Reformation in Rottenburg am Neckar

Zur Vorbereitung meiner Predigt am Reformationstag morgen schaue ich mir an die „Streiflichter aus einer aufregenden Epoche: Luthers Lehre fand einst in Rottenburg viele Anhänger“. Ich danke Ursula Kuttler-Merz für die Abdruckgenehmigung.

Schon im 15. Jahrhundert gab es in Rottenburg Priestersöhne. 1469 verbot der Konstanzer Bischof den Klerikern „den Umgang mit Weibern“, und 1485 musste der Bischof auf Veranlassung der österreichischen Regierung und des Rats zu Rottenburg „der dortigen Geistlichkeit wegen schlechten Lebenswandels und nachlässiger Amtsverwaltung“ neue Statuten verleihen – frühe Zeichen religiösen Verfalls.

Der Lebenswandel gewisser Rottenburger Geistlicher ließ indes weiterhin zu wünschen übrig: 1518 feierte der neu geweihte Priester und Stiftskanoniker Wolf Sigmund Baur – Sohn eines Chorherrn von St. Moriz! – seine Primiz in der Morizkirche. Als Primizprediger kam vom Tübinger Franziskanerkloster der Lesemeister Johann Eberlin und verteidigte in einer zu Herzen gehenden Predigt die „unvergleichliche Würde und Unantastbarkeit des Priesterstandes“. Tags darauf wurde der Primiziant von Rottenburger Bürgern in der öffentlichen Badstube gesichtet – im Zuber zusammen mit Freudenmädchen und dem aus Horb stammenden Pfarrer Jakob Schütz. Die Kunde vom „Rottenburger Primizskandal“ verbreitete sich in Windeseile weit über die Landesgrenzen hinaus.

Kaiserliches Mandat abgerissen

Weit mehr in Ungnade fielen zahlreiche Rottenburger Priester ab den 1520er-Jahren, weil sie trotz strengen Verbots von allen Kanzeln der Stadt Martin Luthers Lehre verkündigten: in St. Martin wie in St. Moriz und später auch in der Karmeliterkirche.

Am 6. März 1523 erdreisteten sich aufmüpfige Rottenburger, das öffentlich ausgehängte kaiserliche Mandat Karls V „wider die lutherische Opinion“ abzureißen. Die meisten Tübinger hingegen verhielten sich weiterhin als brave Katholiken, allen voran die „Ehrbarkeit“ – die städtische Oberschicht. Auch die Universität hielt nichts vom Luthertum. 1523 versammelten sich die Bischöfe von Konstanz, Augsburg und Straßburg in Tübingen, um über die Abwehr der neuen Lehre zu beraten.

Judenschule für Katholiken

Pfarrer der Rottenburger St. Martin-Gemeinde war damals der um 1485 als Sohn eines einheimischen Fischers geborene Nikolaus Schedlin, der nach dem Theologiestudium an der Universität Freiburg tätig war und 1517 in seine Vaterstadt zurückkehrte. Er predigte Luthers Lehre und wurde 1528 vom Konstanzer Fiskal (Stellvertreter des Bischofs) angeklagt: Er sei „die Quelle aller Ketzerei in der Stadt“. Man warf ihm vor, in seinem Haus eine lutherische Schule eingerichtet zu haben, wo die biblischen Ursprachen Griechisch und Hebräisch gelehrt würden. Er habe einen aus Esslingen vertriebenen lutherischen Provisor und einen Juden aufgenommen und beherbergt. In dieser „Judenschule“ hätten auch zwei Pfarrhelfer (Kapläne) und der Chorherr Johann Eycher von St. Moriz Unterricht gehabt. Einer der Kapläne habe den päpstlichen Ablass für Trug erklärt und dabei den Tübinger Ablassprediger Dr. Martin Plantsch öffentlich beleidigt: Der „Täter“ wurde dann im Bauernkrieg gefangen und gehängt.

Schedlin predigte auch gegen die Zehntleistungen der Gläubigen an die Kirche. Und er wagte es im Mai 1527, die in Rottenburg zum Tod verurteilten und hingerichteten Täufer, entgegen der Vorschriften nicht zu verscharren, sondern in geweihter Erde auf dem Friedhof kirchlich zu bestatten. Trotz der vielen Anklagepunkte unternahm der Bischof von Konstanz nichts gegen den Rottenburger Pfarrer. Der Oberhirte war freilich selber angreifbar: Er hatte ein inniges Verhältnis mit Barbara v. Hof, der Ehefrau des Konstanzer Bürgermeisters.

Lügenhaftige Rottenburger Obrigkeit

Regierung und Stadtbehörden allerdings versuchten, Schedlin zur Aufgabe seines Priesteramts zu bewegen, da sie sich durch seinen Vorwurf „Ihr von Rottenburg seid alle lügenhaftig“ schwer beleidigt fühlten. Nikolaus Schedlin entschuldigte sich von der Kanzel, er konnte zwar Pfarrer bleiben, starb aber 1536 körperlich krank und seelisch gebrochen.

Andreas Keller, radikalster der einheimischen Reformationsprediger, war zeitweise Kaplan bei Schedlin. Der damals erst 21-jährige gebürtige Rottenburger gilt als einer der Vorbereiter des Bauernkriegs. Christus sei mächtiger als Kaiser, Fürsten, Papst und Bischöfe, predigte er: „Der Seele mögen sie nichts tun, ja wir sollen uns freuen, wenn diese elende Hudlengesind uns verfolgt – es ist eine mächtige Ehre bei Gott!“ Obendrein bestritt er die Heiligkeit der Gottesmutter und gestand Maria lediglich Vorbildfunktion im Glauben zu. Keller wetterte gegen „Hoffart, Pomp und Hochmut“ und forderte: „Stellet ab den Wucher, Saufen, Hurerei!“ Und es bestehe, so betonte er, kein Zehntanspruch „um unseres Herrgotts Mastsäue zu erhalten, die ihm ein Liedlein dafür gähnen!“

Im Gegensatz zu Katharina von Bora, die 1523 unter Androhung lebenslänglicher Kerkerhaft aus dem Zisterzienserinnenkloster Marienthron floh und 1525 Martin Luther heiratete, verliefen derartige Abschiede vom Klosterleben im österreichischen Rottenburg weit weniger dramatisch. Die Rottenburger standen voll hinter den Frauen und Männern, die ihr Ordensgewand an den Nagel hängten, die Herausgabe ihres mitgebrachten Vermögens forderten und heirateten. Ganz anders erging es einem Kaplan in Tübingen: Er wurde dort am 2. Juni 1525 mit dem Strang hingerichtet, weil er geheiratet hatte. Der Augustinermönch Matthias Remherr, der drei Jahre später ebenfalls Ehemann wurde, kam immerhin mit dem Leben davon, wurde aber aus Tübingen vertrieben.

Der Lesemeister des Tübinger Franziskanerklosters, Johann Eberlin, der in seinen Predigten ursprünglich „alles zur Stärkung der katholischen Religiosität“ getan hatte, trat der Reformationsbewegung bei und löste ein regelrechtes religiöses Erdbeben aus: Er plädierte für die Abschaffung von Ablässen, Pfründhäufung, Jahrtagen, Priesterprivilegien und Zölibat. Im Haus des Rottenburgers Andreas Wendelstein – später Hofschreiber und Bürgermeister – predigte er 1523 bei einem „Nachtmahl, dabei etlich gute Christen versamlet gewesen seind“.

Im selben Jahr schrieb Eberlin: „Ich hab mit freüden gehoert, zu Rottenburg seyen zwen ernstlich prediger des evangelion, Herr Licentiat Nicolaus Schedlin, Pfarrer, und Magister Johann Eycher. Got gebe, das gottes wortt bey euch wachse“. Chorherr Johann Eycher gehörte im Stift St. Moriz zur lutherischen Partei, der Probst war machtlos. 1527 tauschte der gebürtige Rottenburger Eycher seine Stelle mit dem Pfarrer von Wannweil, Kaspar Wölflin, der mit einer verheirateten Frau zusammen hauste.

Flüchtlinge aus Württemberg

Rottenburg wurde bald Zufluchtsort für Altgläubige aus dem 1534 evangelisch gewordenen Württemberg. Auch Dr. Ambrosius Widmann, Kanzler der Universität Tübingen, floh und trat ins Chorherrenstift St. Moriz ein. Er brachte das Universitätssiegel mit, so dass in Tübingen jahrelang keine ordnungsgemäßen Promotionen ausgeführt werden konnten. Die Glaubensflüchtlinge fanden in Rottenburg Aufnahme, mussten sich aber „gebührlich und unverweislich“ verhalten.

Nicht „gebührlich“ hatte sich ein Rottenburger Bürgersohn, der Karmeliterpater Jakob Bern, verhalten und wurde „wegen seiner aufrührerischen Lehr und Anhangs der neuen Sect“ aus diversen österreichischen Städten vertrieben. Er war im Rottenburger Karmeliterkloster erzogen worden und kehrte 1534 in seine Vaterstadt zurück – als Prediger mit großem Zulauf „des gemeinen Mannes“. Der Ordensgeistliche rüttelte seine Zuhörer auf: „Hütet euch vor den falschen Propheten, der Papst und seine Anhänger sind der Antichrist!“ Trotz zahlreicher königlicher Mandate konnte er sein „vergiffte lehr“ ein Dreivierteljahr lang verkündigen – die hohenbergische Verwaltung ließ ihn ungestört. Als König Ferdinand befahl, Bern zu „greiffen und mit geburlicher straf gegen ime verfahren“ wurde er rechtzeitig von der Obrigkeit (!) gewarnt und konnte nach Tübingen fliehen. Dort bewarb er sich bei Ambrosius Blarer für den Kirchendienst und wurde am 17. Juli 1535 erster evangelischer Pfarrer in Remmingsheim. Dorthin zogen nun die Rottenburger in Scharen zur Predigt – ins württembergische Ausland!

1537 lebten im Rottenburger Karmeliterkloster nur noch der Prior und ein Konventuale, die übrigen Mönche und Novizen waren entlaufen. Der Rottenburger Rat bat die österreichische Regierung vergeblich um Überlassung des Klosters als Arme-Leute-Spital, da „der Gottesdienst aufgehört habe“.

Wie Jakob Bern trat auch St. Moriz-Chorherr Lorenz Hipp zum Luthertum über. Er stammte aus einem angesehenen Rottenburger Patriziergeschlecht und wurde 1537 evangelischer Pfarrer von Remmingsheim. Man wollte ihn bei einem Besuch bei seiner Mutter in Rottenburg verhaften. Doch er wurde in letzter Minute gewarnt und konnte fliehen. Nun ging die Regierung gegen die Mutter samt Familie vor. Sie wurden untersucht auf Verdacht des Luthertums und ihre katholische Glaubenstreue. Mutter Hipp starb vor Aufregung und Sorge um den geflohenen Sohn. Dies war der vorderösterreichischen Regierung peinlich: Sie beschlagnahmte deshalb Hipps Vermögen und Erbteil nicht. Im Übrigen hielt die Regierung den Rottenburgern vor, „ob sie die Ersten sein wollten, die sich in Glaubenssachen gegen das Haus Österreich ungehorsam und widerwärtig zeigen“. Schon 1535 hatte König Ferdinand einen Kriegszug gegen die Stadt Rottenburg geplant, doch scheiterte er an den Kosten.

Rottenburgs letzter reformatorischer Prediger, Chorherr Hans Koler, hielt seit 1546 kirchenkritische und antipäpstliche Predigten. Er sollte ebenfalls verhaftet werden, wurde aber rechtzeitig gewarnt, konnte samt Ehefrau fliehen und bekam vom württembergischen Herzog Ulrich die Pfarrei Böblingen.

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