine Person.

Am 11. November 2015 veröffentlichte die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Bremen die lange erwartete „Kundgebung“ über Martin Luther und die Juden. Die 14 Punkte des mehrere Seiten langen Papiers sind in drei Teile gegliedert: Bedrängende Einsichten, Belastendes Erbe, Erneuernder Aufbruch. Der entscheidende Satz steht im dritten Teil unter  Punkt 10 und lautet: „Luthers Sicht des Judentums und seine Schmähungen gegen Juden stehen nach unserem heutigen Verständnis im Widerspruch zu dem Glauben an den einen Gott, der sich in dem Juden Jesus offenbart hat.“

Diese Distanzierung bezieht sich nicht nur auf Luthers antisemitische Schriften, sondern auf seine Sicht des Judentums, die wir auch in seinen exegetischen und anderen theologischen Schriften und sonstigen Äußerungen finden.

Der Wortlaut der EKD-Erklärung findet sich unter http://archiv.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html

In diesem Jesaja-Wort aus dem Exil, Babylonische Gefangenschaft der Juden genannt, spüren wir die Liebe Gottes für die, die heimatlos in dieser Welt sind. Und wenn wir wissen, dass zuerst zu den Juden dieses Wort gesagt ist, dann dürfen wir es auch für andere und sogar für uns hören.

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