Matthäus Alber

Das Reutlinger „Matthäus-Alber-Haus“ als Zentrum der Evangelischen Kirchengemeinde kenne ich schon lange. Es hat mich bisher nie animiert, mich einmal mit dem Namensgeber zu beschäftigen. Erst die Suche nach weiteren Reformatoren für einen Gottesdienst am Reformationstag und eine aktuelle, empfehlenswerte  Ausstellung im Reutlinger Heimatmuseum hat mich nun motiviert und gleich die erste Überraschung ausgelöst: Es gibt weder eine aktuelle Biografie noch eine lesbare Werkausgabe von dem Mann, der in meiner Nachbarstadt Reutlingen die Reformation durchgeführt hat. Sein Leben und Werk sind durchaus von bleibendem Interesse.

Geboren in Reutlingen 1495 als Sohn eines Goldschmieds besuchte er dort die Lateinschule. Als die Familie durch einen Stadtbrand in Not geriet, musste er sich als Kurrendesänger durchschlagen und ging auf Schulen in Straßburg, Rothenburg ob der Tauber und Schwäbisch Hall. Seine guten Leistungen verschafften ihm anschließend eine Stelle als Lehrer in Reutlingen . Doch er immatrikulierte sich 1513 an der Universität Tübingen, wo er den jungen Melanchthon kennenlernte. Als der 1518 nach Wittenberg ging, begleitete ihn Alber, schrieb sich aber 1521 an der Universität Freiburg ein. Schon dort studierte er die Schriften Martin Luthers. Im gleiche Jahr wurde er in Konstanz zum Priester geweiht und übernahm die neu geschaffene Pradikantenstelle an der Reutlinger Marienkirche. Bald überprüfte der Konstanzer Generalvikar die allzu lutherischen Predigten Albers. 1524 kam es zum „Marktplatz Schwur“, durch den ihn die Bürger der Stadt (4000 Einwohner) schützen wollten. Sie hielten sogar einem Wirtschafts-Boykott durch das württembergische Umland aus. Nicht einmal das „Reichsregiment Esslingen“, wo er sich rechtfertigen sollte, konnte ihn stoppen.

1526 entwarf er auf Bitten des Stadtrates eine reformierte Gottesdienstordnung, die im Wesentlichen noch heute gilt: Predigt als Bibelerklärung, Gebete, Psalmen und Lieder.

Es wurde angeordnet, „daß am Morgen frue alle Tag uf ein halbe Stund, nachgends um 8 Ur vor Mittag uss dem N[euen] und A[lten] Testament; und am Abent um 3 Ur nach Mittag ungevarlich uf 1 Stund im A[lten] Testament, mit Erklerung der schweren verborgenen Wort durch andere hellere Wort der Schrift gelesen würde. Nu vor und nach den Predigen oder Lectionen … werden Psalmen und geistliche Lieder zu teutsch gesungen“.

Anders als Luther ging er diplomatisch sowohl mit den aufständischen Bauern als auch mit den Täufern um.

1528 wurde er wegen seiner Heirat exkommuniziert. 1530 vertrat er Reutlingen (als zweite evangelische Reichsstadt) neben Nürnberg auf dem Reichstag in Augsburg und unterzeichnete die „Confessio Augustana“. Schritt für Schritt reorganisierte er die Kirche in seiner Stadt.

1549 ging er nach Stuttgart, das mittlerweile durch Herzog Ulrich reformiert worden war.

1563 wurde er lutherischer Abt des Klosters Blaubeuren, das in eine Schule umgewandelt wurde. Dort starb er 1570 nach langer Krankheit.

Sein Leben ist nicht so aufregend wie Luthers, aber in seiner Beharrlichkeit und Geradlinigkeit doch eindrucksvoll. 

Auf dem in der Stadtkirche Blaubeuren  hängenden Epitaph Albers heißt es:

„Ihn erzeugte die milde Natur zu gefälligem Wesen;

Sanfteren Geist gab sie keinem, auch offener’n nicht.

Standhaft lehrt er, der Erst‘, umringt von tausend Gefahren,

Reutlingens Bürgerschaft, Gott und Erlöser, dein Wort.

Deinen Namen bekannt‘ er und dein Verdienst und den Glauben;

Schmeichelnde Red‘ und Geschenk, Drohungen achtet er nicht.

Darum berief ihn als Hirten das rebenumgürtete Stuttgart,

Seinen Großen den Mann beizugesellen bemüht; …

Bis er am Ende der Amtszeit Blaubeurens Kloster betreten

Und hier, selbst ein Greis, Jüngling‘ und Greise gelehrt“.

Wir Protestanten brauchen keine Heiligen (im römischen Sinne), aber Vorbilder können wir auch gebrauchen.

Näheres unter https://www.wkgo.de/cms/article/print/262.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s