Noah

Am morgigen  Sonntag darf ich über Noah und die Sintflut predigen. (1. Mose 8, 18-22) So ähnlich habe ich das schon mal 2014 getan, allerdings im „Sündenbabel“ Pattaya. Alte Predigten wiederhole ich nie. Aber ich nehme sie als Vorbereitung. Wie denke ich heute darüber? Und wie denken andere? Was fangen wir heute  mit so einem Mythos an?

Aus der Predigt vom 11.Mai 2014 über Hebräer 11,1-3.7. Lesung: 1. Mose 8,22 und 9,8-17:

Jetzt in der Regenzeit können wir manchmal einen wunderschönen Regenbogen sehen. Natürlich wissen wir noch aus unserem Physikunterricht, wie er zustande kommt. Der Regenbogen ist ein atmosphärisch-optisches Phänomen, das als kreisbogenförmiges farbiges Lichtband in einer von der Sonne beschienenen Regenwand oder -wolke wahrgenommen wird.  Das naturwissenschaftliche Wissen hindert uns aber nicht, die vielfältige symbolische Bedeutung zu erkennen, die gegenwärtig wieder aktualisiert wird.

Die Regenbogenfahne ist ein in der Geschichte wiederkehrendes Symbol, das meist Vielfalt zum Ausdruck brachte.  Während der Bauernkriege symbolisierte sie den Anspruch auf eine Wiederherstellung des Bundes mit Gott, entsprechend der christlichen Begründung ihrer Forderungen sowohl in den Zwölf Artikeln wie auch bei Thomas Müntzer. Noah galt als ein „gerechter, untadeliger Mann“.

Die Zeiten, in denen Noah vor der Flut lebte, werden als „verderbt“ gekennzeichnet. Nachdem er Gott für seine Rettung ein Dankopfer dargebracht hat, trifft dieser mit ihm eine Vereinbarung: Es soll keine weitere Flut diesen Ausmaßes mehr über die Erde kommen – aber Noah und seine Nachkommen sollen sich an einige Regeln halten. Für das Alte Testament läuft die Noah-Geschichte auf Gottes Friedensbund mit Menschen und Tieren hinaus, für die der Regenbogen ein Symbol ist. Und immer, wenn ich ihn sehe, freue ich mich, dass in der Bibel nicht abstrakt von Gott gesprochen wird, sondern in der Kategorie eines Bündnisses. Gott verbündet sich mit den Menschen.

Leider ist in dem Film „Noah“, der gerade hier läuft, von diesem Bündnis nichts zu hören und zu sehen, selbst der Regenbogen wird nur durch seine Farben angedeutet. Der Film schwelgt lieber in Gewaltszenen, als ob wir davon nicht schon genug vorgeführt bekommen. Er nutzt seine imponierende Tricktechnik, um die Sintflut auszumalen, verdirbt aber die Pointe der Geschichte, dass mit Noah und seinen Söhnen samt Schwiegertöchtern ein neuer Anfang gewagt wird. Sicherlich ist es nachdenkenswert, dass Noah kein 100%ig Heiliger ist, sondern ein Mensch in seinem Widerspruch. Dass er aber die Zukunft der Menschheit, die er mit der Arche retten soll, durch die Bedrohung des Nachwuchses verhindern will, stellt die Geschichte auf den Kopf. Da schimmert allenfalls der moderne Intellektuelle durch, der angesichts des Bösen in der Welt keine Kinder in diese setzen möchte.

Als Vorlage für den Film diente dem Filmemacher die vierbändige französische Comicbuch-Serie NOÉ. Der Film stieß in evangelikalen Kreisen der USA auf Kritik. In mehreren islamisch geprägten Ländern wurde die Aufführung des Filmes von den Zensurbehörden untersagt, da er den Lehren des Islams widerspreche.

Im Neuen Testament finden wir einen Nachhall der Noah-Geschichte. Sie wurde ja als „Thora“ in den Synagogen gelesen und studiert. Da die ersten Christen fromme Juden waren, haben sie es ebenso gehalten und diese Schriften später als „Altes Testament“ zur Heiligen Schrift erklärt. Obwohl es immer wieder Christen gab und bis auf den heutigen Tag gibt, die das Alte Testament als veraltet ausscheiden wollen, hat die Kirche das nicht getan. Aber sie liest diese Schriften nicht jüdisch, sondern christlich und bewertet sie nach dem Maßstab „was Christum treibet“ (Luther).

Der „Brief an die Hebräer“ ist dafür ein gutes Beispiel. Im 11. Kapitel werden mehrere Vorbilder aus der alttestamentlichen Geschichte vorgeführt, darunter auch Noah. Sein Vorbild besteht darin, dass er Gott „über alle Dinge fürchtet, liebt und vertraut“. (So die berühmte Erklärung Martin Luthers zum 1. Gebot im Kleinen Katechismus.)

Im Judentum, das nicht einfach aus dem Alten Testament besteht, sondern sich weiter entwickelt hat, wird Noah als ein Gerechter bezeichnet.

Der Gedanke der Genesis, dass der Noah-Bund mit allen lebenden Wesen auf der Erde geschlossen wird, hat zu den Noachidischen Geboten geführt. Sie sind tatsächlich so gefasst, dass keinerlei religiöse Voraussetzung nötig ist wie bei den Zehn Geboten. Es ist ein erstaunliches Dokument jüdischer Humanität, das gewissermaßen die Menschenrechtserklärung der UNO vorwegnimmt. Nichtjuden, die diese einhalten, können als Zaddik „Gerechte“ „Anteil an der kommenden Welt“ erhalten, weswegen das Judentum keine Notwendigkeit der Mission Andersglaubender lehrt.

Die Lehre von den Noachidischen Geboten geht zurück auf die Tradition von Noah in der Tora und Auslegungen im Talmud. Im Talmudtraktat Sanhedrin 56a/b werden die folgenden sieben noachidischen Gebote definiert:[Verbot von Mord, Verbot von Diebstahl, Verbot von Götzenanbetung, Verbot von Ehebruch,Verbot der Brutalität gegen Tiere, Verbot von Gotteslästerung, Einführung von Gerichten als Ausdruck der Wahrung des Rechtsprinzips. Die jüdische Tradition fordert also, dass jeder Mensch ein Mindestmaß an religiösen und rechtlichen Regeln zu beachten hat.

„Der Glaube an eine Kommende Welt (Olam ha-Bah) bzw. an eine Welt des ewigen Lebens, ist ein Grundprinzip des Judentums. Niemandem wird nach jüdischer Lehre das Heil dieser kommenden Welt abgesprochen. Das Judentum lehrt auch, dass alle Menschen sich darin gleichen, dass sie weder prinzipiell gut noch böse sind, sondern eine Neigung zum Guten wie zum Bösen haben. Während des irdischen Lebens sollte sich der Mensch immer wieder für das Gute entscheiden.“

Noch eine Bemerkung zu Noah im Islam. Dort kennt man im Koran eine andere Variante.

Sure 11,25–48 enthält eine Version der Sintfluterzählung. Wie in der biblischen Erzählung belädt Noah hier sein Schiff jeweils mit einem Paar von jeder Tiergattung, mit seiner Familie und mit den wenigen Menschen, die sonst gläubig sind (Sure 11,40). Eine genaue Parallelerzählung zu dem koranischen Bericht ist in der christlichen und jüdischen Tradition nicht zu finden. Weitere Koranstellen zum Thema sind Sure 7,59–64, Sure 10,71–73, Sure 26,105–122. Außerdem ist die einundsiebzigste Sure nach Noah benannt. In dieser Sure sind die Bitten und Drohungen des von Gott gesandten Noah beschrieben, die die Menschen zur Umkehr bewegen sollten.

Die verschiedenen Traditionen werden zum Problem, das in Konflikte führen kann, wenn man die eigene Überlieferung absolut für alle setzt. Davon verabschieden sich Christen langsam und widersprüchlich seit drei Jahrhunderten. Der Islam hat diese Entwicklung noch vor sich. Ein Dialog ist nur möglich, wenn ich der anderen Glaubensweise zumindest ein begrenztes Recht zugestehe. Das muss nicht zum Relativismus führen, denn für mich soll meine Religion absolut gelten. Am besten so, wie es der Hebräerbrief (Kap.11,1) beschreibt:

„Glauben heißt Vertrauen, und im Vertrauen bezeugt sich die Wirklichkeit dessen, worauf wir hoffen.“

Menschen haben bis heute Schwierigkeiten, andere Menschen als Artgenossen zu sehen. Schnell sehen wir die Unterschiede, die uns trennen und manchmal zu Konflikten und Kriegen führen. Da sagt die Bibel nicht nur, dass wir alle von Adam und Eva abstammen – eine wichtige Begründung für die Menschenrechte – , sondern noch einmal von Noah und seiner Familie, die ein gutes Erbe in die Welt bringen. Es ist erstaunlich, dass die Kirche lange auf die sogenannte Erbsünde gestarrt hat statt sich Noahs Erbe bewusst zu machen. „Aus Vertrauen befolgte Noah die Weisungen Gottes“ – uns zum Heil.

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