Im Altenpflegeheim

Mit gemischten Gefühlen betrete ich das Altenpflegeheim, in dem ich einen Gottesdienst halten werde. Vor einem Vierteljahrhundert habe ich es als Gemeindepfarrer mit eingeweiht, unzählige Besuche dort gemacht und wöchentliche Andachten gehalten. Jetzt bin ich ein wenig aus der Übung. Meine letzte Predigtaktivität fand in China unter jungen VW-Ingenieuren und ihren Familien statt. Die konnte ich zur Weltveränderung auffordern. Was kann ich nun hier Menschen sagen, die ihr Leben weithin abgeschlossen haben?

Zunächst einmal bin ich positiv überrascht, wie viele Helfer unserer Kirchengemeinde die Bewohner in ihren Rollstühlen abholen. Sie stellen sie nicht im viel zu kleinen Andachtsraum auf, sondern im Foyer in einen großen Halbkreis. Ich erschrecke, weil ich einige Bewohner aus meiner früheren Tätigkeit wiedererkenne. Damals waren sie rüstig, einige haben aktiv mitgearbeitet. Nun sind sie hinfällig, können sich kaum gerade halten. Ich begrüße sie persönlich, bin nicht sicher, ob sie mich verstehen.

Zum Glück ist eine Organistin dabei, die die Lieder begleitet. Ich singe kräftig vor: „Nun laßt uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren“. Man weiß ja, dass einmal gelernte Verse noch im hohen Alter wirken. Ob über dieses Vermögen die nächste Generation auch noch verfügt?

Dann lese ich den heutigen Bibeltext: Markusevangelium 1, 32-39. Glücklicherweise geht es darum wie Jesus Kranke heilt. „Lauter“, ruft einer. „Die hört sowieso nichts“, ein anderer. Also brülle ich die Sätze hinaus. Dann versuche ich in der Predigt die Ehrenrettung des schönen Titels „Heiland“. Was haben sich unsere Vorfahren gedacht, als sie im Mittelalter das kirchenlateinische „Salvator Mundi“ (Retter der Welt) so übersetzt und germanisiert haben? Mein Focus: Was nützen die schönen Heilungsgeschichten, wenn wir uns nicht heilen lassen? Ich sehe in dieser Perikope, dass Jesus aber auch mal Pause macht. Er entzieht sich dem „Heilungsgeschäft“. Ich erzähle von solchen „spirituellen Pausen“ in meinem Leben. Und dann Jesu Predigt, die „Dämonen austreibt“. Wie übersetze ich das? Schließlich leben wir nicht in Afrika, Thailand oder China, wo man noch an böse Geister glaubt. Oder doch? Nennen wir sie nur anders, „Depressionen“ zum Beispiel? Haben meine Zuhörer nicht alle im Leben viel Böses erfahren und vielleicht auch Böses getan? Sind sie jetzt nicht ihren Alpträumen ausgeliefert? Müssen die Tagesschau-Seher unter ihnen nicht vom Gefühl überwältigt werden, dass die ganze Welt verrückt geworden ist?

Wie auch immer. Ich bin froh, dass ich fast heiser das Schlusslied erreiche: „In dir ist Freude…du der wahre Heiland bist… Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod.“

Ich bin der Organistin dankbar, dass sie ein längeres Musikstück spielt. Denn wie sagte Martin Luther? „Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger (!) macht.“

Als ich meinen Talar einpacke, gibt es nicht nur ehrlichen Dank, sondern auch noch ein wenig Evangelium für mich. Ein Mann, dessen Krücken mir aufgefallen waren, sagt: „Ich habe MS. Unheilbar. Aber durch meine Krankheit bin ich zum Glauben gekommen. Ich bin froh, dass ich kein Atheist mehr bin, der ich mein Leben lang war.“  Ich verspreche ihm, dass ich ihn besuchen werde. Ich will seine ganze Geschichte wissen.

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